Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
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dessen System er sich mit Begeisterung versenkt, und das ihm zur Kunst- und Lebensregel geworden. Aber er hat sich doch damit zugleich mitden positiven Religionen ein für allemal auseinandergesetzt. Religion in diesem Sinne ist ihm Mystizismus, das gerade Gegentheil seines Bekenntnisses von der absoluten Vertrauenswürdigkeit der Sinne, „die kein Falsches dich schauen lassen, wenn dein Verstand dich wach erhält". Daß Goethe bei dieser seiner Geistesrichtung dem Judenthum als solchem scheinbar keinen Geschmack abgewinnen konnte, ist begreiflich. Die Bibel, speziell das Alte Testament, das er hoch gehalten, flößte ihm als Kunstwerk plastischer Darstellung und antik naiver Lebensanschauung warmes Interesse ein. Die intensive Kraft der biblisch-hebräischen Poesie, die die Natur mit Gottes Hauch wunderbar belebt, mußte seine Bewunderung erregen. Wenn Gott in der biblischen Poesie dem religiösen Dogma gemäß als von der Natur getrennt, in seiner Ueberweltlichkeit von der Welt geschieden gedacht wird, so wird sein Wirken im Reich der Erscheinungen doch so unmittelbar persönlich vorgestellt, daß nicht wenige poetische Züge ihm Gott als innerweltlich erscheinen ließen: „Er hüllt sich in Licht wie in ein Gewand, spannt die Himmel wie einen Teppich, der mit Wassern bälkt seine Söller, Wolken macht zu seinem Gespann, einherzieht auf den Fittigen des Windes." Aber es ist nicht blos die mächtige Gestaltungskraft, die ihm die Bibel als seinem Trieb, zu individualisiren, verwandt erscheinen läßt, als vielmehr ihre kulturgeschichtliche Bedeutung, die er hochschätzt. „Jene große Verehrung," sagt Goethe, „welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet worden, verdankt sie ihrem Werthe. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol aller Übrigen anfstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknüpft und durch eine Stufenreihe irdischer und geistiger Erkenntniffe bis in die entferntesten Regionen der Etoigkeit hinausführt. Je höher darum die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Theil als Fundament, zum Theil als Werkzeug der Erziehung von wahrhaft weisen Menschen genützt werden." „Wenn ich ins Gefängniß gesetzt würde Und dürfte nur ein Buch mitnehmen, so wählte ich mir die Bibel" (Goethes Gespräche mit Eckermann). Mit dieser Anschauung hat Goethe die große Schlagader der Geschichte des Judenthums mit seinem tiefblickenden Geiste aufgefunden und pulsiren gesehen. Er hat damit den Lebensodein der Propheten aus den tiefsten Herzkammern belauscht und aus der reichen Mannigfaltigkeit der Werdungen, Bilder und Gleichnisse in den lebensvollen Straf- und Trostreden den einheitlichen Grundton vernommen von der Heilssendung Israels, zum Symbol für alle Völker der Erde zu sein. Es gehörte ein ungemein scharfes Geistesauge wie das eines Goethe dazu, diesen innerlich gesund und kräftig schlagenden Lebenspuls Israels zu entdecken, nicht blos, weil er wegen seines blutrünstigen, von Striemen, Beulen und Wunden bedeckten Körpers dem stumpfen Auge wie zum Tode erstarrt schien, als vielmehr wegen des dichten, schier undurchdringlichen Schleiers von verjährten Vorurtheilen, den die Judenfeindseligkeit um ihn gewoben und der zu Goethes Zeiten auch von sogenannten aufgeklärten Philosophen und Dichtern, von Forschern, Künstlern und Staatsmännern, durch erlogene oder aus Mißverständniß erhobene Anklagen und feindselige Behauptungen noch mehr verdichtet worden. Hat doch selbst ein Herder bei aller seiner Begeisterung über die Geistesschätze des Judenthilms sich diesen Einflüssen nicht zu entziehen vermocht. Er bespricht unter den schriftlichen Denkmälern der Ebräer den achten Psalm. Er geräth über denselben in Verzückung. „Führen Sie", sagt er, „dies Pindarsche Loblied in die