Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ringeren Einnahmen aus Berpflegungskosten infolge der erhöhten An- | zahl unentgeltlich aufgenommeyer Kranker und besonders Altersschwacher. Die Zahl der regelmäßig Beitragenden in unserer Gemeinde ist nicht so groß, wie sie sein sollte und könnte, um die Mittel zum Neubau der Anstalt auf einem geeigneten Platz zu schaffen. Denn auf dem jetzigen Grundstück lassen sich die dringend nothwendigen Erweiterungen und Verbesserungen nicht ausführen. Leider hat ein früherer Appell nicht die gehoffte Wirkung erzielt. Doch hatte er wenigstens ein Geschenk von 3000 Mark von der seligen Frau Rosalie Rothschild und 5000 Mark seitens eines Gönners zur Folge. Das Kuratorium der Anstalt besteht aus den Herren: Carl Eltzbacher, Vorsitzender. Jacob de Jonge. stellvertr. Vorsitzender. Louis Rothschild. Abrah. Callmann. Rabbiner Dr. Frank. Heinrich Frank. Phil. Neckarfulmer. Dr. Fritz Eltzbacher. Dr. B. Auerbach, dirig. Arzt der Anstalt. 1. Bonn, 11. August. Wie ich Ihnen schon kurz mitgetheilt, befinden stch unter den diesjährigenP reisgekrönten der hiesigen Universität drei Glaubensgenossen, die Herren Dr. med. Rülf-Bonn, Salomon-Jserlohn, Herz-Warburg. Das von Letzterem behandelte Thema lautete: „Die Erscheinung der englischen Komödianten ist auf Grund des im letzten Jahrzehnt veröffentlichten archivalischen Materials aufs Neue zu untersuchen." Die beiden erstgenannten Herren behandelten die „Leibniz'schePerzeptions- und Apperzeptionstheorie". Ein geradezu glänzendes Urtheil hat die Arbeit des Herrn Dr. Rülf gefunden, doch waren unter Rülfs Mitbewerbern die Arbeiten des Herrn Salomon-Jserlohn sowie die eines anderen Arztes in Bonn als derart hervorragend beurtheilt worden, daß der Herr Minister auf den außergewöhnlichen Antrag der Fakultät die Prämiirung auch dieser Arbeiten verfügte. X Karlsruhe, 13. August. Zu Ihrem Bericht aus St. Moritz in der vorigen Nummer möchte ich Ihnen mittheilen, daß der Großherzog von Baden schon öfter Gelegenheit genommen hat, sich in ähnlicher Weise zu äußern, wenn auch antisemitische Blätter in bekannter Gepflogenheit es leugnen. So sprach sich der Großherzog 1890 einem badischen Beamten gegenüber in höchst bedauernder und mißbilligender Weise über die antisemitischen, in der Nähe von Mannheim stattgefundenen Versammlungen aus und über die Ziele der antisemitischen Partei, welche sich mit Unrecht eine konservative zu nennen wage. Der Großherzog betonte dabei, daß auf seine persönliche Anregung hin die Sache bei der großherzoglichen Regierung zum Gegenstände von Berathungen gemacht worden sei, und versicherte, daß seine Regierung dieser Bewegung ihre volle Aufmerksamkeit schenke und nöthigenfalls die geeigneten Maßregeln zum Schutze des Friedens unter den Konfessionen ergreifen werde. Hinzugefügt wurde noch (s. Mannheimer General-Anzeiger vom Juni 1890), daß der Großherzog den betreffenden Herrn ermächtigte, seine Aeußerungen auch weiteren Kreisen bekannt zu geben. o. Stuttgart, 12. August. Unter starker Theilnahme fand am 1. d. M. die Generalversammlung des israelitischen Lehrer¬ und Unterstützungsvereins im Hotel Westheimer in Stuttgart statt, wobei für den verstorbenen Vorstand, Stern-Eßlingen, Lehrer Schmal - Ludwigsburg die Versammlung leitete. Seine erste Aufgabe war, dem allzu früh Heimgegangenen einen warmen Nachruf zu widmen, worauf für die Restperiode Schmal-Ludwigsburg durch Zuruf als Vorstand gewählt und Spatz-Affaltrach als weiteres Ausschußmitglied bestimmt wurde. Der Rechenschaftsbericht, von Kasstrer Metzger-Cannstatt vorgetragen, entwarf dieses Jahr kein so erfreuliches Bild wie in früheren Jahren, indem der Verein durch vermehrte Gaben in Anspruch genommen wurde, und das Vermögen durch den Kursrückgang der Staatsobligationen keine Zunahme aufweisen konnte. Es war daher begreiflich, wenn dies zu verschiedenen Bemerkungen Anlaß gab. Hierauf wurde von Metzger- Cannstatt das Referat über die Frage: „Soll der Religionsunterricht an den höheren Schulen obligatorisch werden?" übernommen. Mit dem Hinweis auf die Entwickelung unseres Schulwesens in Württemberg zeichnete der Redner ein Bild über die vielfachen Schattenseiten, namentlich des Besuchs unseres Religionsunterrichts, der dringend einer Regelung seitens der Behörde bedarf. Allgemeiner Beifall zeigte, wie der Referent aus den Herzen aller Anwesenden gesprochen, und es wurde die von Dr. Stößel-Stuttgart beantragte Resolution einstimmig angenommen: es solle an die Behörde die Bitte um Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts in den höheren Schulen ausgesprochen werden. Mit