Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- 4 Amerika. G. H. Nelv-Uork, im August. Der Kongreß hat eine sogenannte United States Industrial Commission zum Studium der Einwandern ngsfrage ins Leben gerufen, welche letztere wieder ein Subkomitee ernannt hat, das vorige Woche hier seine Berathungen begann. Der Zweck der Kommission ist natürlich, weitere Beschränkungen der Ejn- Wanderung herbeizuführen, oder noch deutlicher gesagt, die Arbeiterstimmen bei der nächstjährigen Präsidentenwahl durch Deklamationen von dem Schutze der einheimischen Arbeit zu kaptiviren. Soweit die jüdischen Interessen in Frage kommen, ist es bezeichnend, daß der Hilfskommissar der Einwanderungsbehörde, Ed. Mc. Sweeney, natürlich ein Irländer, trotz aller Proteste darauf besteht, die Einwanderer nach ihrer Nationalität als Russen, Juden, Polen, Deutsche u. s. w. zu klassifiziren. Die jüdische Einwanderung hat übrigens trotz des bevorstehenden Zionistenkongresses erheblich zugenommen. — Die jüdische Litteraturgesellschaft Jewish Publication Society hat soeben ihren elften Jahresbericht versendet, laut welchem sie 4915 Mitglieder, einen kleinen Zuwachs gegen voriges Jahr, zählt. — Jakob H. Schiff, der bekannte New-Uorker Philanthrop, hat der Harvard Universität in New-Haven ein Geschenk von 25000 Dollars zwecks Baues eines orientalischen Museums gemacht und versprochen, diese Summe auf 40000 Dollars zu erhöhen. — Herr Lucien Bonheur, eine sehr bekannte Persönlichkeit in hiesigen jüdischen Kreisen, behauptet, im Gegensätze zu Ihrer Angabe, daß die kürzlich verstorbene Künstlerin Rosa Bonheur seine Kusine und Jüdin gewesen sei. — Rabbiner Dr. Stolz in Chicago wurde von dem dortigen Mayor Harrison zum Mitgliede des städtischen Schulraths ernannt. — Der bekannte Freidenker Robert Jngersoll ist am 20. Juli in seiner Billa unweit von New-Uork gestorben. Als Vertreter des Voltaireanischen Nationalismus ist er auch der deutschen Leserwelt durch die Uebersetzung seiner „Moses Jrrthümer" bekannt. Er war unzweifelhaft ein glänzender Redner und persönlich von achtbarem Charakter. Die Juden haben eine besondere Verpflichtung, ihm ein dankbares Andenken zu bewahren, denn er hat oft genug in beredter Weise gegen den kirchlichen Antisemitismus Stellung genommen. Er sagt z. B. in einem seiner Borträge: Die Kirche hat von jeher gelehrt, daß jeder Jude ein Auswürfling sei, und so lange Christen diesen Standpunkt einnehmen, werden sie das Ihrige dazu beitragen, die sogenannten Prophezeiungen, daß die Juden auf Ewigkeit zu Kienspänen verdammt seien, zu erfüllen. Manche der besten Menschen, die ich gekannt habe, waren Juden, manche der schlechtesten Christen." — Ihre Leser mögen es sich zu Herzen nehmen, daß selbst amerikanische Damen finden, daß die Berliner Juden die reinsten Heiden seien. Miß Bernstein erzählt bei einer Schlußseier in der Religionsschule der Londoner Reformgemeinde, daß ste in Berlin nicht eine einzige Freundin gefunden habe, die den Sabbath heiligte, und ebenso wenig ein Haus, wo man den Seder gab. Voll Schrecken wandte sie sich an ihren Gewissensrath, Miß Henriette Szold in Baltimore, die ihr sagte, daß solche Verhältnisse in Berlin die Regel seien. Erlauben Sie mir, dem Vorstand und den Repräsentanten bei der Schwierigkeit der Auswahl eines konservativen Rabbiners einen Wink zu geben. Auf das Geschlecht kann es doch nicht ankommen, und gegen Amerikaner dürfte wohl das preußische Ministerium keine solche Schwierigkeit erheben, vielleicht wären auch die Konservativen bereit, den Import amerikanischer Rabbiner als Tauschobjekt für das angefeindete eanned beef gelten zu lassen. Von Nah und Fern. --- Kommerzienrath Gustav Manhei mer hat für die Einrichtung einer Kranken- und Unterstützungskasse für die Angestellten der Firma S. Manheimer die Summe von 10 000 Mark gestiftet. Außerdem besteht bekanntlich schon seit vielen Jahren in diesem Hause eine reich dotirte Kasse für hilfsbedürftige Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma. — Dem Inhaber der bekannten Weinhandlung I. Lubowsky & Comp., Julius Lubowsky, ist aus Anlaß der Feier seiner goldenen Hochzeit vom Kaiserpaare die Ehejubiläumsmedaille verliehen worden. Das Jubelehepaar beging die Feier in voller Rüstigkeit: — Kommerzienrath Emil Jacob hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Der älteste Bürger Potsdams, zugleich einer der ältesten Einwohner der benachbarten Residenzstadt, Rentier Meyer Hirschbürg, ist am 19. d. M. im Alter von neunzig