Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
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401 den Ländern, deren Bürger sie feien, berathen, sondern sich nur mit der Lage des eigenen Volkes beschäftigen. (Großer Beifall.) Das sei nur möglich auf gesetzlicher Grundlage unter der Kontrole der öffentlichen Meinung. Für die zionistische Bewegung war das letzte Jahr ein sehr günstiges. Ein bedeutsames Ereigniß war der Empfang der Zionistenabordnung durch den deutschen Kaiser in Jerusalem. (Beifall.) Dies große Ereigniß wurde von unseren Gegnern theils verschwiegen, theils entstellt. Schon die Thatsache allein, daß der geniale Kaiser seine Aufmerksamkeit unserem Volksgedanken zugewendet hat, wäre genügend, uns einige Zuversicht einzuflößen. Geringfügige Bewegungen werden aus solcher Höhe nicht bemerkt. (Stürmischer Beifall.) Es ist mehr als eine bloße Kenntnißnahme erfolgt. Es wurde nicht irgend eine jüdische Deputation oder die Mitglieder irgend eines „praktischen" Kolonisationsvereins empfangen, sondern die Abordnung des zionistischen Aktionskomitees. (Großer Beifall.) Die Gründe und Ziele unserer Bewegung waren vorher genau bekannt, und der Kaiser hat uns darauf an jenem für das gesammte Judenthum denkwürdigen Tage sein wohlwollendes Interesse zugesichert. (EndloseBeifallskundgebungen.) Dafür sind ihm alle wahren Juden zu Dank verpflichtet. (Stürmischer Beifall und Hochrufe.) Die Höflichkeit verbietet es uns, dieses Ereigniß agitatorisch auszunutzen. Wir wollen daher hier von einer Diskussion absehen. Nur eines müssen wir in unserer Dankbarkeit hervorheben: die vollkommene Legalität und Loyalität unserer Bewegung ist nach diesem Ereigniß wohl für immer festgestellt. ' Diese Loyalität wollen wir vor allem der türkischen Regierung gegenüber betonen. (Beifall.) Von uns soll kein Schritt unternommen werden, der das Mißtrauen des souveränen Besitzers von Palästina erwecken könnte. Wir wollen vor der Ansässtgmachung unseres Volkes in Palästina unseren Plan offen darlegen. (Beifall.) Wir wollen uns nicht bei Nacht und Nebel einschleichen. (Endloser Beifall.) Es handelt sich bei unserem verantwortungsvollen Experiment nicht darum, unsere Stammesbrüder nach Palästina hineinzubringen, sondern sie auch dort in gesicherter Stellung zu halten. Unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, von der türkischen Regierung einen Charter unter der Souveränetät des Sultans zu erlangen. Erst mit diesem Charter, der die nöthigen öffentlich-rechtlichen Sicherheiten enthalten muß, werden wir die Kolonisation praktisch und in großem Maßstabe beginnen können. Für die Gewährung dieses Charters werden wir der Türkei große Bortheile bieten. Für die Abmachungen bedurften wir eines besonderen Kontrahenten. Diesen haben wir uns in der jüdischen Kolonialbank geschaffen. Die Hunderttausende Subskribenten haben gezeigt, daß dem jüdischen Volke die Bewegung ernst ist. (Großer Beifall.) Die Gründung der Bank war eines der schwersten Opfer, wir waren den gröbsten Verdächtigungen ausgesetzt. Das Aktienkapital soll nicht zum Landankauf benutzt werden. Auf Grund des Charters wird erst zum Landankaus im großen Maßstabe geschritten werden. Ueber den Stand dieser Verhandlungen können wir heute noch keine Mittheilungen machen. Unser Ziel ist, dem Judenthum, das jetzt eine Massenherberge von Elend und Noth ist, eine gesicherte Stellung zu geben, es zu Freiheit und Ehre zu führen. Die heutigen Bedrängungen und Verfolgungen führen zu Krankheit und sittlicher Verwahrlosung, und diese sind der Nährboden für alle Umsturzgedanken. (Stürmische Zustimmung.) Da wollen wir durch Arbeit auf geliebtem heimischen Boden Abhilfe schaffen. (Anhaltender Beifall.) An die Gerechten und Wohlwollenden aller Nationen und Konfessionen geht unsere Bitte um Beistand. (Andauernder Beifall.) Wir brauchen keine andere Hilfe als eine moralische. (Tosender Beifall.) Auf Vorschlag von Georg Steiner-Wien wird das Büreau wie folgt zusammengesetzt: Dr. Theodor Herzl, Präsident, Schriftsteller Dr. Max Nordau-Paris, Rev. Dr. Gaster-London und Professor Dr. Mandelstamm-Kiew, Vizepräsidenten. Zu Schriftführern wurden gewählt: Dr. Kohan-Bernstein-Kischinew; Professor Gottheil-New-Uork; Kaufmann Wolffsohn-Köln; Pineles-Galatz; Dr. Kornhäuser- Krakau; Rechtsanwalt Dr. Bo den he im er-Köln; Rechtsanwalt Jassinowski-Warschau. Als Schriftführer fungiren die Herren Ingenieur Usischkin-Jelissawetgrad, Rabbiner Dr. Niemirower-Jassy, De Haas- London, Frau Professor Gottheit, Dr. Klee-Bonn, Dr. Jsid. Marmorek- Paris, Ben Ami und Temkin - Jelissawetgrad. Darauf erstattete Dr. Max Nordau-Paris den Bericht über die allgemeine Lage der Juden. Es gäbe drei Wege, der Judenverfolgung ein Ende zu machen: Einmal eine vollständige Umwandlung der menschlichen Natur, und zwar derartig, daß die Menschen