Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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einem bestimmten Punkt gelangt, theoretisch schwimmt er noch immer im Nebel der Phrase und des hohlen Pathos. Noch immer ist die Rede ' von der Erlösung eines Volkes, von der großen Judennoth, von der. Sammlung der Juden auf dem geschichtlichen Boden ihrer Urheimath,^ noch immer werden die Hungrigen gegen die Satten ausgespielt, noch immer werden die Rabbiner und Alle, die nicht mitthun wollen, mit den stärksten Schmähungen und den schwächsten Witzen bedacht. Dagegen ist noch immer von einer Kulturbewegung innerhalb des Zionismus nicht die geringste Spur zu merken. Große, volltönende Phrasen sind über dies wichtige Thema auch auf dem letzten Kongreß gefallen; wahrscheinlich hat man auch wieder verschiedene Kulturkommissionen gegründet und Resolutionen gefaßt, aber von einer That auf diesem so wichtigen Gebiete haben wir bis jetzt noch nicht das Geringste vernommen. Den Angriffen und Schmähungen gegenüber, die die Nichtzionisten auch auf diesem Kongreß erfahren haben, nimmt es sich geradezu komisch aus, wie sich die zionistischen Führer, wenn auch nur ein einziges scharfes Wort gegen ihre Bestrebungen fällt, sofort in den Mantel der gekränkten Unschuld hüllen und in beweglichen Worten über Verkennung und Verleumdung klagen. Unser Standpunkt gegenüber der zionistischen Bewegung bleibt auch nach dein letzten Kongreß derselbe wie vorher. Es scheidet uns eine unüberbrückbare Kluft von den Utopien des Judenstaats, wir erkennen dagegen gern die praktischen Ziele der Kolonisation Palästinas' an und würden uns herzlich freuen, wenn der politische Zionismus allmälig in das Fahrwaffer dieser Bewegung einlenken wollte, die freilich lange schon, bevor er auf den Plan trat, von einsichtigen und begeisterten Männern angebahnt wurde. Es wäre ja nicht das erste Mal in der Geschichte der Juden, daß eine von utopistischen, hochfliegenden und edlen, wenn auch irrigen Motiven geleitete Bewegung schließlich doch zu bestimmten und greifbaren Resultaten geführt hätte. Me Woche. Berlin. 22. August. fie konservative Partei bleibt also als solche antisemitisch. Das ist das neueste Ereigniß. Unter der Ueberschrift: „Aus unserer Partei" veröffentlicht die „Kons. Korr." folgende Erklärung: „Es ist neuerdings mehrfach der Versuch gemacht worden, in dev Presse die Meinung zu erwecken, als fei die konservative Partei von den im Tivoliprogramm niedergelegten, insonderheit von den auf die Judenfrage bezüglichen Grundsätzen abgewichen. Diese Behauptung ist grundlos und unbewiesen. Eine Aenderung in der Stellung der Partei ist nicht eingetreten und wird von keiner Seite geplant." Danach ist die konservative Partei nicht gewillt, sich von den deutschsozialen Reformern den antisemitischen Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Kluge Leute behaupten, daß diese feierliche Erklärung in einem kritischen Augenblick nur im Hinblick auf etwaige Wahlen erfolgt sei, die ja nach Ablehnung der Kanalvorlage nicht ganz ausgeschloffen sind. Zur Vorgeschichte der Erklärung aber sei erwähnt, daß vor einigen Tagen ein hiesiges Blatt, das sich intimer Beziehungen zu konservativen Kreisen rühmt, in einer Polemik mit der „Kreuzzeitung" die Behauptung aufgestellt hatte, daß die jetzige Leitung des Blattes „den intimen Kontakt mit den einflußreicheren konservativen Faktoren im Lande verloren hat und daher nicht weiß, wie weit gewisse Irrungen, die in dem Tivoli-Programm enthalten waren, inzwischen einer besseren Einsicht zu weichen begonnen haben".! Die Antwort hierauf war das obige offizielle Denienti. Es ist' immer gut, 311 wissen, woran man ist. Daffelbe Blatt meint übrigens in einem Artikel über dieses Dementi mit Recht, daß eine Partei, die im Antisemitismus aufgeht und in ihm ihr höchstes Ziel steht, niemals