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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394 sich cmch die Sänger und Dichter ergeben hätten, und Alfnssi nennt das Singen arabischer Melodien eine Schande; andererseits sucht Simon Du ran eine plausible Erklärung für die Sitte zu geben, und noch der berühmte „Bach" (Rabbi Joel Sirkes) findet nichts dabei, profane Melodien in der Synagoge zu singen (GA. Nr. 27). (Schluß folgt., EUILLETON Vir Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. rv XVIIl. {s^Vf/^icljt lange wahrte es, und in die Mauer der bis dahin noch gewissenhaft befolgten Satzungen wurden in Raphaels Hause hier und dort kleine, immer größer werdende Breschen geschlagen. Und als wenig mehr als das Trauerjahr verstrichen war, da sagte sich die junge Frau eines Tages von dem letzten Rest so lange noch mühselig aufrecht erhaltener Vorschriften los. Bon ihrer eigenen, sehr „modern" angehauchten Familie darin unterstützt, brachte sic ihren ganzen Haushalt auf einendemeiitsprechenLenFuß. Und dann gab es zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter eine sehr scharfe Aussprache, deren Resultat gleichfalls von Raphael vorhergesagt worden war. Simonette da Silva schloß ihr Haus vor der Wittwe und den Kindern ihres verstorbenen Sohnes. Alphons, der die Katastrophe hatte kommen sehen, tvar diesmal außer Stande, etwas zu thun, um sie zu verhindern oder in ihren Folgen abzuschwächen. Er weilte, fern von seiner Mutter, bei seiner Schwester, die sechs Monate später als ihre Schwägerin Ina gleichfalls Wittwe geworden und im Begriff war, in ihre Vaterstadt zurückzukehren. Alphons hatte, als er seinerzeit hinreiste, um Emanuel Steinhardt die letzte Ehre zu erweisen, seine Mutter nicht einmal mehr gefragt, ob sie ihn begleiten wolle. Wußte er doch die Antwort im Voraus. Außerdem aber hätte er der alten Frau, selbst wenn sie dazu willfähriger geivesen wäre, die mit solcher Fahrt verknüpften unausbleiblichen Seelenerschütterungen überhaupt nicht mehr zumuthen wollen. Als er dann zurückgetehrt war, hatte er seiner Mutter gesagt: „Regina löst ihren Hausstand auf und wird wieder nach hierher übersiedeln." Ein schweigendes Kopfneigen und Achselzucken war ihre ganze Antwort; dann jedoch entriß etwas, stärker selbst als ihr mächtiger Wille, ihr mit elementarer Gewalt die Frage: „Wie geht es ihr?" „Besser, als ich zu hoffen gewagt hatte. Sie hält sich bis jetzt leidlich aufrecht. Nur fürchte ich, die Reaktion kommt nach. Ich möchte sie deswegenger» so schnell wie möglich hierher haben." Und er begann ausführlich zu berichten, wie er die weiteren Maßnahme» plante, ferner, daß er ein Haus für seine Schwester hier zu kaufen beauftragt wäre, was ihm in dieser Hinsicht schon angeboten sei, und dergleichen mehr. Allen seinen Mittheilungen folgte sie mit ersichtlichem, wenn auch gewaltsam niedergehaltenem Interesse und spornte ihn sogar durch eine gelegentliche, beiläufige Frage, durch einen kurzen Rathschlag zu weitere» Reden an, so daß er wirklich begann, Hoffnung auf eine schließliche Aussöhnung zu schöpfen, umsomehr, als einige Monate später, da er ihr erzählte, er habe ein paffendes Hans für Regina gefunden und erstanden, ihr gleichzeitig den Vorschlag machend: „Du könntest es Dir doch einmal aiisehen, Mutter"; sie sich nicht, wie sonst wohl, schweigend abwandte oder schroff verneinte, sondern