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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 brennenden Kerzen dort unten, die flimmernde» Goldsterne der Kuppel schossen in ein ljchtes Gewirr zusammen, deirch welches hindurch, fest und unverwandt, in heißer, inbrünstiger Liebe, sie jene Augen auf sich gerichtet fühlte. Wie lange der Gottesdienst heute dauerte! Schier eine Ewigkeit. Kaum aber war das letzte Amen gesprochen, als sie, während sich in ihrer Umgebung ein Flüstern erhob, aus dem heraus sie deutlich den Namen „Frau Geheimrath Steinhardt" vernahm, wie von unsichtbarer Hand fortgeriffen, in beflügelter Eile das Gotteshaus verließ und sich nach Hause begab. Dort angelangt, sank sie im Wohnzimmer ans Reginas ehemaligen Platz am Fenster, vergeblich trachtend, ihre gewöhnliche Fasiung wieder zu erringen. Alphons, der bald nach ihr heimkam, überließ sie vollkommen sich selbst, dem ungeheuren Tumult ihres Inneren. Nach einer Weile erhob sie den Blick. Da, trogen sie noch ihre erregten Sinne, oder schritt dort wirklich jene in Schwarz gehüllte Erscheinung auf ihr Haus z»? Ja, so war's. Im nächsten Moment mußte sie die Schelle ziehen. In wilder Hast flog sie empor. Ohne auf ihres Sohnes Anruf zu achten, stürzte sie zur Thür hinaus. Ohne sich Zeit zu nehmen, eine Hülle überzuwerfen, eilte sie, der auf das nunmehr ertönende Läuten erscheinenden Minna mit klangloser Stimme zurufend: „Ich bi» nicht zu Hause!" wie von Furien gehetzt über die Hausdiele hinweg, durch die dem Eingang gegenüber belegene, in den Hof und Garten führende Thür hinaus ins Freie. Inzwischen hatte Minna die Hausthür geöffnet, so daß Regina noch gerade dieses Davonfliehen wahrnahm. Gleichzeitig trat Alphons aus dem Wohnzimmer seiner Schwester entgegen, während aus dem Kellergeschoß die alte Judith auf ihr „Kind" mit den Worten: „Regina, Regina!" zustürzte, und über dem Treppengeländer das neugierige Gesicht der Köchin, in eifrigem Bestreben, die oft in den Küchenregionen besprochene verbannte Tochter des Hauses zu Gesicht zu bekommen, auftauchte. Es war ein Moment voll unsäglicher Peinlichkeit. Regina hatte den Vorgang begriffen, ohne daß es noch des erklärenden traurigen Kopsschüttelns ihres Bruders bedurft hätte. Sie wich einen Schritt zurück und legte, indem sie die eine Hand schwer auf Judiths Schulter stützte, die andere über die Augen. Mit gebieterischer Handbewegung wies Alphons die beiden anderen Dienstboten hinweg. Dann schlang er leise den Arm um die schlanke Figur seiner Schwester und wollte sie ins Wohnzimmer führe». „Ruh' Dich wenigstens einen Augenblick aus, Regina," bat er. Sie machte sich mit sanfter Bestimmtheit frei und wandte sich zum Gehen. „Nein, Alphons, das wirst Du mir nachsühlen. Ohne die Genehmigung der Mutter weile ich nicht eine Sekunde in diesen Räumen. Ach, was ist hier alles unverändert!" Mit wahrer Zärtlichkeit glitten ihre Blicke über die altvertrante Umgebung. „Wer hier doch bleiben könnte! Aber", sie schöpfte tief Athem, „ich koimne wieder. Ich versuche mein Heil von Neuem." „Thn' das, Regina!" sagte er weich, während er sie zum Hause hinausgeleitcte. „Und nimm den Vorgang von eben nicht schwerer, als er's verdient. Glaub' mir. in erster Linie flieht sie vor sich selbst." (Forts, folgt.) Reiseinsin ente. i. Karlsbad, im Juli. it einem offenen Geständniß trete ich diesmal vor meine geneigten Leser, die mich nun schon seit Jahren ins Karlsbad begleitet haben, mit einem Geständniß, das, wie