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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-01 · Heft 35 (1.9.1899) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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412 ^""wsww ui iiu>i»iii!a|ji4ii!U} tober 1894 erzühlt dem antisemitischen Redakteur, daß der „jüdische Hauptma»» Alfred Dreyfus" wegen Hochverraths verhaftet sei, und fügt hinzu: „Ganz Israel ist in Bewegung". * Am folgenden Tage wird die Aussage eines Zeugen Weil verlesen. Sie bezieht sich ans Unterstützungen, die Esterhazy mehrfach bei Juden erbeten und von ihnen erhalten hat. Esterhazy hätte 1894 dem Zeugen gesagt, Dreyfus sei unschuldig, werde jedoch gleichwohl verurtheilt werden, und zwar aus Antisemitismus. Am selben Tage trat Oberst Flems als Zeuge auf. Er wunderte sich, daß damals Sandherr und Cordier zugleich von ihrem Amte enthoben wurden, worauf Cordier ihm sagte: „Die Juden haben ihren Einfluß auf Boisdeffre und Gonse geltend gemacht; unsere AmtSentsetzung ist der Anfang der Judenrache." Ferner aus der gestrigen Sitzung: Major Lauth: „Man beschuldigt den Generalstab antisemitischer Gesinnung; 1894 gab es unter uns keine Antisemiten, mit einer einzigen Ausnahme. Diese Ausnahme war Cordier. Er allein las immer die „Libre Parole" und den „Jntransigeant". Als es hieß, es werde ein Jude zur Dienstleistung unter uns befohlen werden, rief Cordier: Man hat uns eine» Juden vorgeschlagen; das fehlte gerade noch!" Cordier: „Das ist ganz richtig, ich war Antisemit, weil einmal in einer Streitsache ein jüdischer Gerichtsvollzieher am Sonntag bei mir pfändete; aber mein Antisemitismus ging niemals so weit, daß ich gegen einen unschuldigen Offizier Zeugniß abgelegt hätte, blos weil er Jude ist. Ich bin ein ehrlicher Mann, wenngleich Antisemit." Dieser Grund, weshalb Jemand Antisemit wird, ist geradezu köstlich! General Dedionne, früher Vorsteher der Kriegsakademie, sagte über die Dreyfus bei seinem Abgang von der Akadeinie ertheilten ungünstigen Noten aus, gegen die Dreyfus sich beschwert hatte. Darauf antwortete Dreyfus: „Nach bestandener Prüfung, die mir Anspruch auf eine sehr gute Klassifikation gab, kam ein Kamerad zu mir und sagte, ein Mitglied des Prüfungsausschuffes habe geäußert: „Keinen Juden im Generalstab". Als ich dann die ungerechte Nummer erhielt, beschwerte ich mich beim General Dedionne mit dem Hinweis auf die mir hinterbrachte antisemitische Aeußerung." Fügt man alle diese Blüthen zu einem Bouquet zusammen, so kann man über den Ursprung der ganzen Affäre nicht mehr im Zweifel sein. V Inzwischen sammeln die französischen Antisemiten immer neue und horrende Schuldbeweise. Die „Libre Parole" bringt jeden Tag einen neuen. Der vom 24. d. M. war aber unzweifelhaft der intereffanteste. Diesmal war es General Bronsart v. Schellendorff, welcher gelegentlich eines von ihm prästdirien Diners vor Offizieren allsländischer Nationalität erklärt haben soll: „Es geschieht dem französischen Generalstabe, der in seinen Schooß Juden zuläßt, ganz recht. Dreyfus ist ein Schurke und Spion." Die Unterhaltung habe englisch (?) stattgefunden. Unglaublich! Auch der antisemitische Graf Castillon überraschte in dieser Woche die Welt mit einer großartigen Entdeckung. In einem an das „Peuple Frantzais" gerichteten Brief erzählt er, wie das Syndikat sich sein riesiges Vermögen erwarb, womit es Zola, Clemenceau »ild die ersten französischen Journalisten, die Presse der Welt, den Rath des Kassationshofes, den Papst und die öffentliche