Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-01 · Heft 35 (1.9.1899) · p. Seite 411

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228347--55743-3291974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 411 - deshalb nicht verfehlen, diese Thesen im vollen Wortlaut weiter zu verbreiten. Sie find charakteristisch und werthvoll zugleich. Man wird sich darauf berufen dürfen. Dr. Giese wird also seinem Referat über die Judenfrage folgende Thesen zu Grunde legen: „1. Es ist die Aufgabe der antisemitischen Partei, die Kennt»iß vom wahren Wesen des Judenvolkes zu vertiefen und immer weiter zu verbreiten. Wir stehen erst am Anfang dieser Thätigkeit. Nur aus der Einsicht, daß ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dem Judenvolke und allen anderen Völkern in sittlicher und allgemein geistiger Beziehung besteht, und daß der Jude nicht nur unfähig zur Theilnahme an der naturgemäßen kulturellen und sittlichen Weiterentwickelung der Menschheit, sondern feinem Wesen nach ein Feind aller nationalen wie auch allgemein menschheitlichen Kultur sei, kann der feste Wille zur Abwehr des Judenthums entspringen. 2. Zur Befreiung des deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einfluß fordern wir in Uebereinstimmung mit ernst denkenden Theologen die Ausscheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Religionsunterricht. Was im Alten Testament von Werth für die Bildung religiöser Anschauungen und sittlicher Begriffe ist, läßt sich auf andere Weise in den Religionsunterricht verweben. Die Schicksale des Judenvolkes, seiner Patriarchen, Könige und Propheten gehören in den Geschichtsunterricht; hier werden sie bei unparteiischer Darstellung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkenntniß der jüdischen Volksart abgeben. 3. Die zionistischen Bestrebungen sind eine Frucht der antisemitischen Bewegung. Sie enthalten das Bekenntniß zu der so oft verleugneten nationalen Zusammengehörigkeit aller Juden. Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Zionisten, irgendwo auf dem Erdball ein modern-jüdisches Reich zu errichten, verdienten nur dann Unterstützung, wenn Sicherheit geboten würde, daß wirklich alle Juden gen Neu-Zion ziehen. Das erscheint leider ausgeschlossen. Die Vertretung der Interessen in unserer Mitte lebender Juden aber durch eine staatsrechtlich anerkannte auswärtige Macht würde völlig unerträglich sein. Es ist nicht zu dulden, daß die Alliance Jsraelite souverän wird und einen Gesandten am deutschen Kaiserhose unterhält. 4. Dank der Entwickelung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgiltig durch völlige Absonderung und (wenn die Nothwehr es gebietet) schließlich« Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden. Der wahre Friedenskongreß wird derjenige sein, der sich mit der Stellung der erdbewohnenden Menschheit zum Hebräer beschäftigt. — Bis dahin aber wird es Sache jeder einzelnen Nation sein, sich der Judenplage zu erwehren, so gut sie es den Umstände» nach kann. 5. Einer der ersten Schritte beim legislativen Einschreiten gegen das Judenvolk muß es sein, festzustelleu, wer vor dem Gesetz als Jude gelten soll, und daß es die Abstammung, und diese ganz allein, ist, die die Zugehörigkeit zum Judenthum bestimmt. Der Parteitag begrüßt den im Sommer 1398 veröffentlichten Entwurf zu einem Juden-Matrikelgesetz als willkommene Vorarbeit zur Lösung dieser grundlegenden Aufgabe. 6. In Punkt 19 des Parteiprogramms werden statistische Erhebungen über die Juden gefordert. Es ist nöthig, daß diese Statistik die in Deutschland befindlichen Juden in all den Lebensäußerungen erfaßt, über die bezüglich der Gesammtbevölkerung Erhebungen angestellt werden. Das ist sehr leicht durchführbar, und Preußen hatte eine ähnliche Judenstatistik bis zum Jahre 1861. Die Statistik des Deutschen Reiches läßt in dieser Hinsicht fast alles zu wünschen übrig, 7. Der Parteitag empfiehlt der Fraktion, im Reichstage alljährlich durch geeignete Anträge die Parteien und die einzelnen Abgeordneten zur Stellungnahme in der Judenfrage zu zwingen; nur so können den Auch-Antisemiten Herz und Nieren geprüft, nur so kann den Wählern bewiesen werden, daß von den alten Parteien und ihren Vertretern in der Bekämpfung des Judenthums schlechterdings nichts zu erwarten ist." Es hieße den Eindruck dieser imposanten Kundgebung abschwächen, wenn wir ihr auch nur ein einziges Wörtchen zufügen wollten. 