geeignet sei, die staatserhaltenden Parteien unter ihrer Führerschaft zu einigen und so die drohenden Gefahren zu beseitigen. In der Angelegenheit des Kapitäns Dreyfus hat sich, wie wir schon wiederholt bemerkt, der Antisemitismus in seiner erbärmlichsten Gestalt gezeigt. Es soll zu ewigem Gedächtniß festgenagelt werden, daß die antisemitischen Blätter, obwohl sie wußten, daß die ganze Hetze gegen Deutschland geht, als Anwälte und Verherrliche«: der Fälscher und der falschen Zeugen aufgetreten sind und noch heute nicht den Muth haben, frank und frei aufzutreten, blos weil es sich um einen Juden handelt. Da man aber doch unmöglich heute noch von einem „Verrath" in Deutschland sprechen kann, so wenden sich diese Blätter gegen den Eifer, den die liberale Presse in Deutschland dem Prozeß als solchem zuwendet. Der folgende Artikel der braven „Hamburger Nachrichten" verdient deshalb unsere Aufmerksamkeit: „Einzelne Blätter behandeln die Sache, als ob es sich um die wichtigste vaterländische Angelegenheit handelte; fle nehmen mit einem Feuereifer Partei für oder gegen die einzelnen Persönlichkeiten, die im Prozeß auftreten, der ebenso unangebracht wie vom deutsch - nationalen Standpunkte aus betrachtet unwürdig erscheint. Die Entschuldigung, daß sich die auffällige Erscheinung aus der menschlich begreiflichen Theilnahme erkläre, die man der Sache der Gerechtigkeit entgegenbringe, scheint uns doch kaum zu genügen. Wir erblicken den Grund dafür vielmehr erstens in dem Sensationsbedürfniß unserer Zeit, zweitens in dem Umstande, daß der neue Prozeß in die todte Jahreszeit fällt, und drittens, daß Dreyfus eben ein Israelit ist, und die gesammte israelitische Presse seine Sache, zu der ihrigen gemacht hat. Wir find zu höflich, die Gefühle mit Namen zu bezeichnen, die in uns aussteigen, wenn wir in deutschen Blättern Artikel finden, welche die „Helden" des französischen Spektakelstüües in einer Weise glorifiziren, als ob fie uns Deutschen die wichtigsten Dienste geleistet hätten. Wir bezweifeln stark, daß die Franzosen umgekehrt uns so viel wohlwollendes Interesse zuwenden würden, wenn wir ihre „Affäre" hätten, und sie unbetheiligte Zuschauer wären. Hohn und Spott wäre sicher unser Theil! Das sollten wir doch nicht außer Augen verlieren." Daß man aber Dreyfus in denselben Blättern immer als Verräther behandelte, fo lange es noch irgendwie menschenmöglich war, trotz der offiziellen Erklärungen des deutschen Botschafters und des deutschen Staatssekretärs und trotz der gemeinen und für jedes wahrhaft deutsche Empfinden tiefverletzenden Art, mit welcher seit Monaten in Frankreich die Versicherungen der höchsten deutschen Autoritäten behandelt werden, das wollen wir auch nicht aus den Augen verlieren. V Das neue Bürgerliche Gesetzbuch hat nach einer Richtung hin auch für unfere Kreise noch eine gewisse Bedeutung, die bisher noch nicht beachtet wurde. Es handelt sich nämlich um die Weigerung eines Gatten, sich kirchlich trauen zu lassen, und ihre Wirkung. § 1334 des Bürgerlichen Gesetzbuches bestimmt: „Eine Ehe kann von dem Ehegatten angefochten werden, der zur Eingehung der Ehe durch arglistige Täuschung über solche Umstände bestimmt worden ist, die ihn bei Kenntniß der Sachlage und bei verständiger Würdigung des Wesens der Ehe von der Eingehung der Ehe abgehalten haben würden." Und § 1568 sagt: „Ein Ehegatte kann auf Scheidung klagen, wenn der andere Ehegatte durch ehrloses oder unsittliches Verhalten eine so tiefe Zerrüttung des ehelichen Verhältnisses verschuldet hat, daß dem Ehegatten die Fortsetzung der Ehe nicht zugemuthet werden kann." Die zur Vorberathung des Gesetzbuches eingesetzte Reichstagskommission war ihrerzeit angesichts dieser ihr bereits als Entwurf vorliegenden Paragraphen einstimmig der Ansicht, dav die Weigerung der Einholung der kirchlichen Trauung überhaupt' oder in den