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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-25 · Heft 34 (25.8.1899) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 402 (sequence 6)
Language
German
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402 Kongreß die Organisationsstatuten zur Gutheißung vor. Dr. Bernstein- Kohan-Kischineff berichtet über die vorliegenden Anträge. Diese richtest sich in erster Reihe gegen 8 1, in welchem als Ziel der Bank bezeichnet wird „die Förderung von Jndustrieunternehnmngen und Kolonisationsarbeiten in Palästina und Syrien oder, wenn der Aufsichtsrath es im Interesse des jüdischen Volkes halten sollte, in irgend einem Theile der Welt". Von verschiedenen Seiten wird gewünscht, daß es gemäß den vorjährigen Beschlüssen nur lauten dürfe: „Kolonisationsarbeiten im Orient, hauptsächlich in Palästina und Syrien". Besonders scharfe Opposition richtet sich gegen die Verleihung von Gründeraktien auf Lebensdauer. Die russischen Juden und Dr. M o tzk i n -Berlin Namens der Berliner Zionisten protestiren in scharfer Form gegen diese Ausnahmebestimmungen. Dr. Motzkin erblickt darin ein Abweichen vom demokratischen Prinzip. (Beifall und Widerspruch.) Dr. Herzl: Das Aktionskomitee hat einer Anzahl Personen, die sich um die Bankgründung besonders verdient gemacht haben, je einen Gründerschein zugesagt. Es sind das die Herren: David Wolfsohn-Köln, Jakob Kann-Haag, Samuel Heymann-London, Samuel Barbasch - Odessa, Gregor Lourie-Pinsk (Rußland), Salomon F. Sachs-Dünaburg (Rußland), Heinrich Rosenbaum-Jassy (Rumänien). Das sind die sieben Direktoren der Bank, die eigentlichen Gründer. Diese Herren haben nicht, wie bei anderen Bankgründungen, irgend welchen Gewinn erhalten, sondern im Gegentheil noch nennenswerthe persönliche Opfer gebracht. Mit der Verleihung der Gründeraktien soll den Herren ein dauernder Einfluß auf die Bank eingeräumt werden. Mit dieser Anerkennung erfüllen wir einen Akt der Dankbarkeit und Gerechtigkeit. (Beifall.) Ich bitte Sie um Annahme dieser Bestimmung. Andererseits kann ich die Versicherung abgeben, daß diese Herren ohne diese Anerkennung von der Bank sich zurückziehen werden (Beifall, Zurufs) Buchmill - Rußland protestirt dagegen, daß Dr. Herzl außerhalb der Rednerliste in die Debatte eingreife. (Beifall und Lärm. Schlußrufe. Die Verhandlungen müssen infolge des allgemeinen Tumultes auf kurze Zeit unterbrochen werden.) Rabbiner Seff-Uman (Rußland) ist gegen die Verleihung von Gründeraktien. (Stürmischer Beifall und Zischerl.) Rechtsanwalt Dr. Jassinowski-Warschau redet den Delegirten eindringlich zu, zu den Männern, die sie an die Spitze gestellt hätten, auch einiges Vertrauen zu haben, da nur so das große Unternehmen gelingen könne (Rufe: „Prinzip!" Beifall und Zischen). Man habe es hier doch nicht mit Kapitalisten zu thun, sondern mit Männern, welche bewährte Zionisten seien. (Großer Beifall und heftiger Widerspruch.) Wolffsohn- Köln giebt als Obmann des Bankkomitees die Erklärung ab, daß dieses auf die Gründerscheine Verzicht leiste, und daß es das Aktionskomitee von dem ihm fest gegebenen Versprechen entbinde. (Vereinzelte Rufe: Nein! Nein! Stürmischer Beifall.) Sie seien nicht für