Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Ich könnte aber noch manche derartige Scherze hier folgen lassen, mit denen inan sich in Karlsbad die Zeit zwischen dem letzten Becher und dem ersten Löffel Suppe mehr oder minder angenehm vertreibt,» aber ich fürchte, schon durch die mitgetheilten die Geduld der Leser auf eine harte Probe gestellt zu haben. Mehr wage ich nicht.- Wäre mein alter Freund Chajjim Grünwald wieder hier, so könnte ich vielleicht mit besierer Kost aufwarten, aber von diesem habe ich heute eine Ansichtskarte aus Loschitz —man denke: eine Ansichtskarte aus Loschitz! — erhalten, auf der nichts als die Worte standen: »Ich geh' nix mehr nach Karlsbad. Warum — darum." Da bleibt mir denn nichts anderes übrig, als meinen Bericht abzuschließen und die geduldigen Leser zu bitten, daß sie mir auch zur Nachkur in die Berge die Gefolgschaft nicht verweigern mögen. 6. K. Fitterarische MittheUungen. Jüdischer Volks- und Hauskalender für 1900, herausgegeben von Dr. M. Brann, Breslau, Th. Schatzky. Mit gewohnter Pünktlichkeit erscheint an der Jahreswende der bewährte Jüdische Volks¬ und Hauskalender und bringt auch in diesem Jahre neben dem sorgfältig gearbeiteten Kalendarium und dem beigefügten „Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung" werthvolle Gaben. Die Worte der Trauer, die der Herausgeber und Rabbiner Dr. Rosenthal an der Bahre David Kaufmanns gesprochen haben, und die an erster Stelle abgedruckt stnd, lassen in unserer Erinnerung die mannigfachen Verdienste des theuren Todten um die jüdische Wissenschaft wieder aufsteigen; die sympathischen Züge des allzu früh dahingeschiedenen Gelehrten und edlen Menschen erscheinen vor uns in einem wohlgelungenen Abbild. „Als Epilog zu den Judentaufen", die Dr. Samter in früheren Jahrgängen im Jahrbuch geschildert hat, richtet der gelehrte Verfasser mahnende Worte in dem Artikel „Was thun?" an alle Glieder unserer Religionsgemeinschaft, den Kampf gegen den Abfall und den noch tödtlicheren Jndifferentismus in unseren Reihen nachdrücklich aufzunehmen. Von großem Interesse sind die Briefe, die Gabnel Rießer an den „Dichter und Denker" Steinheim im Laufe von ca. 30 Jahren gerichtet hat; sie sind für die Kenntniß der religiösen und politischen Bewegungen jener Jahrzehnte eine der vornehmlichsten Quellen. Aus seinen Vorlesungen über die arabische Litteratur der Juden theilt Moritz Steinschneider Leben und Werke einiger gelehrter jüdischer Mathematiker und Astronomen mit; den Schluß des in diesem Jahre besonders reichhaltigen Jahrbuchs bildet der Wiederabdruck deranmuthigen Novelle Franc olms: „Die Flucht vor der Braut". A. SÄ Sprerhsaetl. fie kalendarische Bemerkung des Herrn Andorn in Hattingen, die sich im Sprechsaal der Nr.' 32 dieser Zeitung befindet, ist theils undeutlich, theils unrichtig. Undeutlich ausgedrückt ist die Angabe, daß während hundert Jahre das jüdische Kalenderjahr nur zweimal am 5. September begonnen habe. Das trifft wohl für die Zeit 1861 bis 1961 zu, nicht aber für das. zu Ende gehende neunzehnte Jahrhundert, in welchem der Beginn des jüdischen Jahres dreimal auf den 5. September fiel, nämlich 1842, 1861 und 1899. Undeutlich ist ferner die Angabe, daß ein Weltjahr niemals vor dem 5. September beginne. Dies trifft nur für die Zukunft zu; in der Vergangenheit dagegen ist seit Einführung des gregorianischen Kalenders das jüdische Neujahr fünfmal (1595, 1614, 1690, 1728, 1766) auf den 4. September und einmal sogar <1652- .auf den 3. September gefallen. Unrichtig ist die Angabe, daß ein Weltjahr niemals nach dem 5. Oktober beginnen werde. In den Jahren 2214, 2290, 2328, 2347, 2366 u. s. w. ist Neujahr am 6. Oktober, im Jahre 2309 sogar am 7. Oktober, und in den folgenden Jahrhunderten fällt es bisweilen auf ein noch späteres Datum, da das jüdische Jahr bekanntlich etwas zu lang ist. