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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-25 · Heft 34 (25.8.1899) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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rufe aber weder nach Obrigkeit noch Polizei, würde es vielmehr für viel richtiger hatten, wenn im nächsten Jahre eine größere Anzahl wirklich anständig gefinnter Badegäste das schöne grüne Borkum besuchten, um aus eigener Initiative des Bürgerthums dieser wüsten antisemitischen Agitation ein Ziel zu setzen." Auch die „Frankfurter Zeitung" enthält eine ähnliche Zuschrift, gleichfalls von einem Nichtjuden herrührend, der sich vor den Angriffen der antisemitischen Raufbolde nicht retten konnte. Sollte man das in Deutschland für möglich hatten? x. Frankfurt a. M, 19. August. Wie ich Ihnen schon kurz gemeldet, ist der hiesige Samtätsrath Dr. Salomon Herxheimer am 12. d. Mts. auf der Reise in Tirol gestorben. Herxheimer, ein eifriger Alpinistder noch vor wenigen Jahren Jungfrau und Schreckhorn bestiegen, verbrachte seine diesjährigen Sommerferien im Oetzthal, um dort Bergpartien zu machen. Er unternahm einen Aufstieg ins Söldener Gebirge und wurde in der Hütte, die er mit drei Führern nach achtstündigem Marsch erreichte, von einem tödtlichen Herzschlag betroffen. Der Tod erfolgte beim Abstieg vom Becherhaus, etwa zwei Stunden von Sölden. Noch wenige Augenblicke vorher hatte er seine Freude über die ihn umgebende herrliche Gebirgsnatur ausgesprochen, als er plötzlich umsank und fast ebenso plötzlich verschied. In seiner Begleitung befanden sich verschiedene Angehörige seiner Familie. Salomon Herxheimer stammte aus Wiesbaden, studirte in Würzburg und ließ stch als Arzt für Hautkrankheiten in Frankfurt nieder. Er wurde rasch ein vielbegehrter Arzt und erwarb einen großen Ruf als praktischer Dermatologe. Mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist er wenig hervorgetreten; seine Praxis ließ ihm keine Zeit zu schriftstellerischer Thätigkeit. Sanitätsrath Herxheimer hat ein Alter von achtundfünfzig Jahren erreicht. Sein jüngerer Bruder Dr. Karl Herxheimer, ebenfalls Dermatologe, ist Oberarzt der betreffenden Abtheilung des Städtischen Krankenhauses. Die Beerdigung des allgemein beliebten Arztes fand am 16. d. Mts. auf dem israelitischen Friedhofe statt. Der Vorsitzende des ärztlichen Vereins, Dr. Zimmern, legte den ersten Kranz nieder. Er betonte, daß Herxheimer ein Asyl für Hautleidende anstrebte. Leider hat er seine Absicht nicht völlig erreicht, das Asyl wird aber im Herxheimer'schen Sinne entstehen. Sodann widmete Sanitätsrath Dr. Marcus als Freund dem Freunde einen Kranz, Rechtsanwalt Dr. Benkard einen solchen dem verdienten Vorstandsmitglied des Freien deutschen Hochstifts. h. Baden-Baden, 16. August. Die hiesige Synagoge, zu der am 20. Juli vorigen Jahres der Grundstein gelegt wurde, ist heute Nachmittag 7S5 Uhr in Anwesenheit eines eingeladenen Publikums feierlich eingeweiht worden. Das Gotteshaus erhebt sich in freier, erhöhter Lage an der Ecke der Stephanien- und Scheibenstraße und ist von dem Karlsruher Kunstgewerbeschulprofessor Ludwig Levi in romanischem Stil erbaut. Als Material gelangte weißer Mürgthal- Sandstein zur Verwendung. Der Bau bildet mit seinen edlen architektonischen Formen eine Zierde der Stadt und macht auch in seiner inneren Ausstattung einen sehr würdigen Eindruck. Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde in Baden-Baden mag kurz erwähnt sein, daß erst seit 1663 hier Juden wohnen, und daß heute die Gemeinde 53 Mitglieder und 190 Seelen zählt. Bei der Einweihungsfeier war der von Fahnenmasten umsäumte Platz rings um die Synagoge durch Topfpflanzen in einen Blumenhain verwandelt. Der Großherzog von Baden ließ sich durch den Geheimen Regierungsrath Haape vertreten; außerdem waren Oberbürgermeister Gönner und Bürgermeister Fieser mit zahlreichen Mitgliedern des Stadtraths, Vertreter sämmtlicher Behörden und ein großes Publikum aus allen Kreisen der Bevölkerung erschienen. Professor Levi übergab den Schlüssel des Gebäudes dem Vorstand der israelitischen Gemeinde, Julius Mayer, dieser überreichte ihn dem Geheimen Regierungsrath Haape, der die Glückwünsche des Großherzogs aussprach und die Pforten öffnen ließ. Bei der darauf folgenden religiösen Feier hielt Bezirksrabbiner Dr. Mayer die Festpredigt, die allerseits einen erhebenden Eindruck hervorgerufen hat. Mit einem Weihelied wurde die Feier deendet. Abends war in der städtischen Turn- und Festhalle ein gemeinsames Mahl. Hier begrüßte Rechtsanwalt Dr. Herrmann die Anwesenden und brachte ein Hoch auf sämmtliche anwesenden