Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 407 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228346--55734-3291964- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
407 „Sie wird überhaupt wohl nur hingehen, wenn ihr Herz sie wirklich dazu antreibt, nicht ganz regelmäßig jede Woche. Du weißt ja, so hat sie es doch eigentlich von jeher gehalten. Du mußt sie darin schon gewähren lassen." »Ich? Ich wüßte nicht, wie ich dazu käme, dem Thun und Lassen der Frau Geheimrath Steinhardt noch irgendwie Vorschriften zu machen!" Und der Panzer eisiger Reserve schien wieder undurchdringlicher denn je. Fanden aber ihre suchenden Augen Sonnabends oder an Festtagen die Tochter auf ihrem gewohnten Platz, so pflegte sie erleichtert anfzuathmen. Und während des ganzen Tages war sie dann in weicherer, zugänglicherer Stimmung. (Forts, folgt.) Reisemomente. ii. Karlsbad, im Juli. nd nein zünde der Knabe die Fackel wieder und fülle die Schale mit Nektar!" Das Leben ist doch schön — selbst in Karlsbad. Es ist nicht blos „der schöne Traum eines GotteS", sondern es ist die holde Wirklichkeit eines Menschen — auch selbst in Karlsbald, trotz Ueberfüllung, Hitze, Kurtaxe, theurer Wohnungen u. dgl. m. Wie schön das Leben auch in Karlsbad ist, das habe ich kürzlich sogar am Tischebeaw gesehen. In der traurigen Stimmung, in die ich durch den Tod des Freundes versetzt ward, ging ich am Vorabend des Fasttages in die hiesige Synagoge; aber ich traute meinen Augen kaum — die schöne Synagoge war hell erleuchtet und bis auf den letzten Platz gefüllt, und zwar von einem sehr animirten Badepublikum. Besonders stark war die Damenwelt in duftigen, Hellen Sommertoiletten vertreten. Das Ganze machte einen recht vergnügten Eindruck. Sollte die Verheißung des Propheten wirklich für Karlsbad schon in Erfüllung gegangen sein, daß dieser wie die anderen Fasttage einmal zu Freudenfesten für Israel werden sollen? Erst der Vortrag der Echa-Rolle weckte mich aus diesen schönen Illusionen. Aber auch selbst in diesem Augenblick wollte das fröhliche Geplauder noch nicht verstummen, und der Schames, vulgo Synagogendiener, hatte alle Mühe, die Ruhe herzustellen. Dieser Schames ist aber auch ein vortrefflicher Mann. Wie feine Nüancen wrißte er bei den einzelnen Gruppen anzubringen! Einen Kreis modern gekleideter Männer mahnte er zur Ruhe mit den Worten: „Aber, meine Herren, Sie sind doch hier nicht bei Pupp!" während er mehrere polnische Juden, die sich in ihrer drastischen Weise über den deklamatorischen Vortrag der Kinot moquirten, folgendermaßen apostrophirte: „Scht, Sie sind doch hier nicht im Beshamidrasch!" Die Geringschätzung, mit der der Mann das Wort aussprach, war wirklich von einer komischen Tragik. Aber das ist nicht die Schuld des Mannes, sondern der Zeit, deren wackerer Genosse er ist, und die er jedenfalls zu verstehen scheint. Man erzählt von demselben Manne, daß er einmal einem fremden Herrn die schöne Synagoge, den Stolz der Karlsbader, gezeigt habe. Und als Jener bemerkte: „Dieser Bau muß ziemlich viel gekostet haben!" klopfte ihm unser Mann freundlich auf die Schulter und erwiederte: „Uns Beiden gesagt, lieber Herr!" Der Frager war aber zufällig Baron Alphons von Rothschild aus Paris. Ja, man muß in Karlsbad recht vorsichtig sein mit neuen Bekanntschaften. Man kann ebenso einen Rothschild wie seinen Gegenpart kennen lermn, und das Letztere ist am Ende weniger vergnüglich. Ich erinnere mich dabei einer Anekdote, die ich vor Jahren hier gehört habe» und