peinlich es auch immer sei, doch einmal abgelegt werden muß. , Das Beste, was eben diese geneigten Leser in den letzten zehn Jahren M den Karlsbader Briefen etwa gefunden haben, oder vielmehr, um mich bescheidener auszndrücken, das wenige Gute, was sie darin vielleicht entdeckt haben mochten, jeder gute Witz, jede geistvolle Bemerkung — sie rührten nicht von mir her. Es ist das alles mehr oder minder das geistige Eigenthum meines unvergeßlichen Freundes David Kaufmann gewesen, mit dem ich seit mehr als zehn Jahren regelmäßig im Juli in diesem romantischen Thal znsammentraf, wo die Natur den ganzen Zauber ihrer wunderbaren Pracht und unvergänglichen Schönheit ansgegossen hat, und wohin nun schon seit Jahrhunderten Tausende von Mensche» pilgern, um das köstlichste Gut de? Daseins, Gesundheit, zu erlangen, während mein armer : Freund hier den Tod gefunden hat. Ach, es ist schwer, humoristische Briefe zu schreiben, wenn einem das Herz blutet. Niemals ist mir die Kunst des polnischen Marschalik, der bei freudigen wie bei traurigen Anlässen sein Publikum zu feffeln wußte, in so bewnndernswerthem Lichte erschienen ivie heute. Aber da ich dies Kuustgeheimniß nicht kenne, so werden meine Leser diesmal mit mir sich „auf die Windseite des Kummers" schlagen müssen, wenn anders sie nach dieser Einleitung noch weiter die Neigung verspüren sollte», mir auf meinen Wanderungen zu folgen. Ich will von David Kaufinann sprechen. Zwar habe ich schon an leitender Stelle dem Schmerz über seinen jähen Tod Ausdruck gegeben und auch seine Bedeutung kurz zu skizziren versucht. An dieser Stelle will ich aber nur von dem Menschen reden, von bem braven, guten, liebenswürdigen, geist- ' sprühenden, schönen Menschen, der Alle, die je in seinen Zauberban» getreten, in seltener Weise für sich cinznnehmen verstanden hat. Seit 32 Jahren war ich mit ihm in inniger Freundschaft verbunden. Mannigfache Fäden verknüpften seine Heimath mit der 'meinen, seine Familie mit der meinigen, in deren Genealogie er besser bewandert war als ich. So waren es denn wahrhaft köstliche Tage, die ich mit ihm hier verleben durfte, in der Erinnerung an die Vergangenheit, in Gesprächen über die Gegenwart, in Ausblicken auf die Zukunft. Eine Fülle von Anregungen brachte ich jedesmal von dieser Reise zurück, die ich ihm allein zu danken hatte. Die Stunden, die wir auf solche Weise im „Kaiserpark" verbrachten, werden mir und meinem gelehrten Freunde Abraham Epstein, der bei diesen Symposien immer, mehr noch gebend als empfangend, be- ' theiligt war, unvergeßlich bleiben. So war es denn wirklich keine ' Redensart, wenn ich im Eingang dieses Briefes sagte, daß ich das Beste, was ich von hier schrieb oder mitbrachte, Kaufmann zu danken hatte. Denn unser früh verstorbener Freund war nicht blos ein großer Gelehrter, der mit seltener Geisteskraft weltweite Gebiete des Wissens zu verbinden wußte, sondern er war auch ein Mensch, dem thatsächlich nichts Menschliches fern lag. Sei» Geist glich einer Riesenorgel; welche Taste man auch anschlug, immer gab es einen harmonischen Klang. Er hatte ein poetisches Gemüth und kannte die großen Dichter aller Litteraturen. Er war für die Kunst begeistert, er liebte die Musik schwärmerisch, die Schönheit der Natur bewunderte er mit der ' Hellen Freude und Empfänglichkeit eines dichterischen Gemüthes. Er schätzte^die Menschen,s.weß Geistes und Glaubens sie auch waren. Er, 4 -i

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