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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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393 - find, beweist nichts. Sie sollen rach Steinthal bereits im 15. und 16. Jahrhundert fest überliefert gewesen sein, und dagegen spricht ihr ganzer Charakter. Der Hodu zu Pessach mit seiner fröhlichwiegenden Weise, Eli Zijon in seiner regelmäßigen Bauart, die nach genauen musikalischen Gesetzen zum Halbschluß in der parallelen dur-Tonart führt, Ledowid Boruclx mit seiner gemüthvollen Heiterkeit, die uns wohl verstehen läßt, daß diese Melodie ursprünglich ein steiermärkischer Tanz gewesen sei, das alles sind Weisen, wie man sie im 15. und 16. Jahrhundert überhaupt nicht schuf, die also am allerwenigsten damals „festüberliefert" sein konnten. Da nun aber, wie wir sehen, die weitaus meisten der sogenannten traditionellen Melodien ganz bestimmt ihrem Ursprung nach über das 16. Jahrhundert hinausreichen, so konnte damals von einem pietätvollen Festhalten altüberlieferter Melodien nur in ganz beschränktem Maße die Rede sein. Vielmehr müffen vom 16. Jahrhundert an eine große Zahl von Melodien erst entstanden bezw. in die Synagoge gebracht worden sein, und sie sind es, die meine Behauptung rechtfertigen, daß der mittelalterliche Synagogengesang durchaus unselbständig gewesen sei. Steinthal meinte, entsprechend meiner Ansicht müsse man sämmtliche hebräische Hymnen der jüdischen Dichter in Spanien unselbständig nennen, da sie unter arabischem Einfluß gestanden hätten. Deshalb seien sie aber in Wirklichkeit dennoch „selbständig" zu nennen. Des Weiteren fragte er, ob man denn die modernen Synagogengesärlge, unter ihnen solche von Meyerbeer und Halevy, darum unselbständig nennen könne, weil man an allen das Studium der deutschen Kirchenmusik deutlich wahrnehme? Ebeirso wenig beweise es etwas gegen den Werth und die Ursprünglichkeit mancher älterer jüdischer Melodien, daß man in ihnen den Charakter slavischen, deutschen rc. Volksgesanges verspüre. Ich gebe sämmtliche Behauptungen zu und bleibe dennoch bei meiner Ansicht der Unselbständigkeit des mittelalterlichen Synagogengesanges. Denn ein Anderes ist es, ob eine künstlerische, litterarische, wiffenschaftliche Richtung sich mit dem Charakter ihrer Zeit erfüllt und aus ihm. heraus, in seinem Geiste, schafft und strebt, oder ob sie in sklavischer Anlehnung an einzelne hervorragende Leistungen nicht über eine blinde, wahllose Nachäffung, ja sogar über direkte Entlehnungen hinauskommt. Die Hymnen der hebräischen Dichter in Spanien sind trotz des arabischen Einflusses, dem sie ihr Entstehen verdanken, durchaus selbständig zu nennen, weil sie einen eigenen Geist athmen und sich durchaus freigemacht haben von Fesseln der Form, unter denen sie Anfangs allerdings standen; und die moderne Synagogenkomposition ist trotz ihrer modernen Wurzeln, trotzdem man ihr das Studium der deutschen Kirchenmusik annierkt, als eine selbständige zu bezeichnen, weil auch sie nur in ihrem Gewände, in ihren Formen und Aeußerlichkeiten an den Stamm erinnert, an dem sie sich emporgerankt, indeß der Geist, von dem sie erfüllt ist, gebieterisch eine hohe Beachtung erheischt, gerade ob der kühnen Selbständigkeit, mit der er sich nicht nur die Synagogen, sondern auch die Herzen der Beter erobert hat. Und endlich ist es nicht zu bestreiten, daß trotz mancher volksliederartiger Anklänge, »och dazu nationalen Charakters, jüdische Melodien nichts von ihrer Selbständigkeit verlieren, vorausgesetzt — und nun koinmt punctum saliens — vorausgesetzt, daß solche Anklänge als bloße „Anklänge" strikte bewiesen sind! Allein, wer wollte sich unterfangen, einenderartigen Beweis zu führen, es unwiderleglich darzuthun, daß diese und diese Melodie nichts weiter ist als eine Anlehnung? Daß sie nicht etwa eine direkte Entlehnung darstellt? Sind etwa heute alle die verschiedenartigen