Gäste aus. Kaufmann Julius Mayer, der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde, sprach Herrn Professor Levi seinen Dank für de» schönen Bau aus, dankte den städtischen und Staatsbehörden für ihn Wohlwollen und gedachte ganz besonders der Güte, mit der der Grobherzog die Bestrebungen der israelitischen Gemeinde unterstützt Hai. Sein Hoch galt dem Großherzog, der Frau Großherzogin und dem gesummten großherzoglichen Hause. Weitere Trinksprüche wurden ausgebracht von den Herren Hamburger-Karlsruhe, Mitglied des Oberraths der Israeliten, Dr. Levin-Jreiburg, Ettlinger-Mannheim, Bezirksrabbiner Dr. Mayer-Bühl u. A. An den Großherzog wurde ein Huldigungstelegramm gesandt. Ein Tanzvergnügen bildete den Schluß der schönen Feier. Möge das neue Gotteshaus der israelitischen Gemeinde Glück und Segen bringen! Oesterreich - Ungarn. LI Wien, 21. August. Nach dem Muster der Institution, die Berlin schon längere Zeit besitzt, werden wir nun auch hier einen Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis erhalten. Die Initiative hierzu geht von dem segensreich wirkenden, leider viel zu wenig unterstützten „Verein zur Unterstützung jüdischer Handwerker" aus, und der hiesige Humanitätsverein „Bnai Berith" hat die Anregung sofort ausgenommen und zur Durchführung gebracht. Die Konstituirung des neuen Vereins hat bereits stattgefunden. — Der Ingenieur Herzselder tritt am 23. d. eine auf lx/a Jahre berechnete Reise um die Erde an, zum Besuch Südindiens, Australiens, einiger Südsee-Jnseln und Amerikas. Zweck dieser Reise ist die Hebung des ungarischen Export- und Import- Handels. Das ungarische Handelsministerium und das Handelsmufeum in Budapest haben Herrn Herzfelder die weitestgehende moralische Unterstützung in Aussicht gestellt, außerdem stehen ihm alle Hilfsmittel des ungarischen Handelsmuseums zur Verfügung. — In der Polnaer Mordaffäre finden derzeit durch den Untersuchungsrichter neuerliche Zeugenvernehmungen statt. Es verlautet, daß eine sensationelle Wendung dieses Aufsehen erregenden Prozesses zu gewärtigen sei. — In Znaim ist am 10. d. der Rabbiner Ignaz Holzer, der dortselbst seit 17 Jahren das Amt eines Seelsorgers und Religionslehrers an sämmtlichen Schulen der Stadt versehen hat, gestorben. An dem Leichenbegängnisse am 13. d. betheiligten sich die Stadtvertretung, sämmtliche in Znaim weilenden Professoren und ein großer Theil der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession. — In Leipnik in Mähren wurde vor einigen Tagen der im 60. Lebensjahr verstorbene Herr Herrmann Beck, Ehrenbürger der Stadt und Vorsteher der Jsraelitengemeinde, zu Grabe getragen. — Der Kaiser hat dem pensionirten Oberstabsarzt Dr. Jakob Müller in Oedenburg den ungarischen Adel mit dem Prädikative Retfalu“ verliehen. — Dem in Rio de Janeiro ansässigen Oesterreicher Ciegmund Popper wurde das Ritterkreuz des Franz Josefs-Ordens verliehen. — Nach langem, schwerem Leiden starb in der Nacht am 9. d. M. im Bielitzer Kaiser Franz Josef-Spital der Direktor der dortigen israelitischen Schule, Herr Leopold Blüh, im 47. Lebensfahre, nach 24jährigem ersprießlichen Wirken als Lehrer und Leiter dieser Schule. Als Schöpfer des israelitischen Tempelchores hat sich Herr Blüh um die Hebung des Gottesdienstes sehr verdient gemacht. Frankreich. 8. Paris, 19. August. Eine Affäre, die eine gewisse Aehnlichkeit mit der berühmten Mortara ge schichte ijat, wird der Oeffentlichkeit durch die „Aurore" mitgetheilt. Ein jüdischer Kaufmann G. hatte seinen dreizehnjährigen Sohn Lazare auf Veranlassung des Abbe Tenaille in -er Glashütte von Cleurey untergebracht. Als derselbe dort einige Monate arbeitete, kam der Abbe zu dem Vater des Knaben und verlangte die schriftliche Zustimmung, die das Gesetz bei dem Uebertritt eines Minderjährigen verlangt. Der Vater weigerte sich, der Abbe drdhte mit der Entlassung des Knaben, er richtete indessen nichts aus und entfernte stch wuthschnaubend. Monatelang hörte der Vater nichts mehr von dieser Sache, plötzlich erfuhr er, daß sein Sohn ohne sein Wissen und gegen seinen Willen doch getauft worden sei und jetzt den Namen Louis Emile führe. Herr G. hat nun gegen diesen ungesetzlichen und deshalb ungiltigen Taufakt Klage erhoben. — Die Attentäter, die seinerzeit den Rabbiner Bloch und den Portier der Synagoge, Loeb, in Versailles überfallen und mißhandelt haben, sind vom Zuchtpolizeigericht jetzt verurtheilt worden. Der Rädelsführer erhielt 2 Monate GWngniß und 100 Francs Strafe, 4 Andere kleinere Geld- und GefäNgnißstrafen. Außerdem erhielt Loeb eine Entschädigungssumme zutzesprochen. r

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