die Bank eingetreten, um Ehrenbezeigungen zu erhalten oder in den Besitz von Gründeraktien zu gelangen, wie einzelne Herren ihnen unterschieben wollten, sondern aus innerer Ueberzeugung für den Zionismus. (Stürmischer Beifall.) Rabbiner Seff beantragt, dem Bankdirektorium, das das demokratische Prinzip mehr gewahrt habe als mancher Redner, der für die Gründershares gesprochen habe, eine Ergebenheitsadresfe zu überreichen. (Beifall und Lachen.) Birkenstein- Frankfurt a. M. bekämpft diesen Antrag. Das Bankdirektorium habe mit seinem Verzicht sich eine Pflichtverletzung zu Schulden kommen lassen. Es hätte den Beschluß des Kongresses, der für die Gründerscheine gewesen wäre, abwarten müssen. (Gelächter.) Dr. Herzl: Das Aktionskomitee glaubte den Gründern im Namen des Kongresses eine feste Zusicherung geben zu dürfen und glaubte sich Ihrer Zustimmung sicher. Ich beantrage, die Verleihung der Gründerscheine bis zum nächsten Jahre zu vertagen. (Rufe: Nein.) Sonst müßten wir unsere Konsequenzen daraus ziehen. (Beifall, Unruhe.) Bei der Abstimmung erklärte Herzl dann nochmals, daß das Aktionskomitee einen Antrag Thlenow, keine Gründeraktien auszugeben, nur mit der Einschränkung annehmen könne, daß die versprochenen sieben Aktien zur Ausgabe'gelangen. Sie müßten sonst zurücktreten. (Zischen, vereinzelter Beifall.) Unter allgemeiner Erregung wird die Abstimmung bis zur Nachmittagssitzung vertagt. Nachdem die Vormittagssitzung unter allgemeinem Tumult geschlossen worden war, waren die einzelnen landsmannschaftlichen Delegirten zu einer nochmaligen Besprechung ihrer Stellung zu der von Dr. Herzl unter Androhung seines Rücktritts von der Leitung der zionistischen Bewegung geforderten Ausgabe von sieben Gründerscheinen an die sieben Bankdirektoren der Jüdischen Kolonialbank züsammengetreten. Das Ergebniß dieser Besprechungen'war, daß der Kongreß mit allen gegen sieben Stimmen sich auf den Standpunkt von Dr. Herzl stellte. Es wurde danach beschlossen: Zur Berathung der Anträge auf Abänderung der Bankstatuten wird eine Kommission niedergesetzt. Bis zur Beendigung der Arbeiten, d. h. bis zum nächstjährigen Kongreß, ist das Aktionskomitee gehalten, 1. keine Gründerscheine auszugeben, ausgenommen find die von dem Aktionskomitee den Bankgründern fest zugesicherten sieben Gründerscheine, 2. keine wichtigen Geschäfte vorzunehmen, ausgenommen in Palästina und Syrien. Das Ergebniß der Abstimmung rief großen Beifall hervor. In die Kommission wurden gewählt: Dr. Herzl-Wien, Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer-Köln a. Rh., Rosen- Heim-Wien, Dr. Kokesch-Wien, Professor Dr. Bjelkowski-Petersburg. Weiter wurde beschlossen, den Bankgründern eine Dankadresse zu überreichen. — Ueber die Kulturaufgaben des Zionismus sprach darauf Rev. Dr. Gast er-London. Er komme zwar mit leeren Händen, aber mit vollem Herzen; wie ein Träumer komme er sich vor. Wirträumen seit 2000 Jahren von einem Reiche Gottes auf Erden, in dem Gerechtigkeit und Frieden gedeihen. Das ist das Ideal des Judenthums. Deshalb sind wir auch höher geblieben als alle Nationen der Welt. Es ist keine Nation, die sich mit uns vergleichen kann (rauschender Beifall), Erniedrigung, Knechtung, Schmach, Verfolgung