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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-01 · Heft 35 (1.9.1899) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 zu lösen gesucht, sondern war stets bestrebt, ihren Wirkungskreis zu erweitern, um diese wohlthätige Institution größeren Kreisen zugänglich machen zu können. Der im Berichte des Herrn Rabbiners Dr. S. Goldschmidt in Kolberg über das Hospital im Oktober des Jahres 1896 zum Ausdruck gebrachte Wunsch wegen Ermöglichung der Vergrößerung der vorhandenen Anstaltsräume hatte einen freudigen Widerhall im Herzen aller philanthropisch gesinnten Glaubensgenoffen gefunden. Dieser Wunsch und Ruf zugleich war voul schönsten Erfolg gekrönt, und-am 8. Juni 1899 war es dem Herrn Dr. S. Goldschmidt vergönnt, die Kanzel zu besteigen, um von selber die Einweihungsrede inmitten einer auserlesenen und andächtigen Zuhörerschaft zu halten. So entstand an Stelle des einstigen unscheinbaren Häuschens ein herrliches Gebäude, welches zu Len Zierden des herrlichen Ostseebades Kolberg zählt. In der allernächsten Nähe der Promenade und des Strandes befindet fich die Anstalt, die wie ein stolzer Palast inmitten niedriger Häuschen majestätisch emporragt. Die auf der Stirnseite des Hauses ersichtlichen Worte „Jüdisches Kurhospital" Beth Refua führen uns an die segenspendende Stätte. Im Erdgeschoffe befindet sich ein äußerst geräumiger, hoher, bis an das zweite Stockwerk reichender Speisesaal, welcher durch hohe Fenster das klarste Licht erhält und für über 100 Personen Raum zum Speisen bietet. Daneben befindet sich das Lese- und Schreibzimmer, welchem sich zwei Wohnzimmer und das Dienerzimmer anschließen. Links hinter diesen Räumlichkeiten befindet sich die von Ordnung und Sauberkeit zeugende Küche, versehen mit allen Einrichtungen und Geräthen, denen eines feinsten Hotels gleich. Keller und Borrathskanimer reihen sich der Küche an. Im Seitenflügel rechts befindet sich die Synagoge, zu welcher man nach Durchschreiten einer geräumigen Halle gelangt. Diese gottgeweihte Stätte reicht bis an den zweiten Stock, welche Einrichtung in gefälligstem und behaglichstem Stile gehalten ist und ca. 150 Sitze für Herren enthält. Die im ersten Stock befindliche Galerie umfaßt 80 Sitze sür Damen. Wenn wir die erwähnte Halle nach links durchschreiten, kommen wir auf einen äußerst geräumigen Hofraum, welcher mehrere Turngeräthe für Knabeil und Mädchen enthält. Diesen schließt sich rechts ein ausgedehnter schattiger Park an, welcher den Kranken des Abends ein ruhiges Plätzchen bietet. Auf der linken Seite im Hofe erhebt sich ein zierliches Häuschen, welches im selben Stile wie das Hauptgebäude gehalten ist und das Soolbad enthält. Die Soolquelle trat bei der während des Baues erfolgten Neubohrung in reichlichstem Maße zu Tage und hat durch ihren 5,3 prozentigen Soolgehalt anerkannt hohen Heilwerth. Im ersten Stock des Hauptgebäudes befindet sich die Wohnung des Herrn Dr. Goldschmidt, welcher in hingebungsvollster Weise die Agenden des Vorstandes leitet. An diese Räume anschließend befinden sich die Büreaus und das Sitzungszimmer des Vorstandes. Im zweiten und dritten Stockwerke liegen die äußerst hellen, geräumigen und mit allen sanitären Maßnahmen versehenen Zimmer für etwa 100 Hospitaliten, von welchen aus je eine elektrische Klingel zum Zimmer der Pflegerin führt. Breite und bequeme Treppen sowie helle und luftige Korridore vermitteln den ziemlich regen Verkehr im Hause. Die Ausstattung der einzelnen Zimmer ist einfach, aber mit allen nöthigen Mobilien reichlich versehen. Vom dritten