Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228346--55724-3291954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63. Jahrgang. Nr. 34 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahrs. 3 M. Redaeterrr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr LuLivrg Philippson-Bonn Verlags-Expedition: Gerlin, Zlerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Perlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Leitartikel r Der dritt-e Zionistenkougretz. — Die Woche. — Protokoll der Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands.— Die Verhandlungen des dritten Zionistenkongresses. — Aus der Provinz Posen. — Zum Goethe-Tage. Von Dr. Ludwig Pick. — Feuilleton: Die Abtrünnige. XIX. Eine Erzählung von Paula Faber. — Neisemomente. II. Von G. K. — Litterarische Mittheilnrlgerr. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Rachrichten r Berlin, Allenstein, Lissa i. P., Schneidemühl, Brieg, Borkum, Frankfurt a. M., Baden- Baden, Wien, Paris, New-York. — Von Rah lind Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Rotizen. Ber dritte Zionistenkongreß. Berlin, 22. August. fer Verlauf der Verhandlungen des dritten Zionistenkongresses dürfte die .Führer dieser Bewegung darüber gründlich belehrt haben, daß es auf dem bisher eingeschlagenen Wege nicht weitergehe, und daß die Gemeinde, die sich ihrer Führung anvertraut hat, durchaus nicht eine willenlose Heerde sei, die man heute in dieses und morgen in jenes Land führen könne. Der politische Zionismus ist aus dem Stadium des Hurrahgeschreis in das der Opposition getreten. Diese Opposition, die man auf den früheren Kongreffen mit' Gewalt unterdrückt, hat sich auf dem diesjährigen Kongresse mit aller Gewalt Luft gemacht, und wenn die Führer der Partei tüchtige Wetterkundig<wären, so würden sie erkennen, daß die Tage, wo an dem Zionistenhimmel eitel Sonnenschein strahlte, ans lange Zeit vorüber sind und nicht eher wiederkehren werden, als bis auch nur eine der vielen und großen Versprechungen in Erfüllung gegangen ist, die sie ihren Adepten seit Jahren gemacht haben. Für objektive Zuschauer konnte diese Opposition, die auf dem Kongresse in mehreren heftigen Gewittern sich entladen hat, die ebensowohl aus England wie aus Rußland und aus Oesterreich, also fast aus allen Theilen der zionistischen Diaspora, kamen, nichts Befremdendes haben. Seit Jahren wird von den Führern mit allem Pomp das große Wunder in Aussicht gestellt. Das Wunder kommt aber nicht. Vor jedem Kongreß wird in allen Blättern der Partei das Neue, das Wunderbare in einer mystischen Weise angekündigt, die an die letzten Dramen Ibsens erinnert. Aber weder bei Ibsen noch bei den Zionisten tritt das Wunderbare wirklich in die Erscheinung. Darüber geht nun den Betheiligten die Geduld aus, und sie erheben berechtigten Einspruch. Alich vor dem diesjährigen Kongreffe wurde ein Wunder angekündigt, das fahrplanmäßig am Tage der Eröffriung des Kongresses eintreten sollte. Es ist aber leider wieder ausgeblieben, wie so oft schon. Dagegen ist allerdings wenige Tage vorher ein Eommunique in offiziösen Blättern erschienen, welches klar und deutlich auseinandersetzte, daß der Sultan trotz aller Fürsprache und trotz der Geneigtheit hoher Würdenträger der Pforte mit aller Entschiedenheit die Förderung der zionistischen Pläne abgelehnt hat. Wir wissen nicht, ob dieses Kommunique Gegenstand der Verhandlungen auf dem Kongresse war, aber wir glauben kaum, daß dies der Fall gewesen ist, da nach jener Erklärung die nächsten Pläne des politischen Zionismus in Nichts zerfallen muffen. Denn das Hanptergebniß des Kongresses war ja die Thatsache, daß der politische Zionismus unverkennbar in ein neues Stadium getreten ist. Es handelt sich jetzt nur noch lim praktische Kolonisation in Palästina, und der einzige wirkliche Unterschied zwischen den politischen und den religiösen Zionisten sowie allen Ztonsfreunden besteht wirklich nur in der Frage, in welcher Weise und Ausdehnung diese Kolonisation zu betreiben sei. Die Bemühungen der Zionisten sind, wie der Präsident des Kongresses in der Eröffnungsrede mitgetheilt, darauf gerichtet, einen Charter, d. h. einen Frei- oder Schutzbrief, von der türkischen Regierung zu erlangen, der die nöthigen rechtlichen Sicherheiten für eine große praktische Kolonisation enthalten muß. Das konnte aber der Kongreß nicht erlangen, es mußte also ein neuer Kontrahent geschaffen werden, nämlich die Kolonialbank. Aber auch deren Aktienkapital soll nicht etwa zur Landerwerbung verwendet werden. Die Bank ist vielmehr nur ein Zwischenglied, und es muß das Lächeln jedes mit den Verhältniffen Vertrauten erwecken, wenn auf dem Kongreß gesagt wurde, daß diese Bank mit ihren gezeichneten fünf Millionen Francs für die Gewährung jenes Charters „der türkischen Regierung große Vortheile vermitteln" könnte. Haben sie den Charter erlangt, dann soll erst die eigentliche Landgesellschaft gegründet werden, und zwar selbstverständlich mit einem entsprechend größeren Kapital. In die Kategorie der oben geschilderten Wunder dürfen wir wohl alich die Versicherung stellen, daß die Beschaffung gerade dieses „größeren Kapitals schon heute als gesichert angenommen werden" könne. Nichtsdestoweniger erscheint die ganze Sache plausibel, und man könnte, nachdem der politische Zionismus eine solche Häutung vom Judenstaat an durch die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte hindurch bis zur Landgesellschaft mit türkischem Charter durchgemacht hat, sich mit dieser Entwickelung im Großen und Ganzeil zufrieden geben. Selbst die Einwendungen, die von sachkundiger Seite gegen die neueste Phase des politischen Zionismus erhoben werden, daß das, was sie jetzt anstreben, eine staatsrechtliche Unmöglichkeit sei, würden uns dabei nur wenig stören, wenn nicht die Führer selbst durch ihre großen Reden auch auf diesem Kongreß den verhältilißmäßig günstigen Eindruck, den ihre sachlichen Auseinandersetzungen hervorzubringen im Stande gewesen wären, so viel als möglich abzuschwächen mit Erfolg sich bemüht hätten. Praktisch ist der politische Zionismus zu