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir, auf einige Curiosa des zu Ende gehenden Weltjahres 5659 aufmerksam zu machen. Es hatte keinen Festsabbath (Sabbath Chol-ha-Moed), was seit 5612 nicht vorgekommen ist; am Sabbath vor Purim wurde der Wochenabschnitt Terumah (sonst im Gemeinjahr Tezaweh) vorgelesen, was ebenfalls seit 5612 nicht der Fall war. Der erste Tag Chanukah fiel auf einen Freitag, und daher kam der Wochenabschnitt Mikez erst nach Chanukah zur Verlesung, so daß auch die für diesen Wochenabschnitt bestimmte Haftora — das Salomonische Urtheil enthaltend — wieder einmal (seit 6635) zum Bortrag gelangte. Endlich ist in diesem Jahre auch die Ritualbestimmung des Grub Tabschilin nicht zur Ausführung gekommen, da kein Festtag auf den Freitag fiel (seit 5612 der erste Fall). N. N. * ^Mn dem in voriger Nummer abgedruckten ersten Theile des „Pro- <3$ tokolls der Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands" findet sich, insoweit es meine Betheiligung an der Debatte, Abstimmung und Antragstellung betrifft, manches Sinnentstellende, dessen Berichtigung mir nothwendig erscheint, zumal ich am zweiten Sitzungstage, amtlich behindert, nicht anwesend war und die Berichtigungen bei Verlesung des Protokolls nicht veranlassen konnte. Zunächst bitte ich einen argen Druckfehler zu berichtigen. Ich habe natürlich nicht gesagt: „die Alten hätten den Tag, an dem die griechische Bibelübersetzung entstanden, als Festtag begangen", sondern im Gegentheil „als Fasttag", und zwar habe ich dies im Zusammenhang mit meinem Urtheil über das Tachau'sche „Biblische Lesebuch" gesagt, das ich probeweise in meiner Schule eingeführt und in dem ich beim Gebrauch zu meinem Bedauern schlimme Übersetzungsfehler gefunden. Ich führte aus der großen Anzahl derselben einige Beispiele an, so die Uebersetzung von rDIPn mnöö (3- B. M. 23, 11 und 15) mit „vom Tage nach dem ^Sabbathe" statt „nach dem Feiertage", ferner: 5. B. M. 33, 3 „und liebend hegte er sein Volk" statt „die Völker" (oder „Stämme"); daselbst Vers 7 „mit Deinen Händen" u. a. — Ich habe deshalb auch der vom Vorsitzenden beantragten Resolution, daß der Verein das Tachau'sche Lesebuch allen jüdischen Schulen zur Einführung empfehle, nur mit dem von mir beantragten einschränkenden Zusatz: „die Uebersetzung sei einer Revision zu unterziehen", zugestimmt. Das Protokoll läßt mich auch sagen, ich hätte mich als Gegner des (deutschen) Bibellesens bekannt und hätte geäußert: „Thoravorlesung und Propheten dürften nur in hebräischer Sprache geboten werden"; es ist weder das erstere in dieser Allgemeinheit der Fall, noch das letztere von mir geäußert worden; ich habe vielmehr das deutsche Bibellesen bei der fürs Bibelübersetzen immer knapper zugeschnittenen Zeit als „Nothbehelf" anerkannt, habe jedoch dabei hervorgehoben, daß das Gesetzliche und die Festabschnitte im Pentateuch sowie einzelne Stücke aus den Propheten (ich exemplifizirte beispielsweise auf die Haftaroth zu Schab. Chason, Sch. Nachmu, Sch. Schuwo) im Original mit den reiferen Schülern durchzunehmen seien. Es ist selbstverständlich nicht zu verlangen, daß ein Sitzungsprotokoll alle gehaltenen Reden und Gegenreden ausführlich enthalte, wohl aber dürfte gefordert werden, daß durch die Kürze der Wiedergabe der Sinn des Gesagten nicht entstellt und die Grundgedanken nicht geradezu ins Geg ent heil verwandelt erscheinen. Ich fände noch manches Wesentliche in dem Protokoll zu berichtigen resp. zu ergänzen, doch es mag für heute mit dieser Probe genug sein. Ich beabsichtige demnächst, sobald es meine Zeit erlaubt, über die Licht- und Schattenseiten des deutschen Bibellesens in einem besonderen Artikel mich zu verbreiten und diesen — wenn es der geehrten Redaktion Recht ist — in diesem Blatte dem Urtheil der Fachmänner zu unterbreiten. Magdeburg, 20. August. Rabbiner Dr. Rahmer. * deicht nur das Jahr 5660 ist ein seltenes, sondern auch das bald DA abgelaufene 6659 war ein solches. Dieses hatte als a"rn rWDp was seit 5612 (1851—52) also seit 47 Jahren nicht vorgekommen ist, und erst wieder 5683 (1922-23) eintreten wird. Osterode i. Ostpr., 20. August. I. Sturmann. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.