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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 dem selbst Kindersegen versagt war, umgab sich am liebsten mit Kindern. Er, dem der volle Ernst der Wissenschaft aufgegangen war wie wenigen Anderen, war aber auch ein Freund des Humors. Er war unerschöpflich in geistvollen Apercus, er war ein Meister in der Erzählung jüdischer Witze. Vielleicht war dies der einzige dunkle Punkt in unserer Freundschaft: man konnte ihm keinen neuen Witz erzählen, er kannte sie alle bester und wußte sie alle bester vor-- zutragen. Jedes Gefühl des Neides aber, das darob etwa hätte entstehen können, wußte er durch sein gütiges Lächeln, durch seinen milden Blick, den Niemand vergeffen wird, der je in diese wundervollen blauen Augen geschaut hat, zu verscheuchen. Ich muß in diesem Augenblick a» einen Vers von Goethe denken> den er vor mehr als 80 Jahren hier gedichtet hat: Von seines Auges mildem Blick entbrennet Ein heilig Feuer, das uns nie entweiht; Und wie man erst des Sommers Kräfte kennet. Wenn sich im Herbst der Trauben Fülle zeigt. So zeige sich, wenn er von uns getrennet. Der Segen wirksam, den er uns gereicht. Aber ich kann von David Kaufmann nicht schreiben, ohne seiner Mutter zu gedenken. Wenn man von allen großen Männern sagt, daß sie das Beste, was in ihnen liegt, ihrer Mutter zu danken haben, so gilt dies von Kaufmann in ganz besonderm Maße. Das Verhältniß zwischen Mutter und Sohn war ein merkwürdiges, rührendes. Sie schienen Beide unzertrennlich. Die fromme, einfache Frau war im Laufe der Jahre mit ihrem Sohne geistig gewachsen. Sie hatte, wenn ich so sagen darf, Verständniß für seine Arbeiten, sie sonnte sich in seinen Erfolgen. Und nun hätte man die 72 jährige Frau am Krankenbett des geliebten Sohnes sehen müssen. Solche Demuth, solche Ergebung kann nur wahre Frömmigkeit verleihen. Hier erfüllte sich in tiefster Wahrheit des Dichters Spruch: Vermiß Dich nicht, mit ihm zu rechten! Mit Demuth nahe Dich dem Herrn! In trauervollen Mitternächten Ist Dir der Ewige nicht fern. Als sie den heißgeliebten Sohn nach dem entsetzlichen Unglück, das ihn im Bade betroffen, nach Hause brachten, leichenblaß und in fürchterlichster Aufregung, da sagte sie wehmüthig zu mir: „Gerade so hat er ausgesehen, als er die erste Nachricht von den großen Funden in der Genizah zu Kairo erhalten hat!" Während der ganzen entsetzlichen Zeit seiner Krankheit sah sie Niemand weinen, hörte sie Keiner klagen. Kein Ton des Jammers, kein Laut der Verzweiflung kam über ihre reinen Lippen, und als wir sie, nachdem alles vorbei war, auf den Bahnhof begleiteten, da war ihre letzte Frage: „Nicht wahr, ich habe mich mit keinem Wort gegen Gott versündigt?" Solche wahrhaft antike Größe machte uns erschauern, und es wehte uns ein Hauch an von der erhabenen Duldergröße eines Hiob, oder richtiger: einer Beruria, mit der die theure Frau, die Gott noch lange erhalten möge, ausgerufen hat: „Lehrtet Ihr mich nicht, man müffe ein anvertrautes Gut dem Eigenthümer zurückgeben? Der Herr fordert zurück den Sohn, den er mir geschenkt; der Name des Ewigen sei gelobt!" Gewiß, so oft man von David Kaufmann sprechen wird, wird man seiner Mutter gedenken müffen! Es war ein wundervoller Morgen, als wir dem theuren Todten das letzte Geleit gaben. Ein erquickender, frischer Hauch kam von den Bergen, ringsum grünte, blühte und duftete alles, im Laub der Bäume sangen die Vögel ihr Morgenlied, überall heilige Stille; nur wie ein fernes Brausen drang ein Ton von dem Treiben der Weltbadestadt in diese heilige Stille hinauf, durch die wir mit den sterblichen Ueberresten David Kaufmanns bergan zum jüdischen Friedhof zogen. Dort hatte sich eine große Schaar von Freunden und Verehrern des Mannes versammelt, und man konnte sein Lob in allen Tonarten und Sprachen