Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 Als die dritte Frage bezeichnen die Alten: Hast du auf das Heil gehofft, hast du geglaubt an die Ideale, von denen die Propheten künden, von denen das Gebet in diesen Tagen in so erhabener Sprache redet, daß sie kommen wird, jene Zeit der Erkenntniß und der Menschenverbrüderung, wo wie ein Rauch alle die Bosheit schwinden wird, welche jetzt das Dasein der Völker vergiftet? Hast bu gehofft und an deinem Theil gearbeitet, daß diese Zeit hinaufkomme? Das öffentliche Leben, unsere Stellung inuerhalb des Staates, innerhalb der religiösen Gemeinschaft richten an uns ihre strenge Forderung. Es ist noch nicht genug, daß Einer redlich lebet und sich fortbildet, es gab Staatswesen, die Den für ehrlos erklärten, der nicht Partei nahm im öffentlichen Streite, der mit engbrüstiger Selbstsucht sich wegwandte von den Bestrebungen, den Fortschritt der Gesammtheit anzubahnen. Wie soll der Tag der Edlen kommen, wenn wir nicht auf das Heil hoffen, wenn wir uns zufrieden geben mit diesem Zustand, wo die Religionen, wo die Völker, wo die Stände wie Todfeinde wider einander stehen? An den Fortschritt glauben, ihn nach dem Maße seiner Kraft fördern und sich einreihen in die Phalanx der Arbeiter, welche vielleicht nicht mehr für die Gegenwart, aber doch für die Zukunft den Bau aufrichtet, unter dem die Völker den Bund des Friedens schließen, das ist die dritte Mahnung des Gewissens. Und hast du ein Haus gegründet? lautet die vierte. Das Haus ist die Felsenburg, die feste Schutzwehr gegen die Sünde. Wer für sich allein lebt, ist die Welle im Strom der Zeiten; hierhin und dorthin treibt sie der Sturm; deffen Leben hat nicht Ziel und Zweck. Das Haus aber, es ist der Fels, an dem die Brandung sich bricht; wie viel auch gegen uns anstürmt, in ihm sind wir geschützt. Die Feinde des Lebens, die Sünde und das Unglück,- sie haben ungleich geringere Kraft gegen Den, der in trautem Verein mit Weib und Kind in seinem Hause waltet. Das Judenthum hat keine Verehrung für Diejenigen, die sich zum ehelosen Leben verurtheilen; seine Priester durften im Heiligthum ihren Dienst nicht verrichten, wenn sie ehelos lebten. Denn nur wer im engen Kreis des Hauses Freud und Leid des Lebens erfährt, wer die Wonnen und die Sorgender Menschen kennt, nur der kann dem Volke dienen. Du hast kein Haus aufgerichtet, du hast den sicheren Hafen verschmäht und dich hinausgewagt auf das wüste Meer, du bist verantwortlich, wenn es dich verschlingt. Die fünfte Frage ist: Hast du im gewöhnlichen Gespräch dich als verständig bewährt? Jedermann weiß, wie viel Unfriede, wie viel Unheil dadurch entsteht, daß müßige Menschen, oft nur aus Langeweile, ihnen anvertraute Geheimnisse auf die Straße werfen oder geringfügige Dinge zu einer besonderen Wichtigkeit aufbauschen oder gar verderbliche Lügen ersinnen. Da sind Leute zusammen, um sich im Geplauder die Zeit zu vertreiben, und weil ihnen nichts Besseres einfällt, zerstören sie in frevlem Leichtsinn Ruf und Glück ihrer Nebenmenschen. Oder andere harmlose Menschen plaudern von kleinlichen und fast bedeutungslosen Dingen, daß ihr Geist öde wird durch diese öden Reden. Nun ist es freilich nicht nöthig, sogleich die erhabensten Fragen der Wiflenschaft in das Gespräch hineinzuflechten; über Gott und die Welt in jedem beliebigen Cirkel zu disputiren, ist vielmehr stets ein Zeichen eines unreifen Geistes; aber rin gebildeter Sinn weiß auch den einfachsten Gegenstand der Unterhaltung so zu wenden, daß er eine tiefere und allgemeinere Bedeutung gewinnt, daß die Erholung nun absichtslos und unwillkürlich zur Belehrung wird. War dein Gespräch eine Tödtung der Zeit, eine Gefährdung deiner Nebeumenschen, eine Verödung