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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-25 · Heft 34 (25.8.1899) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 406 (sequence 10)
Language
German
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Gaffen der Neustadt, gab eS hier breite Straßen, deren in große Gärten eingebettet liegende Häuser zum Theil mit derselben Raumverschwendung angelegt zu sein schiene» wie die sie umgebenden parkartigen Anlagen. Statt des unruhigen Straßentreibens in der Stadt herrschte hier eine fast feierliche, wohlthuende Stille. In leuchtender Klarheit, durch kein verschleierndes Dunstgewökk verhüllt, stand groß und voll der Mond am Himmel. Die frische Luft hatte schon beinahe alle Spuren des Nachmittagsregens anfgetrocknet, nur hier und da erinnerten noch einige kleine, im Widerscheiil des Mondlichts hell aufstrahlende Wafferlachen daran. Von Zeit zu Zeit fuhr ein stärkerer Windhauch durch die bereits herbstlich raschelnden Blätter der in der klaren Beleuchtung fast schwarz erscheinenden Bäume und Sträucher, beinahe das einzige Geräusch in dem alles erfüllenden vornehmen Schweigen. Simonette athvete unwillkürlich tief auf. „Wir sind gleich da," sagte Alphons und bog rechts ab, in eine Straße von dem vorhin geschilderten aristokratischen Aeußeren, die aber nur an einer Seite mit Häusern besetzt war. Die andere wurde von dem jetzt im Mondlicht silbrrschimmernd daliegenden, die Stadt durchfließenden Nebenfluß des mächtigen Elbstromes gebildet. Die Häuser, an denen sie jetzt entlang schritten, hatten keine Vorgärten, sondern lagen hart an der Straße, so daß die Vorübergehenden dort, wo keine Vorhänge oder Jalousien dies wehrten, durch die Fenster einen Blick in die meist reich eingerichteten Räume werfen konnten. Vor einem der stattlichsten Gebäude, das, gänzlich neu hergerichtet, mit einem hellen frischen Oelfarbenanstrich förmlich in den schweigende,« Abend hinausglänzte, machte Alphons Halt. „Hier ist's" sagte er mit gedämpfter Stimme, „und sieh', Mutter, wir habe» Glück." Dann geleitete er sie einige Schritte zurück, so daß sie bequezn das hellerleuchtete Gemach, dessen Lampenlicht durch kein Rouleaux oder dergleichen gehemmt auf die Straße fiel, Überblicken konnte. Und da sah sie ihre Tochter, wie sie es begehrt, ohne die verbergenden Krepphiillen des Morgens. Regina schien Anweisungen für einige im Zimmer zu treffende Einrichtungen zu geben. Wenigstens sahen die Draußcnstehenben sie mehrere Male mit der Hand in der ihr von jeher eigen gewesenen kurzen, entschiedenen Art auf etwas deuten, dann selbst nach jener Richtung schreiten, während hinter ihr in respektvoller Entfernung der ausdruckslose Kopf eines herrschaftlichen Dieners und der eines ersichtlich dem Handwerkerstande angehörigen Mannes erschien. Tie Mutter starrte, des vom Wasser herttberwehenden kalten Windes nicht achtend, wie verzaubert in das Zimmer, das mit den reichen Spitzengardinen, der dunklen Wandtäfelung und dem Wenige», was von ihrem Platze aus von der vornehm-gediegenen Einrichtung sichtbar war, einen gar traulich anheimelnden Eindruck machte. Von all jenen Dingen aber sah sie nichts. Sie sah jene Eiye, lang Entbehrte, einzig und allein. „Wie schmal sie geworden ist," sagte sie nach einiger Zeit vor sich hi». , „Sie sieht viel besser aus als vor einem halben Jahr, und in Ermatingen war sie seinerzeit sogar noch viel angegriffener als jetzt vor sechs Monaten," bemerkte Alphons, „aber, Mutter, Du mußt hier fort; es zieht zu arg." Sie schüttelte den Kopf. „Einen Augenblick noch!" bat sie. „Du erkältest Dich. Wir können ja ein andermal wiederkommen. Uebrigens, da, Regina hat