Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„„»^, rut,. ,^tv>t-^«.^u«^^, ui<i|^j)VP^»P7pi^!!Wpji]iiwppj||p|g^ppp^( 392 der Lorbeern und der Rose beraubt, wird er das Verzeichniß seiner Lebensthaten mit sich nehmen }u dem Richterstuhle da oben, und dort, wo Gerechtigkeit geübt'und Wahrheit verkündet wird, wird der Spruch lauten: Kein Makel oder Flecken haftet an Cyrano de Bergeracs Leben und Thaten! Viele der bitteren Erfahrungen des Juden findet man in den Schlußszenen Cyranos. Vieles des Juden Zukunft Voraussagende und vieles, das — insofern des Juden wunderbare Vergangenheit und Erstaunen erregende Erhaltung uns irgend etwas lehrte — mit Sicherheit verspricht, daß sie durchaus, und zwar im glücklichen Sinne, verschieden sein wird. Die Menschheit sitzt noch immer an der Seite des Juden und weiß noch ahnte bis heute, wie leidenschaftlich sein Herz für sie schlägt — besonders an jedem Samstag — und Tausende von Jahren für sie geschlagen hat. Doch wird Seele mit Seele sich noch vereinigen, und Herz wird noch dem Herzen antworten. Die Menschheit wird endlich ihren treuen Geliebten erkennen — ehe es zu spät sein wird. Der Jude wird noch die langersehnten Worte: „Ich liebe Dich — Du sollst leben!" von den Lippen der civilisirten Menschheit fallen hören, und er wird, ungleich Cyrano, leben, sichdessenzu erfreuen. Nicht für immer wird sein ungestümes Verlangen ungestillt bleiben. Nicht für immer werden Andere sich mit den Lorbeeren schmücken, die er gewonnen. Nicht für immer wird er im Schatten stehen, an dem Fuß der Leiter, während Andere behende zu Liebe und Ruhm durch seine Arbeit und sein Verdienst aussteigen. Nicht für immer soll er Andere zum Siege führen und sich selbst zurückgelaffen oder vergeffen sehen, indeß man sich seiner nur erinnert, um ihn zu verfolgen uild zu entehren. Gleich Cyrano wird er bis zum Ende kämpfen, aber sein schließlicher Kampf wird, ungleich jenem, kein Kampf ohne Hoffnung auf Erfolg sein, noch ein Kampf für eine verlorene Sache, sondern ein tödtlicher Kampf gegen seine alten Feinde: Falschheit, Vorurtheil, Trug, Heuchelei, Treulosigkeit. Endlich wird er obsiegen, wird den Todesstoß ertheilen und unverletzt aus diesem tausendjährigen Kampfe hervorgehen. Kein Block, von Bedientenhand geschleudert, wird seinen Schädel zermalmen. Er ist unverletzbar. Er ist ewig. Feuer vermag ihn nicht zu verzehren, Wasser vermag ihn nicht zu überdecken. Pestilenz vermag ihn nicht zu berühren, Alter und Hunger ihn nicht zu schwächen. Des Kriegsgottes gesammte Heeresmacht ist ohnmächtig ihm gegenüber. Er hat tausendmal tausend gefährliche Linien überschritten, seiner Geliebten seine Botschaften zu senden, und obgleich Kanonen krachten, Schwerter blitzten und Kugeln zischten, er entging ihnen allen, denn seine Bestimmung ist, zu leben und sich zu mühen und schließlich die Menschheit zu entzücken, um sie zu werben und sie zu gewinnen. Mit der Menschheit endlich innig verbunden, wird er noch Thaten vollbringen, gegen welche die bisher vollbrachten nur als Vorbereitung erscheinen werden. Er lvird dann, mit den Worte» Cyranos, zehn Herzen und zwanzig Anne haben und nicht länger sich genügen lasten, Zwerge zu besiegen, sondern Riesen. Seine lange hinausgeschobene Würdigung und Anerkennung wird ihm dann ferner nicht versagt tverden. Die Windmühlenflügel, die ihn in den Schlamm gestreift hatten, werden ihn zu den Sternen emporgehoben haben und ihn dort festhalten. Seine geistige Schönheit wird in bedeutend verstärktem Glanze hervorleuchten. Die, welche ihn lange Zeit mißverstanden haben, werden ihn kennen, und Die, welche ihn lange falsch