Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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fand in einem der Nebensäle eine Sitzung der weiblichen Delegirten statt, in der Frau Professor Dr. Gottheil (New-Uork) den Vorsitz führte. Sie betonte, daß eigentlich jeder Jude Zionist sein müsse. Die Juden dürfen ihre Nationalität, ihr Vaterland, ihre Tradition niemals verleugnen. Der Zionismus sei eine soziale Bewegung. Die Juden dürfen sich nicht länger ihrer Religion und Abstammung wegen von den anderen Völkern unterdrücken lassen. Der Zionismus könne aber nur dann Fortschritte machen, wenn er von den Frauen unterstützt werde. Die jüdischen Frauen müssen ihre Kinder für die Sache des Zionismus erziehen. Frau Dr. Cahan (Wien) pflichtete der Vorrednerin bei und tadelte es, daß in Wien die jüdischen Frauen der vornehmen Welt, weil es ihnen gut gehe, sich nicht um ihre unterdrückten Glaubensgenossen in Galizien, Rußland und Rumänien kümmern. Im Uebrigen, so führte die Rednerin aus, habe der Zionismus mit der Politik absolut nichts zu thun, es sei eine rein humanitäre Bewegung. Fräulein Jmas (Nikolajew, Rußland) meint dagegen: Die Zionistenbewegung sei eine eminent politische Bewegung. Es sei eine proletarische Bewegung. Die Juden seien seit zweitausend Jahren die Proletarier, die von den andern Völkern zumeist wie Sklaven behandelt werden. Die Juden wollen diese Sklavenketten endlich zerbrechen, ste wollen Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. In dieser Beziehung begegnen sich also die Bestrebungen der Zionisten mit denen des Proletariats überhaupt. Diese Auffassung wurde ganz besonders von Frau Professor Dr. Gottheil bekämpft. Im weiteren Verlauf berichteten die Delegirtinnen über die Fortschritte des Zionismus in den einzelnen Ländern. Die Russinnen und Polinnen klagten, daß ihnen große Schwierigkeiten bei Bildung von Zionistenvereinen bereitet werden. (Fortsetzung des Berichts in nächster Nummer.) Frankreich. 8. Paris, 13. August. Der in der Armee künstlich gezüchtete Antisemitismus hat schon zu recht unangenehmen Konsequenzen gefühH^ Eine der bedeutendsten aber ist das Duell, das kürzlich zwischen znE Unteroffizieren des 18. Chasseurregiments in St. Germain-en-Laye stattgefunden hat. Unteroffizier Klein, ein Jude, war durch die fortwährenden antisemitischen Hetzereien seiner Kameraden so zur Verzweiflung gebracht, daß er den Nächstbesten, der ihn wieder in dieser Weise beleidigte, thätlich angriff, so daß ein Duell die Folge war. So fand der Zweikampf zwischen dem Unteroffizier Klein und dem Unters offizier B iancarelli statt, in dem Klein fiel. Am 31. v. M. fand daA feierliche Begräbniß statt, bei dem Oberst Meneust dem allgemeinen Mitgefühl Ausdruck gab und den ausgezeichneten menschlichen und soldatischen Eigenschaften des Verstorbenen volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Rußland. L. T. Odessa, im August. Der „Odessky Listok" brachte vor einigen Tagen eine Korrespondenz aus Cherson, die ich Ihnen in deutscher^ Uebertragung hier zusende: Ein großer Kreis von Liebhabern der alt^ hebräischen Litteratur feierte am 18. Juli den achtzigsten Geburtstag des bekannten jüdischen Gelehrten und Schriftstellers Jehuda Begak, .der ungefähr 40 Jahre in Cherson lebt. Begak gehört zu jener berühmten Plejade der jüdischen Pioniere auf dem Gebiete der Bildung de! vierziger Jahre, von denen nur äußerst wenige noch am Leben sind. Er watz einer der ersten Lehrer der Rabbinerschule, die unter der Regierung Kaisers Nikolaus 1. gegründet wurde. Seine speziellen Arbeiten uM Forschungen aus dem Gebiete der Assyriologie, ebenso seine Kommentars der Bibel machten seinen Namen in den jüdischen gelehrten Kreisen nich^ nur Rußlands, sondern weit über die Grenzen seines Vaterlandes bekannt^ so z. B. in Deutschland, England und in anderen Ländern. Zu seinen^ Jubiläum, welches früher schon durch die jüdische Presse bekannt wurdet empfing der greise Jubilar viele Gratulationen aus vielen Städten Rußlands und des Auslandes. Hier in Cherson dauerte die Feier dem ganzen Tag. Um zwölf Uhr Mittags erschienen die Vertreter verschiedenes Anstalten und viele Verehrer des gefeierten Gelehrten in der WohnunG desselben und überreichten ihm eine Adresse in einer Atlasmappe. Hie! wurden auch die vielfach angelangten Glückwünsche vorgelesen. AbendU veranstaltete man im schlichten Heim des greisen Gelehrten ein Soupers an dem sich 50 Personen betheiligten. Die Anwesenden waren in animirter Stimmung, und wurde dieselbe durch Reden