Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
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414 kräftiges „Pfui Lueger", dann folgen einige Arretirungen, einige Gerichtsverhandlungen, der große Mann unserer Zeit. Dr. Victor Adler, derzeit Führer der österreichischen Sozialdemokratie, wird auf einen Monat mit obligatem Fasten eingesperrt, seine Blätter bringen hochklingende Tiraden von Unterdrückung der Freiheit und Gerechtigkeit — und der Rest ist, die Jllden gießen das Bad aus, sie haben schon wieder einmal für Jemand die Kastanien aus dem Feuer geholt; die Juden sind die Umstürzler, die Revolutionäre; der arme jüdische Teufel mag sich „trösten", er wird verbrannt, wie zu des seligen Lessings Zeiten. Das ist unser Schicksal, ertragen wir es, und — trösten wir uns. Ais die liberale Partei, unseligen Angedenkens, an der Herrschaft in Oesterreich war, da hat man alle Sünden, welche sie beging — und zahlreicher als die Haare auf manchem Kopfe sind ihre Sünden gewesen, an welchen wir noch jetzt kranken — den Juden aufs Kerbholz geschrieben. „Juden-Liberale", noch heute ist dies die beliebteste Bezeichnung jener Partei in den christlich-sozialen Versammlungen und Blättern. Nun hat das Erbe jener Partei, die noch hier und da ein letztes Lebenszeichen von sich giebt, die sozialdemokratische Partei übernommen. Sie ist in starken Worten groß. Geredet wird da unerhört viel. Wenn man mit Worten zerstören könnte, von Lueger und seiner Sippe und all seinen Barriärestöcken wäre nicht ein Atom mehr da. Worte, und was für Worte! Gefäße, welche Heine näher bezeichnet, und keine leeren! Es wäre eine Arbeit, eines Herakles würdig, aus dem Augiasställe der sozialdemokratischen, natürlich aber auch der christlich-sozialen Zeitungen die duftenden Redeblüthen zu sammeln und in einem Schimpflexikon zusammenzustellen. Aber wozu der Lärm? Lueger fühlt sich, wie Dr. Adler und der edle Pernerstorfer, ehemals Deutschnationaler von der Couleur Schönerers, derzeit rother Demokrat, mit rother, weithin leuchtender Nase und zweiter Führer der Sozialdemokratie, tagtäglich versichern, in seiner Stellung nicht mehr gefestigt, er ist dem Sturze nahe, die „Arbeiterzeitung" muß das wissen. Und weil er nicht mehr sicher ist, will er einen „Wahlrechtsraub" begehen, d. h. auch er will das Glück korrigiren, indem er eine „Wahlreform" ausarbeiten ließ, durch welche den Antisemiten in Wien die Herrschaft für alle Zukunft bleiben soll. Darob nun „Talmirevolution" in Wien. Das belgische Muster leuchtet den Herren Adler und Pernerstorfer voran. Die Revolution wird auf die Straße getragen. Man schreit, man brüllt „Pfui Lueger", „Nieder mit der Polizei"; inzwischen aber thut sich Lueger auf seiner Villa gütlich, lacht der Herren Ellenbogen, Adler, Reumann und wie sie alle, diese Volksbeglücker, heißen mögen; er weiß ja, wir leben in Oesterreich und nicht in Belgien, er kennt seine Leute, er weiß, daß seine Stellung befestigter ist als je. Was uns Juden all dies kümmert? Wenig und doch sehr viel. Wenig — denn ob liberal, ob christlich-sozial, ob sozialdemokratisch, uns Juden erblüht bei diesein Wechsel der Erscheinungen kein Glück. