Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-25 · Heft 34 (25.8.1899) · p. Seite 405

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 405 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228346--55732-3291962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wechselbeziehungen zu einem festgeschlossenen Ganzen zusammen, und so leben Alle im All, und das All lebt in Allen. Dieses weltliche Evangelium wurde zu einem mächtigen Hebel der Toleranz unter den Menschen und trat zur rechten Zeit ein, gerade yls die „Aufklärung" in ihrer Ueberreiztheit und in ihrem Hochmuth die soziale und religiöseJntoleranz gegen Juden und Judenthum zum System erhob. Man hat gegen Goethe oft den Vorwurf der vornehmen kühlen Zurückhaltung erhoben. Solche Gefühle pflegen sich bei Männern einzustellen, die mit Menschen von einseitiger beschränkter Lebensauffassung üble Erfahrungen machen. Sein Einheitsgedanke erhob ihn über die Parteistandpunkte seiner Zeit, und von dieser Höhe aus mochte er wohl kalt und unnahbarerscheinen. Seine Humanität war aber eine echte und edle durch die Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe, die er in der Auffassung des Grundwesens des Judenthums durch die Worte, die er in einer prophetischen Schau über dasselbe gesprochen, bewährt hat: „An Selbständigkeit. Festigkeit, Tapferkeit und, wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit sucht es seines Gleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde; cs ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen." Wenn Shakespeare Shylock sagen läßt: „Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Sinne. Neigungen, Leidenschaften, und mit derselben Speise genährt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt? Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht, wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?" wenn der Dichter damit mit der einfachsten natürlichen Sympathie bekundet, daß er die Juden doch als Brüder dem Fleische nach gelten läßt, so erkennt sie Goethe, wie wir aus seinem citirten Urtheil entnehmen, auch dem Geiste nach als seine Menschenbrüder an. Der klarste Ausdruck seiner umfassenden Toleranz und Humanität, aus der Niemand ausgeschlossen ist, ist das Glaubensbekenntniß, das er Faust in den Mund legt: „Will Niemand sein Gefühl und Kirche raube». — Der Allumfasser, der Allerhalter, faßt und erhält er nicht Dich, mich, sich selbst? —Und wenn Du ganz in dem Gefühle selig bist, nenn es dann, wie Du willst, nenn es Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles." Goethe hat die Menschheit auf der Bahn der Kulturentwickelung um ein Bedeutendes vorwärts gebracht, und in seinem Einheitsgefühl hat er, wie Alle, so auch die Juden bedacht und das Judenthum als bedeutsamen Faktor in der Geschichte der Menschheit anerkannt und wohl beratheu, „den Nanien Jehovah durch alle Zeiten zu verherrlichen". EUILLETON Are Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Fab er. « XIX. Ms^ls Simonette da Silva auf Judiths lakonische, von unausgesprochenem Vorwurf erfüllte Bestellung: „Herr Doktor (j lassen Madame bitten, wieder hereinzukommen, es wäre Niemand mehr da!" ins Haus zurückkehrte, machte sie auf ihren sie heimlich beobachtenden Sohn den Eindruck eines mit sich selbst gründlich unzufriedenen Menschen. Er, der so genau wußte, was in ihr vorging, als habe sie ihm ihr innerstes Denken in langer, wohlgesetzter Rede klargrlegt, überließ sie ruhig dem Zwiespalt ihrer Gefühle und begab sich auf einige Krankenbesuche. Wieder daheim angelangt, saß er beim Mittagsmahl der schweigsamen Frau ebenso stumm gegenüber. Die einzig« Unterbrechung der zwischen ihnen herrschenden Stille bestand darin, daß er sie energisch hinderte, die dargebotenen Speisen gänzlich unberührt zu lassen.. Im Uebrigen wußte er, die Stimme in ihrem Herzen sprach unendlich viel beredter, als er es mit Aufbietung seiner ganzen Rhetorik im Stande gewesen wäre. Aber würde sie auf dieselbe hören wollen? Er kannte an seiner Mutter eine so unerbittliche, an Härte streifende Willensfestigkeit, daß er durchaus noch nicht davon durchdrungen war und von dem heutigen ersten Ansturm auch deshalb im Grunde keine entscheidende Erschütterung erwartete, so daß er trotz allem im Stillen Gehofften sich überrascht umwandte, als sie begann: „Alphons, hast Du heute Abend etwas vor?" Ob sie ihm die athemraubende Spannung nicht ansah? — Er meinte, eine übermenschliche Selbstbeherrschung zu entwickeln, als er möglichst diplomatisch gelassen antwortete: „Nur drei Patienten noch aufzusnchen, Mutter. Dann stehe ich zu Deiner Verfügung. Hast Du irgend welche Befehle für mich?" „Ja." Ihre Stimme sank zum Flüsterton herab. „Ich, ich möchte nachher noch einmal fortgehen. So zwischen acht und halb neun Uhr etwa. Kommst Du mit?" „Sehr gern." Es kostete ihn große Anstrengung, seine äußere Ruhe zu bewahren. „Aber soll ich nicht lieber einen Wagen bestellen?" „Unter keiner Bedingung," entgegnet« sie hastig, „das Wetter ist ja gut." „Es hat vorhin stark geregnet." „Aber jetzt ist es schon fast wieder trocken. Nein, ich fahre auf keinen Fall." „Gut, ganz wie Du willst." Als er zur festgesetzten Zeit wieder eintraf, fand er seine Mutter bereits fertig angekleidet, seiner harrend. Wortlos reichte er ihr den Arm, und die Wanderung begann. „Du fragst gar nicht, wohin ich zu so später Zeit noch will!" sagte sie halblaut. „Ich glaube, ich weiß eS, Mutter!" versetzte er ernst. „Ich hoffe es wenigstens." Sie preßte seinen Arm fest an sich. „Nur vor ihrem Hause möchte ich stehen, sie selbst vielleicht von Weitem durchs Fenster einmal erblicken," stieß sie in einem Ton heraus, dem man die ganze namenlose Seelenqual anhörte, „oder ihren Schatten etwa an irgend einer Wand sich bewegen sehen. Mehr aber kann ich nicht, ich sage es Dir vorher!" „Mehr sollst Du auch nicht, Mutter," erwiederte er gütig. „Wer wird Dich zu etwas zwingen wollen? Thu' ganz nach Deinem Belieben. Aber dies ist doch ein Anfang. Wir wollen's wenigstens so versuchen, wie Du meinst. Reginas Wohnzimmer liegt zur ebenen Erde, vielleicht treffen wir es günstig. Laß uns gehen!" Es bedurfte keines weiteren Ansporns. Mit jugendlicher Elastizität schritt die Einundsechzigjährige dahin. Bald hatten sie die engen, krummen Straßen der „Neustadt" hinter sich gelassen. Ueber die in Parkanlagen umgewandelten ehemaligen Wälle der früheren Festung ging hierauf der Weg. den sie beide in tiefem Schweigen zurücklegten. Und nach Durchschreitung der „Esplanade" genannten, den Ausläufer der eigentlichen Stadt bildenden Straße hatten sie, alsdann abermals schöne Anlagen durchwandernd, ihr Ziel, das eigentliche Villenviertel der großen Handelsmetropole, erreicht. ' Es war, als sei man nicht mehr in derselben Stadt. An Stelle der schmalen, düsteren, von hochgiebeligrn Häusern dicht besetzten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.