uns gesehen!" So war es. Das Arrangement, oder was es immer gewesen war, im Zimmer schien beendet und die Leute entlaffen zu sein. Regina Steinhardt war müden Schrittes ans Fenster getreten, wohl um den Reiz jenes Mondbildes auf sich wirken zu kaffen, als plötzlich ihre Augen auf die unten auf dem Trottoir Weilenden fielen. Ungläubig staunend beugte sie sich vor, so daß das klassische Oval ihres Antlitzes eine Sekunde scharf von den Mondstrahlen beleuchtet wurde. Auf ihren Zügen malte sich statt der bisherigen abgespannten Gleichgiltigkeit grenzenlose Ueberraschung, unsagbare Zärtlichkeit. Und dann war sie blitzähnlich mit einer leidenschaftlich bittenden Pantomime vom Fenster verschwunden. Aber auch die Mutter war nicht auf ihrem Platz stehen geblieben. Kaum hatte sie sich von ihrem Kinde erkannt gesehen, als sie beflügelten Schrittes, der bald direkt in Laufen überging, ihren Sohn mit sich ziehend, das Weite zu gewinnen strebte. Als Regina mit derselben rasenden Hast, mit der ihre Mutter vor ihr geflüchtet, zum Hause hinausstürzte, sah sie nur noch in der Ferne die rasch davoneilenden Gestalten der Beiden. Gleichzeitig wandte Alphons sich um und machte ihr warnend, abmahnend, ein Zeichen, ihnen nicht zu folgen. Langsam kehrte sie in ihr leeres Haus zurück; aber ihr Gemüth war von hoffnungsvollerem Empfinden durchzogen als seit langer Zeit. „Es war doch ein Anfang," sprach sie sich mit den gleichen Worten, die ihr Bruder gebraucht hatte, Muth zu, „nur sich selbst nicht aufgeben!" Und im selben Sinne redete auch später Alphons zu ihr, hinzufügend: „Laß die Hoffnung nicht sinken. Du warst doch sonst so tapfer, Regina, Schwesterherz." $ Es schien, als solle diese Tapferkeit auf eine harte Probe gestellt werden. Zweimal noch wiederholte Regina den Versuch, ihre Mutter zu sprechen, und zweimal noch mußte sie unverrichteter Sache wieder umkehren. Aber jedesmal kam dann Abends die Mutter und blickte empor zu den erleuchtete» Fenstern ihres Kindes, das wieder an ihr Herz zu nehmen sie sich nicht entschließen konnte. Ja, auch als Regina, entmuthigt durch die Zurückweisungen, ihre Bemühungen vorläufig einstellte, erschien sie auf jenem Platz mindestens einmal wöchentlich. Und Regina, von ihrem Bruder davon in Kenntniß gesetzt, zog Abends nie einen Vorhang vor oder ein.Rouleaux herab. War es doch für sie eine unbeschreibliche, bittersüße Freude, wenn sie, wie sie es nun häufig that, in das nächtliche Dunkel hinausspähend, wenigstens jene geliebte Gestalt draußen gewahrte, wenigstens jene theuren, schmerzlich entbehrten Blicke auf sich ruhen fühlte, wiewohl sie nie durch eine Bewegung, überhaupt durch irgend etwas zeigen durfte, daß sie wiffe, wer dort unten weile. „Geduld, Geduld," mahnte Alphons unaufhörlich. Und so beschied sie sich, weil ihr ja auch zu thun nichts anderes übrig blieb. Den Platz in der Synagoge hatte sie nach einigen Wochen mit einem anderen, nicht so ins Auge fallenden, vertauscht, von der Empfindung bewegt, sie bringe ihre Mutter um ihre ganze Sammlung. Mit heißer, wunderbarer Genugthnung jedoch hatte sie dann am nächsten Sonnabend wahrgenommen, wie sehr die Blicke der einsaiWN Frau sie suchten und nicht rasteten, bis sie sie gefunden hatten. Und als sie bald darauf einmal an einem Sonnabend gar nicht dort erschien, fragte die Mutter, wie sie später von Alphons erfuhr, diesen am Mittag mit schlecht verhehlter Unruhe: „Ist Deine Schwester krank?" „Nein, so.viel ich weiß!" versetzte er erstaunt. „Ich habe sie gestern zuletzt gesprochen und vollkommen wohlauf gefunden. Weshalb meinst Du? " „Sie war heute Morgen nicht in der Synagoge."

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