Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 Orten die Wandflächen re. mit antisemitischen Unfläthigkeiten verunziert^ werden. Auch die Eisenbahnen müssen, wie zu Stöckers Zeiten, wieder herhalten. So stand, wie der „Berliner Volkszeitung" geschrieben wird,, in einem Nichtraucherabtheil des Wagens Nr. 2150 der Wannseebahn^ in Lapidarschrift eine an Damen gerichtete antisemitische Aufforderung^ wie ste an Pöbelhaftigkeit ihresgleichen sucht. Die Handschrift war^ die eines „gebildeten" Mannes. Der Wagen cirkulirte den ganzen, Nachmittag, so daß zahlreiche Fahrgäste, die in Nichtraucherabtheilen zu fahren pflegen, also besonders Frauen und Mädchen, unter diesem^ Bubenstreich zu leiden hatten! 80. Allenstein, 14. August. Gestern hielt Hierselbst der Ermländische Aussteuerverein seine alljährliche Generalversammlung ab. Dieser im Jahre 1860 gegründete Verein, dem als Mitglieder Israeliten aus allen Städten des Ermlandes angehören, hat fich zur" edlen Aufgabe gemacht, armen jüdischen Bräuten zur Aussteuer eine^ Beihilfe von je 300 Mark zu gewähren. Aus den Zinsenerträgen der' gestifteten Legate und den Mitgliederbeiträgen werden je nach Bedarf jährlich 600 bis 1200 Mark zu diesem humanen Zweck gespendet. In erfreulich großer Zahl kamen die Bereinsmitglieder mit ihren Damen zu dieser Versammlungan die sich ein von der Allensteiner Abtheilung^ gegebenes Fest anschloß. An Stelle des wegen Trauer am Erscheinen verhinderten Obervorstehers, Herrn Rechtsanwalt Fabian aus Guttstadt,' leitete als dessen Vertreter Herr Fabrikbesitzer Rudolf Raphaelsohn von hier die Versammlung, deren Beschlüsse, die einzig und allein den Zweöt haben, echte jüdische Wohlthätigkeit zu üben, dem Verein zum Segen' gereichen mögen. Herr Rabbiner Dr. Olitzki von hier, gab diesem Feste die' religiöse Weihe durch eine gedankenreiche und zu Herzen gehende Ansprache. Die recht gelungene Feier hielt alle Fefitheilnehmer, deren Zahl 300 betrug, in gehobener und freudiger Stimmung bis zum frühen Morgen beisammen. — Bei der gestrigen Schlußübung der Sanitätskolonne des hiesigen Kriegervereins ernteten zwei Glaubensgenossen, Herr Dr. Kamnitzer als technischer Leiter der Kolonne und Herr Mendelsohn als Abtheilungsführer, besondern Dank und Anerkennung für ihre Leistungen seitens des Vorsitzenden, Landgerichtsdirektors Leuschner. X. Lissa i. P., 21. August. Heute verstarb hier der frühere Lehrer Rackwitz, nachdem er noch zu Anfang der vergangenen Woche in leidlicher Rüstigkeit die Feier seines 80. Geburtstages begangen und zu diesem Ehrentage reiche Beweise der Verehrung, namentlich von seinen früheren Schülern, erhalten hatte. Das Andenken dieses frommen) ehrenwerthen, selbstlosen Mannes, dessen Charakter von seltenster Lauterkeit war, wird in der jüdischen Gemeinde Lissas und bei allen seinen vielen Schülern draußen in der Welt in steten Ehren bleiben. —- Gestern wurde auch der frühere Photograph Meier No rdau zu Grabe getragen, nachdem er ein Alter von 73 Jahren erreicht hatte. Der Verstorbene, der früher der Repräsentantenversammlung und auch dem Gemeindevorstand, späterhin dem Vorstand des israelitischen Kranken-Unterstützungsvereins angehörte, besaß ein reiches deutsches und jüdisches Wissen, und seine tiefgehenden Kenntnisse im biblischen und talmudischen Schriftthum hatten an den Diskussionsabenden des Litteraturvereins die Zuhörer oft in Erstaunen versetzt, während sein scharfer Verstand sie fesselte und sein Humor sie erheiterte. Auch sein Andenken wird in Ehren bleiben. 8. Schneidemühl, 15. August. In der vorigen Woche starb hierselbst im 66. Lebensjahre die Wittwe Frau Johanna Behr. Sie gehörte jahrelang dem Vorstände des hiesigen israelitischen Frauenvereins an und hat während dieser Zeit durch ihr rastloses Mitwirken viel zum Aufblühen desselben beigetragen. Zu welchem Danke der Verein fich Frau Behr gegenüber verpflichtet fühlte, bewies, daß der Vorstand in corpore der Entschlafenen das letzte Geleit bis zur Ruhestätte gab und im Namen des Vereins einen Kranz auf das Grab legte. Auch bei der gesummten hiesigen Bevölkerung erfreute sich Frau Behr dex größten Achtung und Liebe, wovon die sehr starke Betheiligung an dem Leichenzuge Zeugniß ablegte. Am Grabe sprach der greise Rabbiner Braun und entrollte in bewegten Worten ein Lebensbild der Entschlafenen. — Friede ihrer Asche! A Brieg, 22. August. Die Feier des 100jährigen Be? stehens der Synagoge beging am Sonntag Nachmittag die hiesigjüdische Gemeinde. Aus. Anlaß der Feier war der Eingang zizx Synagoge mit exotischen Gewächsen geschmückt. Ueber der Pforte pranM | ein prächtiges Blumenarrangement mit