aufhören werden, Andersgläubige ihrer Religion und Abstammung. wegen zu verfolgen. Eine zweite Möglichkeit wäre, eine vollständige Umwandlung der Minderheit in ihrem Glauben, ihrem ganzen Aeußern, ihren Traditionen, in ihren Gewohnheiten rc. Da diese Wege aber keine gangbaren seien, so bleibe nur der dritte Weg übrig, den Juden eine Heimath zu schaffen, in der sie vollberechtigte Bürger seien. Der Zionismus ist das einzige Machtmittel, das der Verfolgung und Rechtlosigkeit der Juden ein Ende machen kann. Wenn alle Juden, das heißt 10 Millionen Menschen, wenn auch über die ganze Erde zerstreut, ihre ganze sittliche Kraft für den Zionismus in die Wagschale werfen, dann ist das eine Macht, mit der realistische Staatsmänner rechnen müssen. Man kann aber einem Volke keine Bolksrechte geben, das solche gar nicht verlangte Wir wissen ganz genau: den größten Feind hat der Zionismus unter den Juden selbst. (Stürmischer Beifall.) Ich will aber den Kleingeistern und Kurzsichtigen verzeihen und auch den jüdischen Antisemiten mildernde Umstände zubilligen, die mit demselben Heldenmuth, mit der ihre Vorfahren die Folterbank und den Scheiterhaufen betreten haben, um für ihren Glauben zu sterben, ihre Religion verleugnen, um auf einem adeligen Ball tanzen oder einem verschuldeten Herzog Darlehen gewähren zu können. (Stürmischer Beifall.) Deshalb muß jeder Zionist ein Apostel sein. Wir wollen laut und vernehmlich unsere Stimme erheben und allen unseren Glaubensgenossen zurufen: Schaart Euch um das Banner des Zionismus, dann kämpft Ihr für die Gleichberechtigung, Freiheit und die Ehre des jüdischen Volkes. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) — In der Nachmittagssitzung erstatteten Architekt Marmore! (Wien) und Dr. Kokesch (Wien) den Rechenschafts- und den Kassenbericht. Die Zahl der beitragleistenden Zionisten übersteigt jetzt 100 000. Die Einnahmen betragen 159 212 Francs, die Ausgaben 142 754 Francs. Zur Kolonialbank sind die für die Gründung erforderlichen 250 000 Pfund Sterling (5 Millionen Mark) überzeichnet worden. Der englische Deputirte Bentwich vermißt Einzelheiten in dem Finanzbericht, den erstellenweise bemängelt. —In der Sitzung vom 16.d.M. entwarf zunächst Dr. Menschel (Bukowina) ein trauriges Bild von den sozialen Zuständen der Juden in Galizien. Rußland und Rumänien seien gegen Galizien die reinen Eldorados. Die Juden Galiziens gehören in überwiegender Mehrheit dem Arbeiterstande an. Die soziale Lage dieser Arbeiter spotte aber jeder Beschreibung. Die Leute gehen in Lumpen gehüllt und haben kaum einen Tag über zu leben. Es sei statistisch nachgewiesen, daß in Galizien jährlich 6000 Menschen durch Hunger sterben. Er (Redner) könne daher dem Aktionskomitee den Vorwurf nicht ersparen, daß es für Galizien nicht das Nöthige gethan habe; es sei das um so bedauerlicher, da die galizischen Juden , noch an dem Glauben ihrer Väter festhalten und im Herzen sämmtlich Zionisten seien. Nichtsdestoweniger beantrage er, dem Aktionskomitee für seine Arbeiten den Dank und das Vertrauen des Kongresses auszusprechen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Herzl führte aus, daß dem Aktionskomitee die galizischen Zustände sehr wohl bekannt seien. Von dem Ahawath-Zion in Tarnow werde aber der Zionismus in Galizien zum Sturmbock gegen das Aktionskomitee gemacht. Da das Aktionskomitee es ablehnen zu müssen glaubte, diese Zwistigkeiten zum Gaudium der Gegner öffentlich auszufechten, so habe das Aktionskomitee auf die galizischen Angriffe einfach nicht geantwortet. Dem Bankkomitee ist zur Zeit der Kongreßbeschluß: „Die Kolonisation darf sich nur auf Palästina und Syrien erstrecken", ausdrücklich vom Aktionskomitee mitgetheilt worden. Das Aktionskomitee hat sich mithin einer Verletzung des Kongreßbeschlusses nicht schuldig gemacht. — Am selben Tage begannen die Verhandlungen über die Kolonialbank, die einen sehr stürmischen Verlauf nahmen. Zunächst sprach der Referent ' Kaufmann Wolffsohn-Köln: Die Bank soll eine jüdisch-nationale sein, und zugleich soll sie rentabel und gewinnbringend sein. Die 'Gründer haben von vornherein auf jeden Gewinnantheil verzichtet. Damit die Bank für ewige Zeiten eine zionistische bleibe, selbst wenn die Aktien der Bank in nicht zionistische Hände gelangen sollten, ist dem Aktionskomitee das Aufsichtsrecht übertragen worden. Als dauerndes Eigenthum des jüdischen Volkes sind dem Aktionskomitee 100 Gründeraktien überwiesen. Ferner soll das Aktionskomitee zwanzig Gründeraktien zur Verfügung haben, die als Eigenthum auf Lebensdauer an Personen verliehen werden können, die sich um die Bank hervorragend verdient gemacht haben. Die Bank ist am 20. März d. I. unter der Firma „lewisk Colonial Trust (Jüdische Kolonialbank Ltd.)" in London! ins Handelsregister eingetragen worden. Die Bankkommission legte dem