Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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«ww -rrr;. - 415 -- synagogalen Gesang auszubilden, daß es vor lauter Thränen und Seufzern, Verfolgungen und Verhetzungen überhaupt nicht in jenen Zustand der inneren Ruhe und des inneren Gleichgewichts kam, die zur Entwickelung jeder Kunst nothwendig sind, so werden wir diese Erscheinung verstehen und in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen wissen. Aber dann werden wir auch nicht wieder von einer Selbstständigkeit des mittelalterlichen Synagogengesanges reden, nein, wir werden mißtrauisch werden gegen jede Melodie, die unter uns gangbar ist, und werden von keiner einzigen zu behaupten wagen, daß es eine „jüdische Melodie" sei. Denn wer kann wiffen, ob sie nicht zuerst von einem fahrenden Sänger an den Höfen der Fürsten oder von einem Hanswurst auf den Jahrmärkten gesungen und von einem gewissenlosen Vorbeter in die Synagoge verpflanzt worden ist?! Nicht einmal der alterthümliche Charakter, etwa eine archaisirende Wendung einer Melodie, bietet sichere Bürgschaft für ihre Echtheit und Originalität. Denn, wie wir wiffen, reicht die Sitte der fremden Melodien weit zurück, ja, wer kann unter diesen Umständen und nach Erwägung all dieser Thatsachen noch unserer altehrwürdigen Kolnidre- Melodie trauen? Ich weiß, daß ich mit dieser Anschauung fast allein stehe, weiß auch, daß sie sehr radikal ist und rücksichtslos in das Heiligthum manches tief empfindenden Juden eingreift. Allein, man komme mir nicht mit der ergreifenden Wirkung dieser Melodien! Denn zu der tragen die Nebenumstände, die heilige Stille im Gotteshause, die eigene tiefe Erregung sowie nicht zum letzten die Gewohnheit mehr bei als die Melodie selbst. Und wenn auch, aus dem Gefühl religiöser Empfindung kann man nichts für die Geschichte der Melodien beweisen, durch die jene Empfindung wachgerufen wird. Jene Geschichte gehört in das Gebiet der wissenschaftlichen Forschung, und diese sagt uns nichts anderes, als was wir soeben entwickelt haben. Und in der That, ein Blick auf die verschiedenen Charaktere der unter uns gangbaren Weisen sagt uns klar, daß man nicht allzu skrupulös in der Uebernahme fremder Melodien gewesen sein muß. Da finden wir richtig ausgebildete Tanzmelodien, Volkslieder, sentimentale Liebeslieder, Märsche rc. rc. So zum Beispiel habe ich in meinem Zahala we-Rinah eine Anzahl in Süddeutschland gangbarer Synagogenmelodien ausgezeichnet, die uns ein interessantes Bild hiervon darzubieten vermögen: Die Weise zu Alchet (S. 26) klingt wie das Minnelied eines spanischen Troubadours, RI hahodooss (S. 34) würde sich zum schönsten Militärmarsch eignen (eine Melodie zum Piut des Chanuka-Sabbat: Leime sesim bietet eine noch markirtere Marschmelodie), Tal ten (S. 50) ist eine volksliedartige Weise regelmäßigsten Stils, und die Melodie zu Uwjom szimchaschem (S. 21) stellt die schönste Polka mazurka dar. Eine größere Umschau würde das Gebiet solcher Typen noch viel weiter vermehren. Uns mögen die angeführten Beispiele genügen. Es sei mir hier nur noch gestattet, an einem eklatanten Beispiel nachzuweisen,. auf welch natürlichem Wege solche außersynagogalen Melodien den Weg in die Synagoge finden und wieso sie, einmal dahin gebracht, sich dort festsetzen: In meiner (süddeutschen) Heimath betet an den hohen Festtagen ein frommer, braver, heute etwa 60 jähriger Mann seit vielen, vielen Jahren etliche Partien, sowohl Muffaf als Schacharit, auch Kolnidre vor. Dieser Mann singt auf Melech Eljon am Rosch haschono die Melodie zu dem Liede: „Einsam bin ich nicht alleine" aus Webers Musik zu „Preciosa". Ich habe nun festgestellt, daß dieser Mann keine Ahnung davon hatte, woher diese Melodie stamme; er hatte sie von seinem Vater gehört, der gleichfalls vorzubeten verstand. Wie sein Vater zu