den Jahreszahlen 1799—1699 und der Zahl 100 in der Mitte. Zu der Feier waren außer der vollzählig anwesenden Gemeinde Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden, an ihrer Spitze Herr Landgerichtspräsident Brandt, Herren Erster Bürgermeister Peppel und zweiter Bürgermeister Riba, Herr Stadtverordnetenvorsteher Gäbel, die Direktoren der höheren Lehranstalten, Herr Gymnasialdirektor Dr. Pätzolt, Herr Seminardirektor Wäber und Herr Landwirthschaftsschuldirektor Schulz, ferner Herr Pastor prim. Lorenz und Herr Archidiakonus Reich erschienen. Herr Erzpriester Hettwer ließ sich wegen Amtsthätigkeit entschuldigen. Nach einem von Mitgliedern der Kapelle des 157. Regiments unter Leitung ihres Dirigenten Herrn Reidock vorgetragenen Präludium sang Herr Kantor Rosenthal von der hiesigen Gemeinde mit hebräischem Text unter Orchesterbegleitung Na tauwu. Hieran reihten sich Theile des 118. und 122. Psalms als Chor und Solo mit deutschem Text. Der Chor, ein Doppelquartett, war von dem Chor der Breslauer Synagoge entsandt, und fein tonschöner Gesang trug wesentlich zur Verschönerung der Feier bei. Das Solo in diesem wie in mehreren der folgenden Gesänge wurde vom Herrn Oberkantor Cerini aus Breslau meisterhaft gesungen. Hervorragend und ausdrucksvoll erklangen die von ihm bei der Oeffnung der heiligen Lade gesungenen Sprüche, worauf unter Chorgesang der Umzug mit der heiligen Thora erfolgte. Hieran reihte fich 8s'u Leb'orim, Psalm 24, als Solo von Herrn Kantor R osenthal vorgetragen. Derselbe brachte dieses wie das Eingangssolo sonor und ansprechend zum Bortrag, und wurde so seinerAufgabe vorzüglich gerecht. Nach dem Uw’nuchu jaumar bestieg Herr Rabbiner Dr. Rosenthal aus Breslau die Kanzel und hielt im Anschlüsse an ein Gebet eine nach Form und Inhalt meisterhafte Predigt, die mit Dankgebet und Segensfpruch schloß. Nach dem Chor Psalm 127 sprach Herr Prediger Piorkowsky das Gebet für Kaiser und Reich, erneuerte hierauf die Weihe des Hauses, dankte den Vertretern der Behörden und allen Anwesenden für die ehrende Theilnahme an der Feier und knüpfte hieran das Segensgebet. Nach dem Vortrag des Psalms 15 seitens des Herrn Oberkantors Cerini wurde die Feier mit der herrlichen Beethoven'schen Hymne: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" (Solo des Herrn Cerini, dann Chor) geschloffen. Die oftmals recht schwierige Orchesterbegleitung wurde von der 157 er Kapelle musterhaft durchgeführt. Nach der schönen Festfeier vereinigten sich der Vorstand der Gemeinde, bestehend aus den Herren Eckersdorff, Waldmann und Glaser, und das Festkomitee, welches aus den Herren Guttmann, Warschauer und Sachs bestand, mit den Herren Rabbiner Dr. Rofenthal, Prediger Piorkowsky und Oberkantor Cerini, Kantor Rosenthal zu einem kurzen Beisammensein im Hotel zum goldenen Lamm. Erwähnt sei auch, daß Herrn Maurermeister Eckersberg, dem verdienstvollen Leiter der Renovation der Synagoge, in Anerkennung seines Wirkens ein prächtiger silberner Pokal überreicht wurde, wofür der also Geehrte gerührt dankte. Zur Freude gereichte es der Gemeinde, daß aus Mülhausen im Elsaß Gymnastal-Oberlehrer Dr. Levy zur Theilnahme an der Feier anwesend war. Der Urgroßvater desselben wirkte vor 100 Jahren an der Brieger jüdischen Gemeinde als Rabbiner. Zur Erinnerung an denselben stiftete Herr Dr. Levy ein Buch, welches bei der jährlichen Wiederkehr des Weihetages der Synagoge dem besten Schüler bezw. der besten Schülerin der jüdischen Religionsschule überreicht werden soll. Die Feier war von dem Vorstand der Gemeinde und dem Festkomitee sorgfältig vorbereitet worden. Der schöneVerlauf derselben gereicht der jüdischen Gemeinde zur Freude, dem Vorstand derselben und dem Festkomitee aber zur Genugthuung. ** Borkum, im August. Ueber das Treiben der Antisemiten in Borkum erhält die „Köln. Ztg." folgende Zuschrift: „Von Borkum nach Hause zurückgekehrt, übersende ich anbei das „Borkumlied" und das „Neueste Borkumlied", die nach der Melodie „Hipp, hipp hurrah" in Borkum allabendlich in den Restaurationsräumen des Strandhotel Köhler oder Kaiserhof gesungen und von den beiden in diesen Lokalen spielenden Kapellen offiziell vertrieben werden. Vorzugsweise ertönt das „Aeltere Borkumlied" mit seinem hinausgeschmetterten Hauptruf: „Er muß hinaus, er muß hinaus!" Auf meine Pfuirufe wurde ich von allerdeutschesten Deutschen aufgefordert, mit dem nächsten Dampfer Elias Kohn (!) Borkum zu verlassen und nach Norderney überzufahren; Borkum sei nur für die Deutschen, Juden würden nicht geduldet. Ich halte das Absingen derartiger antisemitischer Hetzlieder tatsächlich für einen groben Unfug,