Jahren gestorben. Der Bürgerbrief des Verstorbenen datirt vom 27. November 1832. — Am Wohnhause des Ehrenbürgers der Stadt Strelitz, des Sprachforschers Professor Dr. Daniel Sanders -soll eine Gedenktafel angebracht werden. -Der Kaiser hat bei seinemBesuch imBergischen Kommerzienrath Cop p el aus S o lingen mit der Frage angesprochen: „Sie fabriziren also Waffen V" Coppel bestätigte das mit dem Hinzufügen, daß sein Haus den Vorzug gehabt habe, größere Lieferungen in Aatagans, Kavallerie-, Artillerie- und Ofstziersäbeln für den Staat auszuführen. Der Kaiser bemerkte darauf: „Wir waren ja auch stets mit den Lieferungen zufrieden. Aber Sie sind hoffentlich auch, trotzdem Sie Waffen fabriziren. damit einverstanden, daß wir jetzt in einer Zeit des Friedens leben." Coppel erwiederte, daß wir alle hochbeglückt seien durch den Frieden und sehr wohl wüßten, daß wir denselben dem Kaiser zu danken hätten. — In Salzkotten feierten ihre goldene Hochzeit am 20.d. M. der Kaufmann Moses Cohn und dessen Frau. Die Jubilars, welche im Alter von 82 beziehungsweise 76 Jahren stehen, sind noch sehr rüstig und gesund und erfreuen sich allgemeiner Achtung. — Bei der Hochzeit eines reichen jüdischen Bewohners von Sosnowice erkrankten nach dem Festmahl unter Bergiftungszeichen 38 Hochzeitsgäste, von denen 7 gestorben sind. Die Aerzte nehmen eine Fischvergiftung durch Grünspan an. Die Fische wurden in einem nicht gehörig gereinigten Kupferkeffel gekocht. — In Grodno hat ein großer Brand viele Häuser von Juden, mehrere Synagogen, darunter auch die älteste der Gemeinde, zerstört. — Der bekannte Reifeschriftsteller F. Kanitz, der Neuentdecker der Balkanländer, feierte am 2. d. seinen siebzigsten Geburtstag. — Das Ehrenpräsidium des Orientalisten-Kongresses in Rom wird der Senator Professor G. Aseoli übernehmen. —. Die Ausgrabungen des deutschen archäologischen Instituts in Paris hat Dr. O. Rubensohn jetzt mit Erfolg beendet. Ebenso hat Dr. Ludwig Borchardt bei den Ausgrabungen in Aegypten, speziell bei den fünf Pyramiden des alten Reiches, sich große Verdienste erworben, da diese für das neue ägyptische Wörterbuch, das die Universität Göttingen herausgeben wird, von entscheidender Wichtigkeit sind. — Die Baronin Nathaniel v. Rothschild hat auch der Akademie der schönen Künste in Paris eine Jahresrente von 6000 Francs vermacht, die erblindeten oder lahmen Künstlern zu gute kommen soll. — Der Jahresbericht des jüdischen Gönnte de Bienfaisance in Paris weist für 1698 eine Ausgabe von mehr als einer halben Million Francs nach. Die Einnahmen betrugen 477 000 Francs, von denen aber nur rund 340 000 Francs von jährlichen Beiträgen herrühren. — Die kürzlich verstorbene Madame Halfan hat vielen englischen Wohlthätigkeitsanstalten Legate im Gesammtbetrage von 160 000 Mark hinterlassen. Davon haben jüdische Anstalten a. 60 000 Mark erhalten, und außerdem ist das jüdische Krankenhaus in Marienbad mit 4000 Mark bedacht worden. — Der antisemitische Agitator Rög is, der befürchtete, verhaftet zu werden, ist nach Brüssel geflohen. — Das Konsistorium und der Oberrabbiner von Geldern h^ben sich an den holländischen Kriegsminister mit der Petition gewendet, daß in allen Kasernen geeignete Räume zu Synagogen eingerichtet werden möchten, sobald eine genügende Anzahl jüdischer Soldaten dort sich befindet. Dieser Wunsch wird sicher bewilligt werden. — Der kürzlich verstorbene Dr. Gomez de la Penha in Amsterdam hat außer anderen milden Legaten der hiesigen portugiesischen Gemeinde die Hälfte seines Vermögens hinterlassen. Dieser Theil beträgt über 100 000 Gulden. — Die jüdischen Religionslehrer in Holland haben einen Verein „Achawah", der kürzlich seine Jahresversammlung abhielt. Bei dieser Gelegenheit sandte der Verein ein Telegramm an die Königin ab, die in liebenswürdigster Weise telegraphisch dankte. — Die seitens der englischen Regierung für 1898 an die verschiedenen jüdischen Gemeinden gezahlten Subventionen beliefen sich auf fast 3000 Pfund Sterling, eine immerhin nicht unbedeutende Summe, die aber umsomehr ins Gewicht fällt, als sich darin das Interesse der Regierung bekundet, den daran hauptsächlich betheiligten eingewanderten Elementen eine möglichst gute Schulbildung zu Theil werden zu lassen. — In Chicago wurde von der Gesellschaft „Knights of Zion“ Shakespeares „Hamlet" im Jargon zur Aufführung gebracht. Es scheint jedoch, als ob das Wagestück nicht gerade gelungen ausgefallen ist. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.