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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-25 · Heft 34 (25.8.1899) · p. Seite 400

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
Seite 400 (sequence 4)
Language
German
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400 eine weitgehendere allgemeine Vorbildung, wie eine solche bisher duM Präparandien und ähnliche Vorbereitungsanstalten vermittelt werde. Diese Anstalten müßten daher in höhere Schulanstalten umgewandelt werden, anderenfalls sei für den Eintritt in das Seminar das Reifezeugniß eines Realgymnasiums zu fordern. Jedoch im Hinblick auf die pekuniären Verhältnisse der Volksschichten, welche ihre Söhne dem Lehrerberuf zuführen, sollen besondere höhere Lehranstalten begründet werden, welche sich der Volksschule angliedern, und die in einem vierjährigen Kursus eine wissenschaftlich-volksthümliche Bildung gewähren. Der Gang der Vorbildung wäre alsdann folgender: 1. Besuch einer guten Volksschule vom 6. bis zum 14. Lebensjahre; hierbei ist eventuell durch Privatunterricht die Kenntniß der Elemente der französischen Sprache zu erlangen. 2. Besuch der eigentlichen Fortbildungsschule ryjt vierjährigem Kursus. Dieselbe hat außer den Lehrfächern der Elementarschule, welche vertieft und erweitert werden müssen, folgende Gegenstände in ihren Lehrplan aufzunehmen: Mathematik, französische Sprache, Uebersetzen des Siddurs und der ganzen Bibel, elementares Lesen und Uebersetzen leichter rabbinischer Schriften und talmudifcher Abschnitte sowie Instrumentalmusik und ganz besonders Pflege des Gesanges. 3. Dreijähriger Besuch der pädagogischen Fachschule, des Seminars, behufs eigentlicher beruflicher Ausbildung. Hier wäre der Bildungsgang in drei Gruppen zu gliedern: a) Erwerbung einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung und guter Kenntnisse in der jüdischen Geschichte und Litteratur; Berücksichtigung der neueren Litteratur durch Unterricht und Lektüre; vorzügliche Ausbildung für den Borbeterdienst nach jeder Richtung hin und Anleitung für den etwaigen Beruf als Prediger, b) Einführung in die wissenschaftliche Pädagogik auf geschichtlicher bezw. psychologisch-ethischer Grundlage und Schulkunde, c) Einführung in die praktische Pädagogik, zu welchem Zweck eine Uebungsschule nothwendig mit dem Seminar verbunden sein muß. In beiden Schulanstalten ist das Externat dem Internat vorzuziehen, und nur aus finanziellen Gründen dürfte letzteres vorerst beibehalten werden; den Studirenden ist aber unbedingt freie Bewegung zu gestatten und für angemessenen Verkehr derselben in Familien Sorge zu tragen. Der Redner hatte sichtlich im Sinne aller anwesenden Kollegen gesprochen, und so folgte denn ein langanhaltender Beifall seinen vorzüglichen Ausführungen. Nach einer kurzen Pause ergreift das Wort der inzwischen als Gast erschienene Herr Benjamin Hirsch-Halberstadt, um die Versammlung im Aufträge des Deutsch-Israelitischen Gemeinde- Bundes zu begrüßen; der Gemeindebund habe stets den Wünschen der jüdischen Lehrerschaft Interesse und Entgegenkommen bewiesen und sei vor allem auf die fernere Ausgestaltung der jüdischen Schule bedacht. Anknüpfend an eine kürzlich erschienene Broschüre: „Jüdisch-politische Zeitfragen", wünscht jedoch Redner nicht etwa nur die Gründung von Religionsschulen, sondern hauptsächlich diejenige von jüdischen Volksschulen; die Judenschule müsse ein Stolz für das Judenthum werden, und an diesem hohen Ziele sollten die Lehrer Mitarbeiten. Redner verspricht, auch fernerhin seinen Einfluß für das Wohl der Schule und der Lehrerschaft nach Kräften geltend zu machen, insbesondere wolle er zunächst beim Verband der Synagogengemeinde der Provinz Sachsen dahin wirken, daß die Gemeindevorstände der Anregung des D.-J. G.-B. Folge geben und den Lehrern Sitz und Stimme im Schulvorstande verleihen. Nachdem noch Herr Gabriel Hirsch, der zeitige Präsident der Behrend-Lehmann-Loge, die Konferenz im Namen der Loge begrüßt, beginnt die Generaldebatte über das Berbandsthema, an welcher sich die meisten der anwesenden Kollegen betheiligen. Prinzipielle Gegensätze traten dabei nur insofern zu Tage, als von einer Seite hauptsächlich die Ausbildung zum Elementarlehrer, von anderer Seite hingegen diejenige zum Kultusbeamten, ganz besonders aber die kantorale Ausbildung als das Wichtigste hingestellt wurde. Bei dieser Gelegenheit bringt Ellgutter-Plauen zur allgemeinen Entrüstung der Versammlung folgenden Vorfall zur Sprache: Im Königreich Sachsen herrscht der obligatorische Religionsunterricht, d. h. es werde von den Eltern aller Konfessionen der Nachweis verlangt, daß