Meinung erkaufte. Graf Castillon machte auf seiner rumänischen Reise diese Entdeckung. In Rumänien erzählte inan ihm, daß der Pariser Oberrabbiner an den Bukarester Oberrabbiner geschrieben habe, er möge eine Sammlung zu Gunsten Dreyfus' veranstalten. Der Bukarester Rabbiner schrieb hierauf jeder Stadt eine Summe vor, die der dortige Rabbiner uni jeden Preis eintreiben mußte. Auf diese Weise floffen 5 bis 6 Millionen Francs zusammen. Diese Nachricht bestätigten angeblich auch Personen, die der rumänischen Regierung nahestehen. Zn dieser Summe kamen dann noch die Sammlungen in Ungarn, Oesterreich und Deutschland dazu, mit welchen das Vermögen des Syndikates sich auf mehr als hundert Millionen belief. Großartig! Nun sind auch der Grand Rabbin de Paris, Dreyfus, und der Arzt am Rothschild-Spital Dr. Weill als Zeugen vorgeladen — um über die 35 Millionen Auskunft zu geben. Uebrigens wurden schon am letzten Sonntag nicht nur die protestantischen Kirchen, sondern auch die Synagogen von Garden bewacht. Der Zusaminenhang ist nicht schwer herzustellen. * Die Juden bilden einen wichtigen Theil der städtischen Bevölkerung des russischen Reiches. Sie zahlen Steuern und tragen alle anderen Munizipallasten; sie haben indeß keinen Theil an der Leitung der Munizipalgeschäfte. Das Städtegesetz vom 11. Juni 1892 untersagt den Juden, an den außerordentlichen Versammlungen der Stadt theilzunehmen, in den Munizipalvcrwaltungen thätig zu sein. Immerhin können die Gouverneure der Städte, wo die Juden das Aufenthaltsrecht haben, eine bestimmte Anzahl von Juden als Stadträthe ernennen, aber unter der Bedingung, daß die Juden niemals den 10. Theil des Rathes bilden. In Wahrheit wird das Verhältuiß nie erreicht, selbst in den Städten nicht, wo die Juden 3/4 der Gesammtbevölkerung ausmachen. Das Komische an der traurigen Sachlage ist aber der Umstand, daß die Antisemiten sich trotzdem darüber beklagen, daß die Juden so wenig Antheil a» den städtischen Angelegenheiten nehmen. **W&s*> Ium 25jährigen Stiftungsfest des Kurhofpitats in Kolberg. Von Moritz Steinhardt. Der Werth eines milden Werkes mißt sich nur nach dem Maße der Liebe, die in ihm waltet. (Talmud: Suka 49 b) fiese schönen Worte begrüßen den Eintretenden in die dem Heile der leidenden und dürftigen Menschheit gewidmete Stätte in Kolberg. Und wahrlich, ein Werk der Liebe baut sich vor den Augen des Beschauers auf. und reine Menschenliebe und edle Empfindungen strömen ihm entgegen. Das Maß der Liebe wird den Leidenden hier in vollsten Kelchen zur Erquickung gereicht, und der Werth des milden Werkes hat nichts Werthvolleres, tvas seines Gleichen wäre. Aus dem im Jahre 1864 in Kolberg begründete» „Komitee zur Unterstützung armer jüdischer Badegäste" trat im Jahre 1872 auf Anregung des Herrn Sanitätsrath Dr. Löwenthal-Berlin eine Versammlung einflußreicher und wohlthäliger Männer zusammen, und aus diesen ging das „Komitee zur Erbauung eines jüdischen Kurhospitals in Kolberg" hervor. Dieses Koniitee erließ im November deffelben Jahres seinen ersten Aufruf an die jüdischen Glaubensgenossen Deutschlands. Dank dieser Bemühungen und der opferfreudigen Unterstützungen wurde das Hospital am 26. Juli 1874 mit zunächst 10 Betten eröffnet und anr 28. desselben Monats feierlich eingeweiht. Fünfundzwanzig Jahre, ein Vierteljahrhundert, sind seitdem verflossen, und der Vorstand der segenbringenden Stätte hatte nimmerrastend seine Aufgaben stets in menschenfreundlicher Weise nicht nur

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