nach einer Pause langsam erwiederte: „wer weiß, vielleicht später!" Ein halbes Jahr nach Steinhardts Tode war er dann abgereist, um seiner Schwester beim Umzug zur Seite zu stehen und sie in ihr neues Heim in ihrer Vaterstadt zu geleiten. Während feiner Abwesenheit hatte, wie Felix, Raphaels ältester, jetzt zehnjähriger Sohn, sich ausdrückte, „der Krach zwischen Mama und Großmama" stattgefunden. Die lebensgefährliche Erkrankung eines entfernten Verwandten und langjährigen Patienten hatte AlphonS doch schließlich gezwungen, einstweilen ohne seine Schwester zurllckzureisen. Nach seiner Heimkehr sofort von beiden Parteien mit jener Nachricht empfangen, war er davon aufs Peinlichste betroffen. So sehr er auf den Bruch vorbereitet gewesen, so unvermeidlich er ihm seit Jahr und Tag erschienen war, der Zeitpunkt, an dem er zum Schluß nun eintrat, war's, den er so schwer beklagte. Er wußte, die ihr durch ihre Prinzipien abgerungene Trennung von den von ihr so unbeschreiblich geliebten und verwöhnten Enkeln würde in unfehlbarem Rückschlag das Herz der Mutter ihrer eigenen, in ihren Augen in gleicher Weise sündigenden Tochter gegenüber aufs Neue verhärten. So war cs auch. Er sah es an der steinernen Ruhe, mit der sie seine Berichte aus Heidelberg aufnahm. Und als er einige Wochen später Mittags bei Tisch sagte: „Heute Abend kommt Regina an!" da sah er ihre »ach dem Weinglas greifende Hand freilich zittern. Ihr Mund jedoch blieb stumm. Er seufzte tief auf. All seine geduldige, monatelange Arbeit zur Herbeiführung eines Ausgleichs schien wieder vollständig vernichtet. 4p Es war zwei Tage später, am Sonnabend früh in der Synagoge. Simonette da Silva saß auf ihren! gewöhnlichen Platz und folgte dem Gottesdienst anscheinend mit gewohnter, gesammelter Andacht. Anscheinend nur. Denn ihatsächlich schweiften ihre Gedanken beständig ab, zurück zu jenen Tagen, da sie hier nicht allein erschienen, da an ihrer Seite sich ein feiner, dunkelhaariger Mädchenkopf über das Gebetbuch gebeugt hatte. Und Worte und Gesang des Vorbeters dort unten verschwommen ihr in ein gewaltiges, undeutliches Chaos. Mit Aufbietung ihres ganzen starken Willens schien es ihr endlich gelingen zu wollen, die aufdringlichen Erinnerungen zu bannen, ihre Aufmerksamkeit dorthin, wohin sie sollte, zu zwingen. Jetzt aber veranlaßte sie eine leise, von den Reihen der auf der entgegengesetzten Seite belegene», derjenigen, auf der sie weilte, gleichen Galerie ausgehende Bewegung zum Aufblicken. Unwillig ob der Störung, schaute sie hinüber. Man machte dort in beflissener Weise einer in tiefste Trauer gekleideten Dame, ungefähr ihr gerade gegenüber, Platz. Simonette da Silva hatte die Empfindung, eine mächtige Hand greife nach ihrer Kehle, nach ihrem Herzen, während sie mit weitgeöffneten Augen auf die Fremde starrte. Sie wußte, wer jene hohe, schlanke Gestalt war, noch ehe diese, wie sic es jetzt that, den lange», schweren Kreppschleier zurückschlug, noch ehe die dunklen Augen den ihren voll und ernst, erfüllt von rmsagbar sehnsüchtiger Bitte, begegneten. Nach sechzehn Jahren sah sie ihr Kind wieder. Und wo? Wo sah sie sie, die Abtrünnige, >vie sie sie laut und leise tausendmal genannt halte? Vor ihren Ohren erhob sich ein gewaltiges Summen und Singen, ein Klingen und Brausen, das jeden anderen Ton erstickte. Die

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