Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
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wurden die Anträge des Organisationsausschusses berathen, die verschiedenen Wahlen für das nächste Berwaltungsjahr vorgenommen und andere rein geschäftliche Dinge behandelt. Des Morgens erschien der englische Zionist Sir Francis Montefiore, der eine Ansprache an den Kongreß richtete. Bon großem Interesse war eine Rede, die Advokat Dr. Kahn- Wien im Interesse der hebräischen Sprache hielt, und die großen Beifall und die Annahme einer bestimmten Resolution im Gefolge hatte, nach welcher die jüdischen Schulen in Palästina reorganisirt werden sollen. Mit den üblichen Ansprachen und Dankesworten an das Präsidium wurde hierauf der dritte Zionistenkongreß geschlossen. Aus der Provinz Posen. August 1899. s ist noch nicht gar zu lange her, daß ich aus dem Munde eines Mitgliedes der wnnderbarerweise Reformpartei genannten antisemitischen Vereinigung die klassische Klage hörte: „Es giebt keine judenreinrn Bäder mehr." Und an diese Klage schloß sich ein so rührseliges Lamento über die Unannehmlichkeiten, die hierdurch der teutsche Mann in den Bädern anszuhalten habe, daß ich unwillkürlich ein gewisses Mitleid mit dem Redner empfand. Als besonders gefährlich von dem antisemitischen Standpunkte aus wurden schließlich die westpreußischen und die pommerschen Ostseebäder bezeichnet, denn hier wäre für das durch den Antisemitismus verkörperte richtige Teutschthum absolut nichts zu holen. Also die Rede des Mannes, der ein wirklicher Kenner der Verhältnisse war, und der sich mit Stolz als „reiner Antisemit" bezeichnete. Wenn also schon in antisemitischen Kreisen die Ueberzeugung herrscht, daß in den Bädern für die eigenartigen Reformer nichts zu holen wäre, so braucht wahrhaftig kein anderer Mensch daran zu zweifeln, daß die rückschrittliche Bewegung wie überall, so auch im Osten alles, was sie an werbender Kraft besaß, eingebüßt hat. Der gesunde Sinn der Bevölkerung verhinderte, daß die Judenhetze in die Bäder eindrang, und alle Bemühungen der braven Reformer, in den frequentesten Badeorten Anhänger zu gewinnen, scheiterten nicht aus materiellen, sondern aus ideellen Gründen. Aber je mehr die Ueberzeugung der Antisemiten voll der Unfruchtbarkeit ihrer Bemühungen in den Badeorten bei ihnen selbst wuchs, desto krampfhafter versuchten sie gerade dort von sich reden zu machen. So war es immer, und so ist es auch in diesem Jahre, wo die Zoppoter Badegäste unter der Zusendung von antisemitischen Flugblättern zu leiden haben. Vielleicht auch, daß gerade in Danzig, wo die deutsch-sozialen Reformer bei den Wahlen eine so schmähliche Niederlage erlitten, noch der Aerger über die Machtlosigkeit mitwirki. Genug — von Danzig aus ergoß sich über die nichtsahnenden Kurgäste von Zoppot ein Schmähschriften-Regen, der seinesgleichen flicht. Und da die Post der Ueberbringer der anonymen Sendungen war, konnten sich die Empfänger nicht einmal gegen die Zumuthnng, derartiges Zeug anzunehmen, schützen. So viel ist sicher, daß die Flugblätter keinerlei Schaden anrichten werden. Bedauerlich aber wäre es — int Interesse der Juden —, wenn die Flugblätter nicht gelesen würden. Denn aus allen diesen Elaboraten leuchtet der krasse Geschäftsantisemitismus in so unverhüllter Form hervor, daß man sich staunend fragen muß, ob es überhaupt noch Menschen giebt, die mit solchem Gefasel Eindruck machen wollen. Mir selbst, der ich das übrigens recht zweifelhafte Vergnügen genieße, über