ihre Kinder bei einem dazu qualifizirten Lehrer Religionsunterricht genießen. Nun sei der Fall vorgekommen, daß ein Rabbiner einer Privatperson, einem Kaufmann, ein solches Qualifikationszeugniß ausgestellt habe, wodurch natürlich die Achtung der weltlichen Behörde dem jüdischen Religionsunterricht gegenüber sehr herabgemindert werden müsse; der Vorsitzende verspricht, die Angelegenheit an zuständiger Stelle weiter zu verfolgen. Nach etwa zweistündiger Debatte einigte sich die Versammlung in der Annahme folgender Thesen — die endgiltige redaktionelle Abfassung einer Kommission (Blach, Jaeobsohn, Steinhardt) überlassend: 1. Das Kultur- und Geistesleben der Gegenwart, das an die Ausbildung aller Berufsarten höhere Anforderungen stellt, erheischt eine umfassendere und liefere Vorbildung der Volksschullehrer und demgemäß eine vollständige Umgestaltung des seitherigen Lehrerbildungswesens. II. Die allgemeine Vorbildung muß auf einer höheren Lehranstalt erfolgen. Diese hat sich der Volksschule anzuschließen und in einem vierjährigen Kursus eine wissenschaftliche Bildung zu gewähren, die dem Bildungsziel einer Realschule gleichkommt und zum einjährig-freiwilligen Militärdienst berechtigt. Neben dieser allgemeinen ist auf eine gründliche Vorbildung im Hebräischen und in der Musik besonderer Werth zu legen. HI. Die berufliche Bildung soll in einem dreijährigen Kursus auf dem Seminar erfolgen. Dieses hat zu vermitteln: a) gründliche Kenntnisse auf pädagogisch-wissenschaftlichem Gebiete, d) praktische Ausbildung durch die Seminarschule, c) Ergänzung und Vertiefung der allgemeinen, religiösen und musikalischen Kenntnisse, - 6) genügende Vorbildung für das Kultusamt. IV. Als die geeignetsten Lebrerbildner sind im Bolksschulamte durchaus bewährte, wissenschaftlich gebildete und erfahrene Pädagogen für die Seminarien zu berufen. V. Die Externatserziehung ist grundsätzlich anzustreben; ist dieselbe in praxi nicht zu ermöglichen, so muß das Internat von jeder beengenden, die freie Entwickelung des Charakters beeinträchtigenden Hausordnung frei sein. VI. Als Seminarorte empfehlen sich größere Städte, die den Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Bewegung der Zeit gewährleisten. VII. Zur Erreichung dieser Ziele ist eine Zersplitterung der in Frage kommenden Mittel zu verhüten und daher auf eine möglichste Centralisirung der bestehenden Seminarien hinzuwirken. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Als nächster Konferenzort wird Erfurt in Aussicht genommen. Die Kollegen Stern-Halberstadt und Wertheim-Gera sagen ein Referat über die hebräische Fibellitteratur zu. Als Verbandsthema für das nächste Jahr regt Jacobsohn-Leipzig an: „Soll die systematische Religionslehre als besonderer Unterrichtsgegenstand in der Volks- und Religionsschule behandelt werden, und nach welchen Grundsätzen?" Dr. van Geldern-Halberstadt spricht sodann Namens der Versammlung dem Vorsitzenden den Dank für die umsichtige, unparteiische Leitung derselben aus; die Mitglieder erheben sich zum Zeichen des Einverständnisses von ihren Plätzen. Mit dem Wunsche auf eine weitere gedeihliche Entwickelung der jüdischen Schule, an welcher mitzuwirken der Verein israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands allezeit bestrebt sein werde, schließt hierauf der Vorsitzende die Konferenz. Die Schriftführer: Sommerfeld - Chemnitz. Stern- Halberstadt. Nie Urrhandiungen des dritten Zionisten - Kongresses. 8. Basel, 18. August, er folgende Bericht über die Verhandlungen des Zionistenkongresses beschränkt sich auf die einfache Mittheilung der Thatsachen und Debatten, ohne irgendwie eine Kritik derselben anzufügen. Dies voraufgeschickt, konstatiren wir, daß der dritte Zionistenkongreß programmmäßig am 15. d. Mts., wie bereits gemeldet, im städtischen Kasino in Basel eröffnet wurde. Es waren gegen 220 Delegirte aus fast allen Ländern der Welt erschienen, unter ihnen auch viele Frauen. Vor der Verhandlung bot der Saal ein ungemein lebhaftes Bild. Während ein Theil der Delegirten den modischen Frack trug, sah man andererseits Gruppen lebhaft gestikulirender Rabbiner mit langen Bärten und Stirnlöckchen und bis auf die Erde reichenden Kaftanen. Als Dr. Theodor Herzl die Tribüne betrat, um die Versammlung der Abgeordneten des jüdischen Volkes der ganzen Welt zu eröffnen, durchbrausten starke Ovationen den Saal. Zum dritten Male seien sie in Basel vereinigt, um die Wünsche einer Nation zu erörtern, die wieder zu neuem Leben erwachen will. (Stürmischer Beifall.) Sie wollen hier nicht über die Verhältnisse in

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