deines Geistes, oder war diese Zeit verständig verwerthet, auch darum kümmert sich das richtende Gewissen. Und zum Schluß fragt es: Hast du dir Mühe gegeben, Jeder in seinem Fache, der Gelehrte in seiner Wiffenschaft, der Handwerker in seiner Arbeit, aus eigener Kraft etwas Neues zu ersinnen und so das ererbte Wissen zu mehren? Das scheint vielleicht für den ersten Moment eine übertriebene Forderung. Dennoch ist cs unzweifelhaft, wer in seinen, Gewerbe, in seinem Handwerk, in seiner Kunst, in seiner Wiffenschaft sich darauf beschränkt, das Ueberkommene sich einzuprägen, wen es nicht treibt, nachzudenken, ob denn an diesem überkommenen Schatze sich nichts bessern, sich nichts ändern ließe, wer nicht aus dem Alten das Neue zu schaffen vermag, der kann kein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft sein; von solchen Leuten hört man oft: sie haben sich überlebt, sie sind veraltet, sie sind zurückgeblieben. Und unsere Weisen nennen es geradezu eine sittliche Pflicht, daß Jeder in seinem Berufe nach verständigen, aus dem Alten emporwachsenden und daraus sich entwickelnden Neuerungen trachte. Das ist der Probirstein seiner Emsigkeit, seiner Tüchtigkeit. Aber, fügen sie sodann hinzu, selbst wer redlich lebt, sich geistig fortbildet, seine Bürgerpflicht erfüllt, selbst wer einen Sinn hat für das Haus und seinen Schptz, im Gespräch verständig, in seinem Berufe schöpferisch ist, — damit diese Tugenden wahrhaft fruchtbringend werden, dazu bedarf es des belebenden Hauches der Gottesfurcht. Die Furcht vor Strafe, der Ehrgeiz, die Geldgier und ähnliche Triebfedern können dazu veranlasse», diese in den sechs Fragen bezeichneten Vorzüge uns anzueignen; aber diese Vorzüge sind keine Tugenden ohne Gottesfurcht, ohne jenen Glauben an einen guten Gott, der allein der Quell wahrer Sittlichkeit ist. Unsere Weisen sagen: Wer Wissen hat und keine Gottesfurcht, der gleicht einem Manne, der vor einem Palaste steht, und er hat die Schlüssel, die ihm die inneren Räume öffnen, aber dennoch fehlt der Schlüffe! zu dem Portal, durch das er in den Vorhof treten kann, und ein Anderer braucht von ihm das Gleichniß: Wehe dem, der kein Haus hat und um die Thür für ein Hans sich müht. Wir alle werden dereinst vor den Richterstuhl Gottes treten müssen, wohl uns, wenn wir, so lange wir leben, uns selbst richten, wohl uns, wenn wir am Tage des Gerichts uns prüfen, und unserem Gott geloben: Wir wollen in unserem Wandel gerecht und treu sein, wir wollen den Geist, das kostbarste Kleinod, pflegen, daß er nicht raste und roste, wir wollen begeistert hoffen und glauben an den Fortschritt und an den endlichen Sieg des Lichtes und als Bürger in Staat und Stadt und religiöser Gemeinde das Gemeinwohl fördern; wir wollen die Tugenden des Hauses hüten und in unauflöslichem Bunde zusammenstehen mit den Genossen unserer Familien, wir wollen auch die Stunden der Erholung dadurch weihen, daß wir niedrige und unziemliche Rede von unserem Gespräch fern halten, daß auch die leichte Unterhaltung nicht des Gehalles entbehre; wir wollen, ein Jeder in seinem Berufe, vorwärts streben und den Schatz der Väter zu mehren trachten. Unser ganzes Dasein wollen wir hinausheben aus der niederen Sphäre irdischen Sinnens und Trachtens, indem wir zu Gott aufschauen, indem wir ihn fürchten und ihn ehren. Denn Gott fürchten heißt einen Schatz, einen Schutz für die Ewigkeit gewinnen. Me Woche. Berlin, 29. August. erParteitag der deutsch-sozialenReformparteiwird vom 9. bis 11. k. M. in Hamburg stattfinden. Unter den Anträgen, die unsere lieben Feinde gestellt haben, nehmen die des durch seinen litterarischen Antisemitismus sattsam bekannten Dr. Giese durch ihre groteske Komik den ersten Rang ein. Wir wollen