einem gemeinschaftlichen Mahl und einem Hoch auf dem König schloß die Versammlung. Oesterreich Ungarn. □ Wie» 14. August. In der stillen Zeit, die jetzt angebrochen, ist es nicht ohne Interesse, zu beobachten, wie es mit den Stiftungen von Jud en „ohne Unterschied der Konfession" hier zu Lande zugeht. Ein besonders charakteristischer Fall ist der folgende: Die in diesem Jahre fälligen Reisestipendien aus der Singer'schen Schulstiftung ä 300 fl. wurden zwei Wiener Bürgerschullehrern, F. Omann zum Studium des Zeichenunterrichtes und K. Holler zur Sammlung von Volkssagen für Schulzwecke, ferner zwei Volksschullehrern, F. Tisch und F. Strazanek zum Studium der Lehrer- und Schülerbibliotheken, verliehen. Die Herren Holler und Strazanek find Ausschußmitglieder des christlich-sozialen (antisemitischen)'Vereins der Lehrer- und Schulfreunde. In den letzten Jahren waren die Herren Krautmann, Andreas Maier, Herold, Prochaska und andere Gesinnungsgenossen der antisemitischen Partei die Nutznießer der obengenannten Stiftung. — Am 8. d. M. ist hier eines der angesehensten Gemeindemitglieder, Herr Heinrich Berger, im Alter von 77 Jahren gestorben. Der Verstorbene war streng religiös, zugleich aber sehr gebildet und hat bis in seine letzten Lebenstage nicht aufgehört, seine opferbereite Liebe zur Thora zu bethätigen. Er hatte Jahrzehnte hindurch die Leitung der Talmud-Thora. Er widmete sich aber auch mit dem ganzen Eifer den Armen Palästinas und bot jederzeit seine kräftige Hilfe den armen und verfolgten Brüdern aller Länder. Berger hinterläßt eine Wittwe, drei Söhne und eine Tochter, welche an den bekannten Musikschriststeller Professor Dr. Guido Adler verheirathet ist. Einer seiner Söhne, Dr. Emil v. Berger, ist ein berühmter Augenarzt in Paris. Ein zweiter Sohn, Dr. Alfred Berger, ist Vorsteher der israelitischen Kultus gemeinde in Wien. Das Leichenbegängnis fand Donnerstag, 10 Uhr Vormittags, vom israelitischen Friedhofe in Baden statt. Auf Wunsch des Verblichenen wurden keine Reden gehalten. — Die Baronin Charlotte v. Königswarter erhielt die höchste für Damen bestimmte kaiserliche Auszeichnung den Elisabeth-Orden 2. Klasse. — Bor Kurzem war in den Blättern die Nachricht verbreitet, daß die durch ihre extravaganten Manieren bekannte „Schriftstellerin" Mariska Simli in Ungarn zum jüdischen Glauben übertreten wolle. Thatsächlich hat sie den Budapester Rabbiner Dr. Samuel Kohn ersucht, er möge sie in die jüdische Gemeinde aufnehmen, sie wurde jedoch — wie „E. Hirl." meldet — von Sr. Ehrwürden mit dem folgenden Schreiben abgewiesen: „Fräulein Mariska I. Simli, Kaschau. Die Judenheit nimmt nur solche Leute auf, welche aus reiner Ueberzeugung übertreten, ich kann diese Ueberzeugung aber in einer solchen Person nicht voraussetzen, die, wie Sie schreiben, den jüdischen Glauben erst jetzt studiren will. In solchen Fällen sage ich den Betreffenden gewöhnlich: „Bleiben Sie dort, wohin Sie durch ihre Geburt gekommen sind." Dasselbe empfehle ich auch Ihnen. Mit besonderer Hochachtung Dr. Kohn." — Der „Pester Lloyd" veröffentlicht eine Statistik der Mischehen, welche im Juni dieses Jahres in Ungarn geschlossen wurden. Darunter waren 29 jüdisch-christliche Mischehen, davon war in 13 Fällen der Mann, in 16 Fällen die Frau jüdisch. Am. interessantesten ist, daß bei der Vereinbarung über die Religion, in welcher die Kinder des eheschließenden Paares erzogen werden sollen, nur in 9 Fällen die christliche Religion gewählt wurde, während in den anderen 20 Fällen bestimmt wurde, daß die Kinder in der jüdischen Religion aufzuziehen sind. Es ist übrigens die Ziffer von 29 Mischehen in einem Monat eine erschreckend große. Schweiz. Basel, 14. August. Morgen wird hier der dritte Zionisten - kon greß beginnen. Es sind bereits gegen 300Delegirte von Zionistenvereinen aus fast allen Theilen der Welt eingetroffen. Gestern fand eine mehrstündige Sitzung des Aktionskomitees statt, in der Dr. Herzl den Vorsitz führte. Ueber die Verhandlungen und Beschlüsse wird Stillschweigen beobachtet. Nur so viel konnte man erfahren, daß der Vorschlag eines Herrn Tielscher (New-Uork), die Insel Cypern zu erwerben, vom Agitationskomitee abgelehnt worden ist, da der Kongreß, seinen Satzungen gemäß, sich lediglich mit der Kolonisation Palästinas und Syriens beschäftigen dürfe. Man hofft, mit Hilfe der vor einiger Zeit in London begründeten jüdischen Kolonialbank etwas Positives zu erreichen. Das nominale Grundkapital dieser Bank beträgt 2 Millionen Pfd. Sterling. Davon sind bereits 300 000 Shares a 1 Pfd. gezeichnet. Aufstchtsrath dieser Bank ist das Aktionskomitee. Heute Vormittag