Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. t y Nr. 35. Berlin, 1. September 1895'. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition .inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs.3 M. Redacterrrr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner LnLrvig Philippson-Bonn. Vcrlags-Grpedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse> Berlin. 3ttl)ll!t« Leitartikel r Zum Neujahrsfest. — Die Woche. — Zum 25iährigen Stiftungsfest des Kurhospitals in Kolbe-vg. Von Moritz Steinhardt. — Brief aus Oesterreich. — Zur Geschichte des spnagogalen Gesanges. Von Dr. A. Ackermann. — FeuiÜetonr Jom Kipur. I. Von Marya Rosenberg. — Die Abtrünnige. XX. Eine Erzählung von Paula Faber. — Reisemomente. III. Von G. K. — Litterarische Mittheilnugen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Danzig, Hamburg, Hannover, Bruchsal, Basel, Wien, New-Pork. — Bon Nay nnd Kern. Jum Neujahrsfest. R. Berlin, 30. August. f ie Talmudwcisen lehren: Dereinst, wenn der Mensch vor den Richterstuhl Gottes geladen wird, wenn er Zeugniß geben soll, wie er das gottvertraute Gut verwendet hat, da werden ihm sechs Fragen vorgelegt, die gleichsani den ganzen Inhalt des sittlichen Lebens darstellen: Warst du in Handel nnd Wandel treu und gerecht, hast du dir eine Zeit bestimmt zum Studium der Thora zur Ausbildung des Geistes, hast du ein Haus gegründet, hast du auf das Heil, auf die von den Propheten verheißene Erlösung der Menschheit gehofft, hast du auch dein gewöhnliches Gespräch ans ernstere Dinge, ans allgemeine Gedanken gelenkt, hast du dich bemüht, den überkommenen Wissensschatz durch eigene Arbeit zu vermehren? Aber wenn er auch diese sechs Fragen mit Ja beantwortet, ist er dennoch nicht der ewigen Seligkeit sicher, wenn nicht die Gottesfurcht sein Schatz und sein Schutz gewesen. Die Alten brauchen dafür folgendes Gleichniß: In Palästina schützte man den Weizen vor den Würmern dadurch, daß man ein wenig salzige Erde in denselben mischte; nun sagte ein Herr zu seinem Diener: Bringe mir ein Mispel Weizen auf den Söller; der Knecht trägt ihn hinauf; da fragte ihn der Herr: Hast du auch die Erde hineingestreut, die ihn vor dem Fraß der Würmer schützt? Der Knecht antwortete mit Nein; da schalt ihn der Herr : Dann wäre es beffer, du hättest ihn gar nicht hinaufgetragen. So fehlt allen guten Werken das Wesentlichste, wenn sie nicht vom Hauche der Gottesfurcht durchweht und belebt werden. Es könnte auffallend erscheinen, daß die Men sich die Kunde beimeffen von den Plänen des göttlicheil Gerichtes, daß sie sich getrost und sicher die Fragen bezeichnen, die dereinst an uns werden gerichtet werden, als hätte Einer aus dem Jenseits ihnen Kenntniß gegeben. Und doch ist diese scheinbar so verhohlene Kunde auf sehr natürlichem Wege zu ihnen gekommen; sie schöpften sie aus deni eigenen Gewiffen, und ihnen ist das richtende Gewiffen das Ebenbild des richtenden Gottes; und die Fragen, die wir stellen, wenn wir unseren sittlichen Wandel prüfen, von ihnen wissen sie es darum genau, daß sie entscheidend sind bei der Rechenschaft vor dem Thron des Höchsten. Warst du in deinem Wandel gerecht und treu? Das ist die erste Frage. Und wer wollte leugnen, daß sie bei ernstlicher Gewiffensprüfung Viele voll Scham mit Nein beantworten müßten, die vor den Augen der Welt gar groß sich zeigen. Da sehe» wir Viele in die Gotteshäuser eilen, durch übertriebene Peinlichkeit in der Uebung des Ceremoniells sich quälen, und wenn wir dieser Formelfrömmigkeit auf den Grund gehen, so wollen sie durch Psnlmensingen nnd Fasten sich gleichsam von Gott das Recht erkaufen, ihre Nebenmenschen zu täuschen und zu trügen. Oder Andere sind mildthätig nnd geben mit vollen Händen; aber wie Mancher spendet einen Theil vom unrecht erworbenen Gute den Armen, um das mahnende Gewiffen zu beschwichtigen, als könnte Gott dadurch versöhnt werden, daß wir Wohlthaten eriveisen von einem Besitz, der durch Sünde in unsere Hand gekommen ist. Wie groß ist oft die Versuchung, ans Wegen, die in der Dämmerung liegen zwischen Recht und Unrecht, auf Bahnen, die wir nicht gerade verbrecherische nennen möchten, die aber doch der strenge Ehrenuiann meidet, zu Geld und Gut zu gelangen, nnd wie Viele erliegen ihr. Aber unser Gott, unser Gewissen, verurtheilt uns, so unsere Hände leicht rein sind. Darum ist die erste Frage: War dein Wandel treu und gerade? Und die zweite lautet: Warst du gegen dich selbst treu und redlich? Bist du nntergegangen im Ringen nach materiellem Erwerb, oder hattest du ein geistiges Streben, hast du dich fortgebildet und durch die neue Erkenntniß die alte erfrischt und befestigt? Schwieriger vielleicht als je ist es heute für Viele, inmitten der hastigen Arbeit des Tages Zeit und Muße zu gewinnen, damit die in den jungen Kopf gelegten Bildungskeime später nicht verdorren und verkümmern,, sondern zu einer schönen Pflanzung sich entwickeln. Der Bildungsmittel werden allen Ständen gar viele und bequem zu erreichende geboten, aber die Berufsarbeit ist so aufreibend, spannt so sehr alle Kräfte an; dazu ist das Vergnügen, das sich jeden Fortschritt der Zeit zu Nutze macht, um so vieles verlockender geworden, daß die Meisten, ermüdet von der Berufspflicht und den Lebensgenüssen, keine.Stunde zu erübrigen wiffen, um den Geist zu pflegen. Dennoch gilt hier das Wort des Rabbi Meir: Wer sich stören lassen will in der Beschäftigung mit der Thora, wer lässig ist in der Arbeit des Geistes, dem fehlt's niemals an Anlaß, und zahllos sind die Gründe, die er scheinbar mit gutem Recht zu seiner Entschuldigung Vorbringen kann, und die ihn dennoch nicht entschuldige». Sollte unser Gewiffen, sollte das Gericht Gottes die Frage versäumen, ob tyir unser höchstes Gut, unseren Geist, gut verwaltet oder vergeudet nnd vernichtet haben?