Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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******** 399 Formen einer bestimmten Religionsgemeinschaft, sei es, daß dieselbe vor ker staatlichen Eheschließung ausdrücklich versprochen worden sei, sei es, daß dieselbe als selbstverständlich habe angenommen werden tönnen und angenommen worden sei, zn denjenigen Thatbeständen gehöre, auf welche die gedachten Vorschriften des neuen Rechtes Anwendung finden. Unzweifelhaft wird derjenige Gatte betrüglich im Sinne des § 1334 und unsittlich im Sinne des 8 1568 handeln, der vor der Civiltrauung dem anderen Theil auf Befragen die Versicherung ertheilt, die kirchliche Trauung werde ebenfalls vor sich gehen, nach Eingehung der Civiltrauung aber sich weigert, die kirchliche Trauung vornehmen zu lassen, obwohl kirchlicherseits kein Hinderniß besteht, sofern er schon von vornherein die Absicht hatte, es zur kirchlichen Trauung nicht kommen zu lassen. Ans dem Prozeß zu Rennes seien für heute nur die beiden folgenden Momente, als besonders charakteristisch festgehalten. In dem Verhör des antidreyfusistischen Obersten Berlin kam u. a. auch die nachstehende Bemerkung vor: „Im Laufe der Unterhaltung bemerkte Dreyfus: „Was uns Juden betrifft, so ist unser Gott überall mit uns, wo wir auch sein mögen." Die ganze Wichtigkeit dieser Bemerkung wurde dem Zeugen erst nach Dreyfus' Verurtheilung klar." Wir wissen nicht, ob Dreyfus darauf erwiedert hat. Aber von allen Lügen, die gegen ihn ausgeheckt wurden, ist diese sicher eine der größten. Nicht weniger interessant siud folgende Frage und Antwort aus demselben Verhör: Demange: „Hat Zeuge nicht einmal gesagt: Wir hatten einen Juden im Generalstab, wir mußten ihn los werden?" Berlin: „Ich leugne diese Aeußerung. Dreyfus war nicht der erste jüdische Offizier im Generalstab. Ich habe jüdische Kameraden, die ich achte. Ein jüdischer Offizier ist mein vertrauter Freund. Zu meiner Zeit gab es im Generalstab keine Judensrage, und der beste Beweis dafür ist, daß wir Dreyfus in der Ostbahnabtheilung, der geheimsten und wichtigsten, verwendeten." Die Ereignisse der letzten Wochen zeigen deutlich, daß die Herrschaft von Max Rögis und seiner antisemitischen Clique zu Ende ist. Wohl ist der Held der Straße wieder aus dem Gefäugniß entlassen, aber welcher Unterschied gegen die Haftentlassung desselben Mannes im Vorjahr! Damals Straßenszenen, die in der Plünderung des Judenquartiers ihr Ende fanden und gewaltige Militärmaffen zur Herstellung der Ruhe nöthig machten, diesmal — der Held auf der Flucht! 8ie transit gloria mimdi. * Präsident Krüger setzt seine Bemühungen, den Juden die Gleichberechtigung in Transvaal zu verschaffen, trotz des ablehnenden Beschlusses des Volksraad fort. Seine neuen Vorschläge begründet er mit Citaten aus der Bibel, aus denen hervorgehen soll, daß die Gleichberechtigung den Uebertritt der Juden zum Christenthum befördern würde. Diese Begründung ist besonders charakteristisch für den Jdeengang der Buren von Transvaal. * Auch in den südamerikanischen Freistaaten will man die Juden haben. Ein Freund unseres Blattes sendet uns als Beweis für diese Thatsache die folgenden Mittheilungen der „Haudelszeituug" von Buenos-Ayres: ' „Eine der größten Unterlassungssünden, welche die Verwaltung Uruguays seit Jahrzehnten begangen hat, ist die völlige Bernachlässtgung der Einwanderung und Kolonisation. Die Förderung derselben ist um so angezeigter, da die in früheren Jahrzehnten gegründeten schweizerischen, spanischen, und italienischen Niederlassungen bereits den Beweis liefern, wie sehr Land und Klima fich für die europäische Einwanderung eignen. Andererseits muß immer wieder betont werden, daß in der Kolonisation und in einer festsitzenden Ackerbaubevölkerung das beste Mittel zur Stabilistrung der politischen und wirthschaftlichen Verhältnisse eines Landes zu suchen ist. Dieser Tage ist von Paraguay her in Montevideo Ingenieur