haben uns nichts anhaben können. Wenn auch unsere Körper gebrochen wurden, unserem Geiste, dem das ideale Bild des Reiches Gottes vorfchwebte, hat man nichts anhaben können. (Lebhafter Beifall.) Wir sind hier nicht zusammengekommen, um uns zu organifiren und um Geld zu schaffen, das sind Nebendinge, das sind Mittel zu dem über diese kleinen Dinge erhabenen hohen Zweck. (Großer Beifall.) Damit arbeiten wir an der Befreiung der Menschheit, an dem Fortschritt des Geistes. Deshalb hängen Kulturaufgaben und Zionismus innig zusammen. (Anhaltender Beifall.) Hüten wir uns, daß auf die Fahne der jüdischen Begeisterung nicht das goldene Kalb gezeichnet wird. (Stürmischer Beifall.) Wir müssen mit geistiger Frische, erfüllt von neuem Leben und befreit von allen Schlacken, die sich im Laufe der Jahrhunderte um unseren Geist gelegt haben, in das heilige Land wandern. Wir wollen der Welt zeigen, daß es noch eine ganz andere Weltanschauung giebt als die, an der die Welt jetzt in Europa krankt. (Nicht endenwollender Beifall.) Andere Nationen holen die Erde des heiligen Landes auf Schiffen auf ihre Kirchhöfe. Wir wollen auch einen Camposanto haben, ein heiliges Lager auf dem freien Boden Palästinas als lebendige Nation. (Stürmischer Beifall und Hochrufe.) Wir sind verbrannt, zerstreut, wie Asche mit Füßen getreten worden; wir haben aber die Keime für ein neues Leben uns bewahrt. Mit diesen Keimen werden wir zur Stadt der Treue, Liebe und Ergebenheit ziehen, auf daß das Judenthum von Neuem wie der Phönix seiner Asche entsteigt. (Endlose Hoch- und Zionsrufe.) —- In der Abends abgehaltenen Generalversammlung der Aktionäre der Jüdischen Kolonialbank gab David Wolffsohn-Köln Namens der Direktoren der Bank die Erklärung ab, daß sie auf die ihnen zugedachten Gründerscheine endgiltig verzichteten, da sie den Beschluß des Kongresses als einen erzwungenen betrachten müßten. Die Aktionäre erklärten sich in ihrer überwiegenden Mehrheit für eine Aenderung des 81 der Satzungen, und zwar derart, daß das Ziel der Bank sein solle: Kolonisationsarbeiten in Palästina und Syrien und Handels- und Jndustrieunternehmungen in allen Theilen der Welk Nach dem von Wolffsohn gegebenen Bericht beträgt die Zahl der gekauften Aktien bereits 300000. Die erste 20 Prozentanzahlung deckt 283000 Aktien, davon sind 230000 ordnungsmäßig registrirt. Das Geld ist in verschiedenen Banken untergebracht, baares Geld besitzt die Bank 59 336,6 Lstr. Die zweite 20 prozentige Einzahlung wird zur Zeit überall erhoben. Die Spesen haben entsprechend dem Voranschlag bisher 7000 Lstr. betragen. Auch hier erhebt H. Bentwich lebhafte Einwendungen. Die Generalversammlung ertheilte schließlich dem Direktorium Entlastung. Bei den Wahlen in das Direktorium wurden Wolffsohn-Köln, Kann-Haag, Barbasch-Odessa, Sachs-Dwinsk, Lourie-Pinsk wiedergewählt und an Stelle von Heymann-London, der ablehnte, Dr. Katzenellensohn aus Dwinsk. Inder heutigen Schlußsitzung wurden die Wahlen für das Aktionskomitee vorgenommen. Unter stürmischen Hochrufen wird der engere Ausschuß, bestehend aus Dr. Th. Herzl, Dr. Kahn, Dr. Kokesch, Dr. Schnirer und Marmorek, sämmtlich aus Wien, gewählt. Ferner

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