Stock der rechtsseitigen Front hat man die herrliche Aussicht auf die Ostsee, uitb durch deren kühlenden Wellenschlag strömen angenehme Lüfte in die Zimmer der Heilungsuchenden. Die Anstalt steht unter ärztlicher Fürsorge des Herrn Dr. Heinrichsdorff, welcher schon seit vielen Jahren in uneigennützigster und menschenfreundlichster Weise dieser seine Dienste zu Theil werden läßt. In umsichtiger Weise wird in kulinarischer Beziehung von einer Hausmutter Sorge getragen, und eine stets reichliche und abwechselungsreiche Küche wird den Leidenden zur Stärkung und Heilung geboten. Der Gottesdienst wird stets pünktlich abgehalten, und viele Badegäste jüdischen Glaubens finden sich hier zu den Andachtsstunden ein. Vor einem zahlreichen Auditorium hielt Herr Dr. Goldschmidt am Sonnabend den 22. v. M. anläßlich der 25jährigen Wiederkehr jenes Tages, an welchem die erste Anstalt eröffnet wurde, eine erhebende Gedenkrede, anschließend an das Thema des dieswöchentlichen Wochenabschnittes der Haftora „Nachmul Nachinu ami!“ In der Errichtung wohlthätiger Institutionen liegt der Trost, welcher dem Propheten Jesaias an den Trümmern des heiligen Tempels zugerufen wurde: Tröste! Tröste mein Volk! Und wie ein Trost im ewigen Leiden mehren sich von Jahr zu Jahr die segenbringenden Stätten, den dürftigen und leidenden Kindern Israels gewidmet. Möge die stets erneuerte Liebe edler Glaubensgenoffen durch nimmer ermüdendes Eintreten für diese Stätte, in unablässiger Sorge um die gedeihliche Fortentwickelung dieses edlen Werkes sich bethätigen! Brief aus Oesterreich. Ende Juli. iner meiner Freunde pflegt den jüdischen Sommer in folgende Zeiträume einzutheilen: 7 Wochen zählt man, 3 Wochen weint man, 4 Wochen bläst man. Der gute Mann denkt dabei an die Sephira zwischen Passah und Wochenfest, an die 3 Wochen „zwischen den Bedrängnissen" und endlich an den Ellul, der uns an die kommenden feierlichen Tage der Buße und Rückkehr mahnt. Die Eintheilung wäre so übel nicht, wenn er nicht die 7 Trostessabbathe vergessen hätte. Und doch ist für uns der Trost das Nölhigste, Balsam auf die vielen Wunden, welche uns die Feinde außerhalb und innerhalb der Mauern schlagen. „Tröstet, tröstet mein Volk", ein gutes, ein starkes Wort. Erheben, erquicken >vir uns daran, wir haben cs nothwendig. Aber gerade die Trosteszeit ist die sogenannte „tobte Saison". Da weilen unsere Prediger in den See- und anderen Bädern, unsere Vorsteher trösten sich in Marienbad oder Ostende, die Einen repariren die rostig gewordenen Kehlköpfe, die Anderen die schwer verdauenden Magen, der Eine sucht seine Leibesfülle zu mindern, der Andere sein schwer belastetes Hirn in das richtige Geleise zu bringen, und der arme jüdische Teufel muß schon da zusehen, wie er sich ohne Beihilfe von Rabbinern und Vorstehern in der glühenden Sonnenhitze tröstet. Der alte Prophet Jesaias hatte gut von „Trost" zu sprechen. Der Mann war ein Idealist, er wußte von der Schlechtigkeit unserer heutigen Zeit noch wenig; ihm schwebte wohl ein anderes Judenthum vor, als wir es in diesen Tagen erblicken, das Selbstsucht und Eitelkeit zur Schau trägt, und, wenn er von Lueger und seinen Geuoffen etwas erfahren hätte, es wären ihm die großen Worte von einer Menschheit, die dem Lichte Gottes, dem Lichte des Guten und Edlen nachwallen werde, wohl schwer über die Lippen gekommen. Lueger und Genossen gedeihen und blühen und wachsen, während ein Rieseugeschrei ihre Ohren umbraust. „Wahlcechtsranb", das ist der Ruf, welcher der Residenzstadt Straßen erfüllt, dann wieder ein

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