Geschichte der Schöpfung zurück, aus der es genommen ist, mit welcher Majestät erscheint der Mensch! Eine Epopöe über den Menschen, könnte sie von einer höheren, vielfafsenderen Idee ausgehen?" Und derselbe Herder sagt an einer anderen Stelle: „Die Ebräer, deren Väter ebenfalls aus der Höhe Asiens kamen, und die lange Zeit nomadisch umherzogen, ob sie gleich auch in ihrem engen Lande unter dem drückenden Joche des Gesetzes sich nie zu einem Ideale erheben konnten, das freiere Thätigkeit und mehrere Wohllust des Lebens fordert, so tragen sie dennoch auch jetzt in ihrer weiten Zerstreuung und langen, tiefen Verworfenheit das Gepräge der asiatischen Bildung." Herder, der sonst auf der Höhe der weltgeschichtlichen Betrachtung die Geistesschätze so vieler Völker würdigt und dabei niemals die Träger dieser Schätze von diesen selbst trennt, thut dies unbedenklich gegenüber den Ebräern. Nach seinem Urtheil über diese sollte man kaum glauben, daß sie jemals die Fähigkeit gehabt hätten, solche geistige Güter aus sich selbst zu erzeugen. Und sein Urtheil ist um so verfänglicher, als bei ihm alles, was er spricht und schreibt, auf den Brustton der unumstößlichen Ueberzeugung gestimmt ist und demselben den Stempel einer breiten patriarchalischen Weisheit aufdrückt. Wenn Goethe mißliebige Worte gegen Juden vorbringt, so merkt man, daß er als ein Kind seiner Zeit und seiner Umgebung dieser Rechnung trägt und ihr den Tribut zahlt; wo es aber ein objektives Urtheil gilt, da bricht seine tiefe Wahrheitsliebe und Erkenntniß durch. Er weist rühmend auf die Juden hin, die in „ihrer Lehre ihr Vaterland mit sich tragen". Aehnlich würdigt Herder die Griechen: „Und da die edlen Vorfahren dieser Stämme das Gemeinwesen, zu dem sie gehörten, unter dem Schutze der Götter errichtet, mit ihrer Mühe und Arbeit bezeichnet, ' mit ihrem Blute besiegelt hatten, so ward den Nachkommen der Bund der Gesetze als ein moralisches Vaterland heilig." Dieses Ehrenzeugniß, auf das die Juden in weit höherem Maße als die Griechen Anspruch machen könnten, da sie für ihr moralisches Vaterland für ihren Bund der Gesetze tausend Tode gestorben und mit ihrem Blute besiegelt, was so allgemein bekannt ist, daß jedes Wort darüber überflüssig erscheint, Herder weigert es ihnen. Obschon er von den reichen Verdiensten der Juden um die allgemeine Wissenschaft im Alterthum und im Mittelalter Kunde hatte und den mächtigen Aufschwung derselben in Bildung und Wissenschaft mit dem Auftreten Mendelssohns mit eigenen Augen gesehen, so spricht der Oberkonsistorialrath Herder doch nur immer von dem drückenden Joch ihres Gesetzes, unter dem sie sich „nie zu einem Ideale erheben konnten", von ihrer „Verworfenheit und asiatischen Bildung". Die Vornehmheit und Größe Goethes zeigt sich dagegen nicht selten gerade da, wo die Gelegenheit vorhanden war, die Juden zu erniedrigen, ohne eine ernste Mißbilligung befürchten zu müssen. Es war des Dichters gutes Recht, im „Ewigen Juden" Christus zu verherrlichen und ihm die Alle bezwingende Geistesmacht eines Welterlösers zu viudiziren, der sich auch der wandernde Jude unterwirft. Dieser Gedankengang lag noch ini Geschmack der Zeit. Aber wie hier kein direkt erniedrigendes Wort gegen das Judenthum gebraucht wird, so begegnet er im „Jahrmarktsfest von Plundersweilern" in der Szene zwischen Haman und König Ahasverus geradezu den Anklagen Hamans gegen die Juden mit den Worten, die er deni König in den Mund legt: „Mein Freund, ich bin nicht blind, doch das thun Andere mehr, die unbeschnitten sind." Goethes objektiver Standpunkt, eine unmittelbare Folge seiner tiefsinnigen Weltbetrachtung, läßt jedes Ding und jedes Wesen zu seinem Rechte kommen, weil darin seine wahre Existenz begründet ist. Er steigt vom Besonderen zum Allgemeinen empor; die einzelnen Erscheinungen in^der Welt fügen sich inUhrenLinneren und äußeren