derselben gekommen war, wußte er natürlich nicht, aber jedenfalls hatte sie dieser zu einer Zeit in die Synagoge übernommen, als jenes Lied aus „Preciosa" -wegen seiner Melodie populär gewesen und wohl auch an das Ohr des einfachen „Dorf-Chasen" gedrungen war. Jetzt hat der Vetter unseres Aushilfsvorbeters die Erbschaft des Vorbeteramtes angetreten und mit ihr auch die der Melodien, und so ist jene Weber'sche Weise in der Synagoge eingebürgert. Eine einzige Ausnahme lasse ich gelten. Eine Partie unseres synagogalen Gesanges halte ich für original. Ich meine das sogenannte Chasonus. Ich verstehe darunter jene recitativartigen Kantillationen, mit denen große Partien unserer synagogalen Texte vom Vorbeter vorgetragen werden. Dazu rechne ich vor allen Dingen die gewöhnliche Wochentagsrecitation, das sogenannte Maarowus, sowohl an den drei Festen als den „heiligen Tagen", die Kantillation der Sabbat-Mincha u. a. m. Alle diese Partien erscheinen so sehr aus dem Text und seiner inhaltlichen Wendung oder aus der Stimmung des Tages heraus geboren, daß ein Zweifel an ihrer Originalität kaum möglich erscheint. Die Zahl dieser Weisen, wenn man sie so nennen darf, ist aber, wie wir sehen, äußerst beschränkt. Denn bei Weiten: nicht alles, was man heute gemeinhin unter diese Rubrik des Chasonus rechnet, gehört dahin. Man hat sich nämlich daran gewöhnt, geeignete Texte in einer solchen recitativartigen Weise vorzutragen, die aber nicht als überliefert erscheint, sondern angeblich nur im Stil jener überlieferten Recitation gehalten ist. Man nennt dann diese Melodien mit einem charakteristischen Namen: „chasonisch". So trägt man im „chasonischen Stil" „einen" Adonaj molach vor oder „einen" atu socher u. s. w. Dann bezeichnet man wohl auch solche Vorträge als im „traditionellen" Stile gehalten. Ich halte das für einen ganz gewaltigen Jrrthum. Denn die koloraturartige Vortragsweise solcher Stücke, die besonders bei polnischen Kantoren zu einer förmlichen Bravour ausgebildet wird, hat mit dem traditionellen Stile, so weit es einen solchen überhaupt giebt, durchaus nichts gemein. Der traditionelle Stil ist einfach, durchaus einfach, ist vor allen Dingen melodiös: ich erinnere nur an das Maarowus von Neujahr und Versöhnungstag mit seinen majestätische», Hellen und klangreichen Weisen. Der sog. traditionelle Stil aber, wie er heute ausgebildet wird, ist weder einfach noch melodiös, er ist im Gegentheil im höchsten Grade komplizirt, mit Schnörkeln, Trillern und kapriziösen Wendungen aller Art durchsetzt, die das Auftreten einer Melodie durchaus stören. Und da es nun einmal feststeht, daß sich diese Art von Recitation so gut wie ausschließlich in den Gegenden des polnischen Ritus findet, daß sie von polnischen Kantoren gepflegt und ausgebildet und auch nur von einem in diesem polnischen Geiste ausgewachsenen Publikum goutirt und verdaut wird, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die einfache, melodiöse Art der Recitation, Wieste in Süddeutschland Brauch ist, dem richtigen, dem wahren „traditionellen" Stile weitaus näher kommt. Einzelne Wendungen, wie der beliebte übermäßige Sekundenschritt, oder antike Tonarten machen noch lange keinen Stil aus und bewirken keinen traditionellen Charakter. Das sind Aeußerlichkeiten, die mit dem Kern der Sache nichts zu thun haben. Und nun mögen, dem Wunsche des unvergeßlichen Steinthal entsprechend, die „traditionellen, jüdischen" Melodien gesammelt werden. Zwar glaube ich nicht, daß das Werk zu Stande kommt, weder mit Hilfe einer Kommission noch auf anderem Wege. Ich will hier die Faktoren nicht nennen, die mir die Möglichkeit einer solchen Sammlung in Frage zu stellen scheinen. Jedenfalls aber, wenn ich mich täuschen sollte, versäume man nicht, sich über die Fragen klar zu werden: „Was ist eine jüdische, was ist eine traditionell« Melodie?"