beurtheilten, werden das Urtheil fällen und sagen: Er hat alle Zeitalter durchlebt, er hat mit allen Völkern verkehrt, er hat gestritten für das Recht durch die Jahrhunderte. Er hat viel gelitten, er hat sich sehr gegrämt, er ist bitterlich gehaßt worden; es ist ihm grausames Unrecht geschehen! Doch wie groß auch immer die Schuld Anderer gewesen sein mag, kein Makel, kein Flecken haftet an dem Herzen, an dem Geiste und an der Seele des geschichtlichen Juden. Zur Geschichte des fynagsgalen Gesanges. Bon Dr. A. Ackermann in Brandenburg a. H. n. ie zweite Besprechung meiner Schrift ging von jenem unvergeßlichen Manne aus, desten Wort vor Jahr und Tag in diesem Blatte eine Diskussion über jüdische Melodien entfacht hat, in deren Verlauf die verschiedenartigsten, vernünftige und unvernünftige, Ansichten zu Tage getreten sind. Ich meine Profeffor Steinthal s. A. Steinthal war ein tiefer Denker, ja vielleicht einer der tiefsten, welche die moderne Wistenschaft aufzuweisen hat. Das hindert aber nicht, daß ihn bei seinen Aeußerungen über Ursprung. Geschichte und Charakter der jüdischen Melodien sein Gefühl mit fortriß. Die holden Stunden einer goldenen Kindheit erwachten in seinem alternden Herzen, es schaute sein Auge die mannigfachen, entzückenden und erhebenden Bilder wieder, die seine Jugend belebten, und cs tönten ihm im Ohre die trauten Klänge, die jauchzenden und klagenden Weisen, die vor langen, langen Jahren das Gemüth des Knaben erfreut und erschüttert haben. Als er im Alter auf diese Weisen zurückkam, sie zu sammeln und dem Vergeffen zu entreißen wünschte, erscheinen sie ihm so heilig, so ehrwürdig und unverletzlich, daß es ihm gar nicht denkbar war, sie könnten auf einem anderen Boden entstanden sein als auf dem jüdischen, könnten entlehnt, könnten nachgesungen sein! Von diesem Standpunkt aus hat Steinthal nuir nicht nur jenen Aufruf zur Sammlung und Sichtung der jüdischen Melodien ergehen lasten, sondern ist er auch in einem Aufsatz in der „Nation": „Zur Geschichte der nachbiblischen Litteratur der Juden", gegen meine Behauptung aufgetreten, daß von dem mittelalterlichen Synagogengesang „nichts mehr erwiesen sei als seine Unselbstständigkeit". Wenn Steinthal meine Ansicht von der Unselbständigkeit des mittelalterlichen Synagogengesanges für übertrieben hielt, so gestand er damit dennoch einen gewissen Grad von Unselbständigkeit zu. Er drückte das deutlicher aus in der Behauptung, daß man außerjüdische Melodien nur für solche Stücke in die Synagoge mitgebracht habe, für die cs eine fest überlieferte Melodie nicht gab. Steinthal traute hiermit den mittelalterlichen Vorbetern eine» Grad von Pietät zu, den sie nun und nimmer besesten haben. Ich will zugeben, daß ehrwürdige, alte Melodien, wie die zu Kolnidre, nicht angetastet wurden. Allein wie viele solcher Melodien haben wir denn, denen der Stempel des Alterthiimlichen unwiderleglich aufgcdrückt ist? Es sind blutwenig. Die meisten der sogenannten traditionellen Melodien tragen einen durchaus neuzeitliche», modernen Charakter in Struktur und Tonart, weisen daher keineswegs in das Alterthum zurück und können somit auch nicht als altüberliefert bezeichnet werden. Sie haben meist volksliederartigen Charakter und stammen aus dem Liederschatz der Länder, in denen Juden wohnten. Ich nenne von solchen Melodien die zu „Noaus Zur", den Hodu von Peffach, die Melodie zu Akdomus ani Schewuoß, Eli Zijon, zahlreiche in Süddeutschland gangbare Melodien zu Pijutim, Ledowid Boruch u. a. m. Das alles sind Melodien, die man in keiner Weise als fest überliefert bezeichnen kann. Daß sie es heute bis zu einem gewiffen Grade