alle Erscheinungen der antisemitischen Litteratur unterrichtet zu werden, waren Stilübungen, wie das so- . genannte Extrablatt mit der bezeichnenden Ueberschrift: „Wo kauft man Konfirmanden-Anzüge?" selbst für antisemitische Flugblatt- Leistungen denn doch ein zu krauses Gewäsch. Und denselben Eindruck empfingen auch viele andere Badegäste, die gute Deutsche und gute Christen sind. Ich weiß nicht einmal, ob die Absender (die es nach dem Grundsätze „Der Muthige weicht tapfer zurück" vorzogen, ihre Namen nicht zu nennen) den Zweck, von sich reden zu machen, erreicht haben. In Zoppot hat weder der Humor der Juden noch der der Christen gelitten. Ein bedauerndes Kopfschütteln über die Naivetät der antisemitischen Federhelden, das war zumeist die Quittung für die ungereimte Flugblattbescheerung. Es braucht wohl nicht gesagt zu .werden/ daß die Badedirektion von dem ganzen Rummel nichts weiß; wüßte sie es aber, so würde sie es entschieden noch schärfer mißbilligen als die Juden selbst. Als ich hier und da abfällige Urtheile über die Flugblätter hörte, fiel mir unwillkürlich der von mir citirte Reformredner ein, und mit einer kleinen Variation seiner Rede möchte ich schließen: Gott sei Dank, es giebt keine judenreinen Bäder mehr! E. Pli. Ium Goethe-Tage. Von Dr. Ludwig Pick in Schöneberg. fern von der Schaubühne des Lebens abiretenden Jahrhundert ist es noch vergönnt, daß Fest der hnndertfünfzigjährigen Wiederkehr des Geburtstages eines seiner ruhmreichsten Männer zu feiern. Die Sonne des Jahrhunderts schmückt sich noch vor ihrem Untergänge mit der purpurnen Strahlenpracht des Andenkens an seinen größten Dichter, an Wolf gang Goethe. Wohl theilt unser gegenwärtiges Jahrhundert diesen seinen Ruhm lim Goethe init dem vorangegangenen, in welchem seine Wiege stand, und seine Lebensbahn bis zum Hellen Mittag des Mannesalters sich erhob, doch hat das gegenwärtige, das seine Geistesfrüchte zur Vollreife gebracht und zmn Gemeingut aller civilisirten Völker gemacht, einen so bedeutenden Antheil an ihm erworben, daß es ihn mit Recht seinen Sohn nennen darf. Wie außerordentlich vielseitig aber auch Goethe in seinem ruhmreichen Schaffen gewesen, so war doch unter allen Erscheinungen, die er in Betrachtung zog, wie es scheint, das Judenthum wenn schon nicht die einzige, so doch eine der wenigen, denen er nur in geringem Maße sein Interesse zugewendet hat. Einem so einzigartigen Manne wie Goethe kamt man aber nur gerecht werden, wenn inan den Maßstab, mit dem man ihn mesien will, einzig und allein seinem eigenen Wesen entnimmt. Und es entspricht wohl dem Kerne seines Wesens, wenn man ihn als den großen Realisten bezeichnet, der in seiner Wellbetrachtung die Ideen der Zweckmäßigkeit und der Aesthetik in inniger Durchdringung als immanent wirkende Kräfte im Weltall erschaut und in seinen Kunstgebilden aus sich selbst in vollendeter Form herausgestaltet. Aus seiner Theorie ergiebt sich ihm das Gesetz der Entwickelung, das sich im höchsten Grade seiner vernünftigen Kraft im Menschen offenbart. Die Natur ist ihm nicht ein todtes Objekt, das von außen her Anstoß, Leben und Bewegung empfängt, sie trägt das Prinzip des Lebens und der Entfaltung zur Mannigfaltigkeit in sich selbst. Ihr Trieb ist die ewige Formbildung, fortschreitend durch die unendliche Wesenskette bis zur Formgebung in der Schöne des fühlenden und denkenden Menschenthums. Diese poetische, genußfrohe Form des Pantheismus muthet qtwas freundlicher an als die starre, philosophisch kalte Spinozas, in