Sicard, Delegirter der israelitischen Kolonisations- Gesellschaft (Jewish Colonisation Association), mit dem Sitze in Paris, eingetroffen, um der Regierung Vorschläge behufs Erwerbung bedeutender Ländereien im Departement Artigäs zu machen, um daselbst jüdischpolnische Familien anzufiedeln. Es ist der Regierung ein Leichtes, sich ans den Verhältnissen der israelitischen Niederlassungen in Argentinien darüber zn orientiren, ob ihr diese Einwanderung als paffend und wünschenswerth erscheint. Herr Sicard soll zu gleichem Zweck auch in Paraguay und Südbrastlien weitere Länderkäufe vornehmen wollen." Protokoll der Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldentschlands zu Halberstadt am 21. und 22. Mai 1899. II. Sitzungstag: Bor Eintritt in die Tagesordnung werden auf Anregung des Kollegen Mühlfelder und des Vorsitzenden dem Ehrenpräsidenten des Vereins, Herrn Landrabbiner Dr. Salzer-Stadtblengsfeld. und dem Verbandsvorsttzenden, Herrn Rektor Dr. Adler-Berlin, die Grüße der Konferenz telegraphisch übermittelt. Der Vorsitzende theilt noch mit, daß der Verein ein erfreuliches Wachsthum zu verzeichnen habe; die Mitgliederzahl sei neuerdings von 34 auf 48 gestiegen, es sei zu wünschen, daß der Verein sich so weiter entwickeln möge. Alsdann in die Tagesordnung eintretend, referirt Dr. Spanier-Magdeburg über das Thema „die Ethik des Judenthums und Herbarts fünf ethische Ideen". (Die auf der Tagesordnung stehende Lehrprobe mußte aus internen Gründen leider ausfallen.) Redner weist zunächst auf das epochemachende Werk von Lazarus „Die Ethik des Judenthums" hin und versucht dann, an der Hand desselben den Nachweis zu erbringen, daß die jüdische Ethik keinen Vergleich mit Herbarts fünf ethischen Ideen der inneren Freiheit, der Vollkommenheit, des Wohlwollens, des Rechtes und der Billigkeit zu scheuen habe. Er kennzeichnet hierbei den religiösen Standpunkt der Herbart-Ziller'schen Schule und die falsche Darstellung der jüdischen Ethik in vielen christlichen Religionsbüchern. Die Folge davon sei, daß der christlichen Jugend ein Zerrbild der jüdischen Religion übermittelt und schon früh in des Kindes Gemüth eine judenfeindliche Gesinnung eingepflanzt werde. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine gedankenreiche, belehrende Darbietung; der Vorsitzende richtet im Namen des Vereins an ihn die Bitte, fein reiches Können auch fernerhin in den Dienst des Vereins zu stellen und so mit dazu beizutragen, dessen Jahresversammlungen immer interessanter zu gestalten. Alsdann referirt Samuel- Bleicherode über das Verbandsthema: „Welche Anforderungen sind an die jüdischen Lehrer und Lehrerbildungsanstalten zu stellen und müssen von beiden erfüllt werden? Redner glaubt die Doppelfrage des Themas in eine Einzelfrage in folgender Fassung umwandeln zu müssen: „Welche Anforderungen sind an die jüdischen Lehrerbildungsanstalten zu stellen, damit der israelitische Lehrer die Aufgaben erfüllen kann, welche unsere Zeit an ihn stellt?" und führt weitergehend Folgendes aus: Die Lehrer, und insbesondere die jüdischen Lehrer, hätten allezeit ihre Schuldigkeit gethan. Da der Lehrer aber nur geben kann, was er selbst besitzt, und das veränderte Erwerbsleben für Jeden eine umfangreichere Bildung als bisher nöthig macht, so ist vor allem auch eine bessere Vornnd Ausbildung für ihn selbst nothwendig. Es besteht dabei kein Unterschied zwischen Elementar- und Religionslehrer; gerade Letzterer werde umsomehr geschätzt und vermöge um so nachdrücklicher in feiner Gemeinde zu wirken, je besser seine Vorbildung sei. Man brauche nur auf die oft traurige Stellung des sogenannten Kultusbeamten in den kleinen Gemeinden hinzuweisen, der als Vorbeter wohl Gutes leiste, aber als Religionslehrer mit fühlbarer Geringschätzung seitens der Gebildeten behandelt wird, wistl er beruflich nicht genügend vorgebildet ist. Referent verlangt bei Beginy der eigentlichen Berufsbezw. Fachbildung im Seminar bereits