4r Zum Kapitel der Judentaufen veröffentlicht Pastor Th. Zöckler, Judenmissionar in Galizien, in einer Beilage zu dem Kopenhagener Blatte „Dagens Ryheder" einen längeren Artikel über seine Thätigkeit in. jenem Lande, worin er unter anderem aus die großen Schwierigkeiten hinweist, womit sein Beruf verknüpft sei. Besonders beklagt er sich darüber, daß sich die Juden fast durchweg aus rein materiellen Gründen zum Christenihum „bekehrten". Binnen eines ganz kurzen Zeitraumes habe er fünf Juden, die sich hätten taufen lassen wollen, zurückweisen müssen. Er ist der Ansicht, daß Zeit. Geld und Mühe für einen Zweck wie diesen meistens verloren seien. Jude bleibe Jude, und wenn er anch im Ornat eines Generalsuperintendenten oder eines Kardinals auf der Erde umherwandele. Ein antisemitisches Blatt fügt hinzu: „Und es läßt sich ja auch nicht leugnen, daß die Erfahrung in den meisten Fällen diese Meinung bestätigt hat." Zum ersten Mal sind wir in der wahrhaft erfreulichen Lage, sowohl dem Judenmijsionar wie dem Antiseniitenblaite vorbehaltlos zustimmen zu können. & Zu unserer Mittheilung in der letzten Nummer über den Militärdienst der jüdischen Lehrer erhalten wir die beiden nachstehenden, den Sachverhalt aufklärenden Schreiben. Das erste lautet: „Um Jrrthümern vorzubeugen, erkläre ich, daß Leiter jüdischer Lehrerseminarien in Preußen die nöthigen Schritte zur Erlangung der Berechtigung der Zöglinge zum einjährig-freiwilligen Militärdienst schon längst gethan, daß sie aber im Interesse der Sache es für ihre Pflicht gehalten haben, darüber nichts laut werden zu lassen. Zur Klarstellung darf ich auch erwähnen, daß nach dem Allerhöchsten Erlasse vom 27. Januar 1895 (vgl. Centralblatt für d. gcs. Nnterrichtsverwaltung 1898, S. 342) in Zukunft alle Volksschullehrer nur ein Jahr mit der Waffe dienen, sowie daß das Recht des einjährig-freiwilligen Militärdienstes den Zöglingen aller nicht staatlichen — sowohl der christlichen als der jüdischen — Seminarien vorläufig nicht zuerkannt ist. Berlin, 25. August. Dr. M. Holzman Leiter der jüdischen Lehrer-Bildungsanstalt." In dem zweiten Schreibe:! heißt es: „Objektiv betrachtet, ist der Bescheid des Kultusministers vom 6. Juli d. I. betreffs des einjährig-freiwilligen Militärdienstes der jüdischen Lehrer völlig korrekt, denn nach dem Erlaß des Reichskanzlers vom 19. Februar 1896 find nur die staatlichen Lehrerseminarien als solche Lehranstalten anerkannt worden, welche giltige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährigfreiwilligen Dienst auszustellen berechtigt sind. Sämmtliche jüdischen Lehrerbildungsanstalten Preußens tragen keinen staatlichen, sondern einen privaten Charakter, auf welche demgemäß der angezogene Erlaß keine Anwendung finden kann. In dem mir vorliegenden Centralblatt für die gesammte Unterrichtsverwaltung in Preußen, Jahrgang 1898, findet man Seite 154 u. ff. sämmtliche königl. Schullehrerseminarien ausgezählt — nur kein jüdisches, und zwar aus dem eben angeführten Grunde. Um die Ausnahmestellung in der Militärfragzu beseitigen, giebt es nur einen Weg: es gilt, dahin zu wirken, daß den jüdischen Lehrerbildungsanstalten staatlicher Charakter verliehen wird. Es kommt wohl vor, daß einzelnen Privatlehranstalten die Ausstellung eines Berechtigungsscheines zum Einjährig Freiwilligendienst zuerkannt wird, das wird aber sicherlich nicht aus jüdische Seminarien Anwendung finden. Magdeburg, 25. August. Dr. M. Spanier." Wir vermögen freilich nicht einzusehen, was die Regierung hindert, das gleiche Recht wie diesen privaten Lehranstalten den jüdischen Seminarien zuzuerkennen, die doch in ihren wissenschaftlichen Leistungen nicht hinter den christlichen Staatsseminarien zurückstehen. ■#> Wieder einige Blüthen aus dem Dreyfus-Prozeß der letzten Woche. Am 22. verliest Labori eine» Brief Henrys an Papilland von der „Libre Parole". Der bereits bekannte Brief vom 28. Ok-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.