für die ich Diejenigen, welche sie schon kennen sollten, um Entschuldigung bitte. Zwei polnische Juden treffen sich in Leipzig: „Ah, gut Schabbes, alter Freund! Scholaum aleiehem, wie geht's?" — „Verzeihen Sie, woher habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?" —„Wie heißt, wissen Sie denn nischt mehr, wie wir vor zwanzig Jahren zusammen gewesen sind in Karlsbad?" — „In Karlsbad? Sie täuschen sich mein Herr, ich war nie in Karlsbad, ich kenn'Sie auch gar nischt!" — „Nischt? Nu denn nischt! Aber was sagen Sie doch zu mein Gedächtniß?" Dieses Gedächtniß möchte man unzählige Male am Tage anrufen, wenn man hier immer und immer wieder von Leuten angesprochen wird, deren man sich absolut nicht erinnern kann. Meist mit der stereotypen Frage: „Sind Sie auch hier?" Der Freund hat Recht, der einmal aus Karlsbad geschrieben hat: Wenn Dich Jemand 'hier auf der „alten Wiese" mit der Frage anspricht: „Sind Sie auch hier?" dann antworte keck: „Nein!" und gehe rasch weiter. Diese Antwort ist freilich etwas grob, aber sie trifft den Nagel äuf den Kopf, und man möchte sie gar zu gern anwenden, wenn es die internationale Höflichkeit gestatten würde. Im Karlsbader Badepublikum bilden auch diesmal die Berliner fast die Majorität. Ich erblicke darin kein besonderes Unglück; denn erstens finde ich die Berliner im Einzelnen wie als Kollektivuni netter, als sie von den Reiseschriftstellern zumeist geschildert werden, und zweitens wüßte ich kein Mittel, im civilisirten Europa ivährend der heißen Tage den Berlinern zu entgehen. Wenn es gestattet wäre, einen Psalmvers zu parodiren (und selbst unsere rigorosen Alten haben sich ja solche Scherze gestattet), so könnte man ausrufen: „Wo soll ich hingehen vor dem Berliner? Führe ich gen Himmel, so ist er da, bettete ich mich in die Hölle, so ist er auch da; nähme ich die Flügel der Morgenröthe und bliebe ani äußersten Meere, so würde er auch dort sein!" Also da hilft alles nichts, und die Berliner, die ich in Karlsbad getroffen, sind wahrlich nicht die schlimmsten. Ja, ich wollte, wir hätten viele solcher Kurgäste — in Berlin selbst. Der Vergleich mit den Glaubensgenossen anderer Gemeinden und andererLänder fällt hier doch meistens zu Gunsten des Berliners aus. Nur die Frage: „Haben Sie immer noch keinen Rabbiner?" kann ihn in Harnisch bringen, sonst ist er gemüthlich, klug, sür einen guten Witz empfänglich, ja sogar dankbar, gelegentlich selbst witzig und von regem Interesse für alle jüdischen Fragen. Wird er erst einmal einen Rabbiner haben, — und die Hoffnung ist ja keineswegs abzuweisen, — dann wird er ihn ohne Zweifel besser und würdiger behandeln als der Glaubensgenosse aus dem schönen Ungarlande, von dem mir gestern im „Posthof" eine recht drastische Geschichte erzählt wurde. Er lag im Streite mit dem Rabbiner seiner Heimathsgemeinde, und da der Vorsteher ausnahmsweise einmal dem Rabbiner Recht gab, auch mit Jenem, so daß er sich zu dem Ausruf Hinreißen ließ: „Der Vorsteher ist grad so ein Chammer wie der Rabbiner!" Darauf Ueß ihm der Vorsteher mittheilen, daß er ihn verklagen würde, wenn er die Beleidigung nicht öffentlich zurücknähme, die er ihm zngefügt. Was thut nun der wackere Mann? Er stellt sich am nächsten Sonnabend vor die Synagoge und erklärt feierlich: „Ich zieh' meine Beleidigung von letzthin zurück und erkläre hiermit, daß unser Vorsteher nicht so ein Chammer ist wie unser Rabbiner." Was der Rabbiner darauf gethan, das wußte mein Berichterstatter leider nicht mehr zu melden.