Weisen, die das Volksgemüth geschaffen, so genau gekannt, um bei einer jüdischen.Melodie alsbald den Anklang herauszufinden und zuzugestehen, die völlige Nachahmung jedoch zu leugnen? Ist nicht bei jeder einzelnen dieser Melodien die Möglichkeit offen, daß sie in ihrer Ganzheit, in all ihren Gängen und Wendungen, ja bis auf den letzten Ton mit profanen Gesäugen übereinstimmen? - . Und, muß diese Möglichkeit zugegeben werden, kann man dann immer noch die Selbständigkeit der jüdischen Melodien vertheidigen? Nimmermehr! Denn dann sind sie nicht unter dem Einfluß fremder Melodien entstanden, sind nicht aus einem bestimmten Charakter oder einer bestimmten Richtung zu erklären, aus denen sie mit einer gewiffen Selbständigkeit herausgeschaffen wären, nein, sie stellen ausdrückliche Entlehnungen dar, sind also unselbständig. Diese Möglichkeit jedoch, von der wir oben gesprochen haben, und die sich aus dem Mangel an historischen Beweisen auf unserem Gebiete ergiebt, diese Möglichkeit wird aber dem unbefangenen, objektiven Forscher zur Wahrscheinlichkeit, ja zur Gewißheit, wenn er den historisch nachweisbaren und nachgewiesenen imineusen Einfluß erkennt, den die „fremden Melodien" auf den jüdischen Synagogengesang im Laufe des ganzen Mittelalters ausgeübt haben. In meinem „Synagogalen Gesang" (S. 34 ff.) gebe ich eine Darstellung dieses Einflusses, die deutlich genug ist, um aus ihr die richtigen Schlüffe zu ziehen. Wie charakteristisch und wie tief die Einbürgerung außerjüdischer Melodien gewirkt hat, sehen wir vor allem aus Folgendem: Im Munde des Volkes waren zahlreiche profane Lieder verbreitet, die zum großen Theil recht frivole Texte zur Grundlage hatten. Was hatten die jüdischen Piutinidichter zu thun? Einerseits beklagten sie die Verbreitung solcher Gesänge, da mit ihren Texten die gute Sitte untergraben und das Gemüth des Volkes vergiftet zu werden drohte; andererseits waren sie gegen diese Verbreitung machtlos. Was thaten ste? Nun, sie dichteten heilige Texte, Gebetstücke, Hymnen genau nach jenen Melodien, in der Absicht, durch ihre heiligen die frivolen Texte zu verdrängen und so dem Verderben Einhalt zu thun?) In der Folge aber nahm die Dichtung im Anschluß an profane Melodien immer mehr zri, ja wuchs zu einem ungeheuren Aufschwung empor. Die Codices der Piutsammlungen, die über den einzelnen Piutim die Textanfänge profaner Melodien, nach denen sie gedichtet sind, angaben, bestätigen dies zur Genüge. So dichtete man in Deutschland nach Chorälen* 2) und Volksliedern, in Spanien nach den Gesängen der Araber, benigun Jisclimoel, wie es in den Ritualien heißt, und in Frankreich nach den Minneliedern der proven<;alischen Troubadours. Wie tief jedoch die Neigung des jüdischen Gemüthes zu fremden Weisen gewesen sein muß, sehen wir aus der ungeheueren Littcratur der jüdisch-deutschen Lieder, die, den tiessten Tiefen des Volksgemüthes entsproffen, fast durchweg solche fremden Melodien arifweisen. Wer sich davon überzeugen will, der mag in Steinschneiders Katalog der Bodleiana Seite 560 ff. die Aufzählung dieser Melodien Nachlesen. Ein weiterer deutlicher Beweis dafür, wie weitreichend die Sitte sich eingebürgert hatte, fremde Melodien in der Synagoge zu singen, ist in der Thatsache zu sehen, daß die jüdischen Schriftsteller ausdrücklich zu dieser Sitte Stellung nehmen und sie entweder verurtheilen oder für erlaubt erklären. So hält sich Maimonides in seinem berühmten More Nebuchim (1., 59) über diesen „fremden Dienst" auf, der in Israel einreiße, und dem 0 Vgl. Steinschneider bei Ersch und Gruber, Bd. 27, § 18, Nr. 54, der diese zuerst von Dukes ausgesprochene Art der Entstehung der Piutdichtung bestätigt und fie für „bitteren Ernst" erklärt. 2) Die Melodie zu „Moaus Zur" wurde auf ein Volkslied und auf einen Luther'schen Choral: „So frewt Euch, liebe Christen G'mein" gesungen.

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