und Trinksprüchtz noch gehoben, erst nach Mitternacht ging man aus einander. Der Jubilar, erfreut sich trotz seines hohen Alters einer guten Gesundheit und setzt seine gelehrten Arbeiten noch immer fort. Der Kreis seiner Verehrer beschloß, seine neuesten Arbeiten durch den Druck zu veröffentlichen. Don Nah und Fern. --- Dr. Heinrich Malter, ein ehemaliger Schüler der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, ist als Dozent an das Hebrew Union College in Cincinnati einstimmig berufen worden. — Dr. Louis Marcuse hat den Charakter als Sanitätsrath erhalten. — Am 5. d. M. fand wieder eine Pückler-Bersammlung statt, die aber von den meisten Blättern verdientermaßen todtgeschwiegen wurde. Die Nummer der „Staatsbürger-Zeitung" vom 6. d., die die Reden brachte, wurde beschlagnahmt, weil die Wiedergabe der Rede des Grafen Pückler „bezwecke und geeignet sei, in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander aufzuhetzen, also gegen den § 130 des Strafgesetzbuches verstoße." — Verschiedene jüdische Blätter bringen Notizen über den neuen Rektor der Berliner Universttät. Professor Dr. I. Fuchs ist aber nicht Jude. — In Halberstadt wurde am 2. d. M. das neue Gebäude der nun schon seit mehr als hundert Jahren segensreich wirkende Hascharath-Zewi-Schule feierlich eingeweiht. — Der bekannte Dermatologe, Sanitätsrath Dr. Herxheim er aus Frankfurt a. M., ein Neffe des sel. Landrabbiner Dr. Herxheimer in Bernburg, ist in Tirol plötzlich am Herzschlag gestorben. — In Würzburg wurde zum bürgerlichen Magistratsrath der Weingroßhändler Bernhard Hellmann jr., Vorstand des Würzburger Handelsvereins und zweiter Vorstand der Handels- und Jndustrieabtheilung der unterfränkischen Handels- und Gewerbekammer, mit großer Majorität gewählt. Es ist dies das erste Mal, daß ein Israelit diese Stelle daselbst bekleidet. — In Nürnberg starb am 6. d. der älteste aktive Anwalt Baierns, Justizrath Dr. Leopold Obermeyer, Vorstandsmitglied der Anwaltskammer, im 80. Lebensjahre. — Im Szasz- Sebeser Wahlbezirke (Ungarn) wurde Redakteur Josef Veszi einhellig zum Reichstagsabgeordneten gewählt. — In Rom wird vom 4. bis 15. Oktober der 12. Orientalistenkongreß abgehalten werden. Den Vorsitz wird Professor Graf Angelo de Gubernatis führen, der einer der rührigsten, fruchtbarsten und populärsten Gelehrten Italiens ist. Es sind bereits viele jüdische Gelehrte angemeldet. — Der König von Portugal hat zum Vizekonsul von Portugal den Rechtsanwalt Dr. R ud o lf von Geldern in Mastricht ernannt, der in dieser Eigenschaft von der Königin in Holland anerkannt und zugelaffen worden ist. — Aus dem Nachlaß der Baronin Nathaniel de Rothschild erhält das Louvremuseum in Pari s einen Grenze, der auf600 000 Francs geschätzt wird, und noch viele andere werthvolle Bilder. — Unter den Delegirten zur Friedenskonferenz hat sich Staatsrath Professor Ass er, einer der holländischen Vertreter, besondere Achtung erworben, sowohl durch sein großes Wissen in internationalem Völkerrecht, als durch den Takt, mit dem er die widersprechenden Anschauungen in den Kommissionen, denen er angehörte, zu versöhnen wußte. Wie es heißt, ist Asser für den Posten des Generalsekretärs in Aussicht genommen, wenn das permanente internationale Schiedsgericht zu Stande kommen sollte. — Auch in Manchester hat sich nach dem Londoner Beispiel eine jüdische Knabenbrigade gebildet, in der junge Leute im Alter von 10—17 Jahren eine Art militärischen Drills erhalten, was ihnen sowohl körperlich sehr nützlich ist, als ihr Benehmen verbessert. Diese Brigade hielt in der ersten Augustwoche eine Felddienstübung in Lytham ab, die von beinahe 240 Knaben mitgemacht wurde. Bei dieser Gelegenheit inspizirte Oberst Brownrigg die Knaben und äußerte sich sehr zufrieden mit ihrer Haltung. — In Port Elizabeth fand am 18. v. M. eine Massenversammlung statt, um zur Transvaalfrage Stellung zu nehmen. Bei dieser Gelegenheit waren der Bürgermeister Max Gumpert, der Stadtrath A. H. Sydner und der Rev. Philipps die Hauptsprecher. — Welchen Umfang die jüdische Armenpflege in Amerika hat, erweist der Junibericht der United Hebrew Charities. Während dieses Monats wurden 2910 Personen bedacht, theils mit Geld, theils mit Kleidung und Nahrungsmitteln. 568 Besuche hatten die Armenärzte zu machen, und 35 Armenpflegerinnen waren auf Kosten des Vereins im Dienst, 780 Bewerber ließen sich im Arbeitsnachweis einschreiben, von denen man für 433 Arbeit fand. Die Ausgaben betrugen 45 000 Mark. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.