hören. „Er war ein großer Gelehrter", sagten die Meisten; „er war ein edler Mensch!" so sprachen Andere, die ihn näher kannten; „er war ein ausgezeichneter Lehrer!" so klagten seine Schüler; „es thut weh, einen Freund in so jungen Jahren zu verlieren!" so riefen Die aus, die sich seiner Freundschaft rühmen durften. Nur Einer ging wortlos mit bis zum Hause des ewigen Lebens: ein armer, alter blaffer Rabbi, dem der Tod und der Hunger aus den matten Augen blickten. Der hat nichts gesagt noch gemeint. Nur eine einzige Thräne blinkte ihm im Auge und rollte schnell über das durchfurchte Gesicht und den schneeweißen Bart hinab. Der war sicher sein bester Freund. 6. K. Sprechfaul. Geehrter Herr Redakteur! lMn der Synagogengemeinde Koblenz, wo Rabbiner Dr. Singer seit 12 Jahren fungirt, gehen Dinge vor, die das Eingreifen des Rabbiner-Verbandes nach meiner Meinung herausfordern" — so beginnt der Brief, in welchem mir ein Mitglied unseres Verbandes die Thatsache mittheille, daß Herrn Dr. Singer von der neugewählten Gemeindevertretung gekündigt worden sei, trotzdem er sich nichts anderes als Taktfehler hat zu Schulden kommen lassen. Vergebens wären auch, so wurde weiter berichtet, zwei angesehene Rabbiner aus benachbarten Gemeinden nach Koblenz gegangen, um für den Kollegen bei der Gemeindevertretung zu vermitteln: die Stelle sei bereits, und zwar in einer für den Dr. Singer überaus verletzenden Weise, ausgeschrieben. Daraufhin habe ich an die Gemeindevertretung in Koblenz das nachfolgende Anschreiben gerichtet: Wohllöblicher Vorstand! Bon sehr geschätzter Seite wurde mir die betrübende Nachricht mitgetheilt, daß Sie Ihrem Rabbiner, der seit 12 Jahren in Ihrer Gemeinde weilt, das Lehramt gekündigt haben, unbekümmert darum, daß es dem Familienvater, der für Weib und drei unmündige Kinder zu sorgen hat, unter diesen Umständen nur überaus schwer gelingen wird, eine andere Stelle zu erlangen. Im Namen des Vorstandes des Rabbiner-Verbandes in Deutschland, dem auch Herr Dr. Singer als Mitglied angehört, und dem die Wahrung der Interessen der deutschen Rabbiner obliegt, beehre ich mich ganz ergebenst anzufragen, ob Ihr Rabbiner wirklich so schwer gefehlt hat, daß Ihnen keine andere Sühne als seine Ent* lassung übrig geblieben ist, oder ob nicht doch noch, wie es unsere heilige Religion — eine nilM — für solche Fälle vorschreibt, ein Ausgleich der Interessen möglich ist. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie meine ergebene Anfrage und die Vermittelung, zu der ich mich Ihnen hiermit bereitwillig anbiete, mit der Dringlichkeit des außergewöhnlichen Falles entschuldigen und mich mit der Darlegung der Sachlage und Ihrer Entschließungen demnächst beehren werden. Empfangen Sie hierfür im Voraus herzlichen Dank und die Versicherung ausgezeichneter Hochachtung, mit der ich verharre rc. Karlsbad i. Böhmen, 21. Juli. M. Bis heute bin ich hierauf ohne Antwort geblieben: Das ist eben ganz die Weise einer Gemeinde, die nach dem Berichte meines Gewährmannes den verewigten Rabbiner Ben-Israel fortgesetzt gekränkt und ihm das Leben verbittert hat, die ferner von dem Vorgänger des Dr. Singer, Herrn Rabbiner Dr. Lewin in Freiburg i. Br., in seiner Abschiedsrede als ein steinigter Boden gekennzeichnet wurde, auf dem keinerlei Aussaat gedeiht, und die nunmehr dem Dr. Singer den Laufpaß giebt. Es bleibt daher bei der gegenwärtigen schutzlosen Stellung der Rabbiner in Preußen nichts anderes übrig, als die ehrwürdigen Herren Kollegen zu bitten, sich um diese Stelle nicht zu bewerben, bezw. die bereits erfolgte Bewerbung zurückzuziehen. Wer auf Ehre und Würde des Standes hält, wird diese dringende Bitte nicht unbeachtet lassen. Norderney, 13. August. Dr. Maybaüm. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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