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, wie wenig die Sozialdemokratie sich um wahres jüdisches Elend kümmert. Was thut der große Daszynsky für die elenden Arbeiter Galiziens, welche zufällig meist Juden sind? Es giebt kein jüdisches Elend, sagen diese Herren Genossen, die sehr gut zu leben verstehen, es giebt nur menschliches Elend. Aber es giebt doch auch jüdisches Geld, dies wird von allen Parteien gern genommen, und hier schweigt plötzlich der Ruf von der „Internationale". — Und doch kümmert uns Juden dies alles sehr viel. Denn man macht uns schon wieder für alle Sünden und Fehler einer Partei verantwortlich. Wir sind sitten- und religionslos, wir sind Umstürzler, wir freveln gegen Staat und Gesellschaft und Ordnung, und der Antisemitismus gewinnt neue Stützen. Daß wir Jude aus all den politischen und sozialen Veränderungen so wenig zu lernen vermögen! Wir haben für alle Parteien uns ins Vordertreffen gestellt — und was haben wir dafür geerbt? „Undank und Unglück". Mag sich Lueger und sein Heerbann mit Adler und deffen Schaaren in den wüthendsten Kampf einlaffen, wir wollen nicht auf die Straße steigen, wir wollen aus der Geschichte lernen, daß diese Kämpfe dem Judenthum nur geschadet haben, wir wollen einmal neutrale Zuschauer sein. Wir Jude» bedürfen eines mächtigen Schutzes, den können uns nicht die Rothen, nicht die Schwarzen und nicht die Weißen gewähren. Warum soll von Seiten der Regierenden immer darauf hingewiesen werden: Sehet doch diese Juden, sie sind immer auf der Seite unserer Feinde zu finden, und da soll man sich ihrer annehmen? Man mißverstehe uns nicht. Wir wollen keine kleinliche, banausische Politik, welche von Tag zu Tag sorgt, wir sind Freunde der wahren Freiheit und werden sie als Juden stets verfechten. Wir behaupten aber, die wahre Freiheit ist weder bei Lueger, noch bei Adler und Pernerstorfer; von Vorurtheilen sind sie alle erfüllt, und wir verspüren diese Politik der Vorurtheile am eigenen Leibe. Uns fehlt noch sehr viel, bis wir zur wahren Freiheit erzogen sein werden, zu der Freiheit, welche unsere Idealisten, unsere Propheten und großen Lehrer kündeten. Heute herrscht die Despotie der Gasse, die Despotie gewiffer Schreier, welche sich Namen und Schätze erwerben wollen, denen es aber in Wirklichkeit um die Befreiung der Maffen nicht zu thun ist. Diesen Herren Schreiern und Tiradendreschern geht es sehr gut. Sie arbeiten nichts, leben gut und sind Volksführer. Aber wozu sollen wir Juden es sein, welche diese Ochlokraten auf die Schultern heben, die von jüdischem Elend wenig wissen wollen, denen aber das jüdische Geld sehr ans Herz gewachsen ist? Es ist ja möglich, daß auch das Judenthum zur Besinnung kommen wird. Dann werden wir unsere Mardochais und Hamans unterscheiden. Jetzt vermögen wir es noch nicht. Wir sind ja wie in einem taumelnden Rausche. Wird aber die Zeit der Vorurtheilslosigkeit und Freiheit kommen, dann werden wir unseres Trostespropheten gedenken, der vor Jahrtausenden schon von dem Lichte, dem großen, gesprochen, „dem Könige und Nationen nachgehen werden", der es laut der ganzen Menschheit — er, der „Evangelist des alten Bundes" — kündete: daß die Völker dem Tropfen am Eimer gleichen, Fürsten und Mächtige dem Eitlen und Nichts, Völker in der Finsterniß und im Dunklen wandeln, die Herrlichkeit der Gotteserkenntniß aber alles überstrahlt. Und diese Sonne, siehe, sie leuchtet dereinst wohl auch uns. Iwri. Zur Geschichte des fynagogaten Gesanges. Von Dr. A. Ackermann in Brandenburg a. H. III. ^er die ganze intereffante Erscheinung mit denkendem Sinne betrachtet, der muß zu der Erkenntniß kommen, daß die Neigung, außersynagogale Weisen im Gotteshause zu singen, eine sehr tiefe gewesen sein, ja, daß sie im Charakter des jüdischen Volkes gelegen haben muß. Und in der That, wenn wir uns daran erinnern, daß keinem Volke der mittelalterlichen Geschichte ein so geringer Antheil an der Entwickelung der Kunst, und insbesondere der Musik, beschieden war wie dem jüdischen, wenn wir daran denken, daß Israel so viele Aufgaben höherer Art zu erfüllen hatte, als den W'