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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
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391 nicht nur einer bloßen Aristokratie alten Blutes, sondern der höchsten und edelsten von allen: der e-ines fortdauernden, glorreichen Vollbringe ns. Denen, die nur Spott und Verachtung für seine unscheinbare Gestalt und seinen bescheidenen Schmuck hatten, konnte er jederzeit in der Sprache Cyranos erwiedern: . . . „All meine Reize sind innerlich. Nicht Gecken gleich such' ich mich aufzuputzen; Vollständiger ist mein Anzug, wenn auch weniger bunt. Ich zeige nicht den Prunk von glänzenden Edelsteinen, Wahrheit, Unabhängigkeit sind meine flatternden Federn. Nicht schnür' ich meine Form, schlank zu erscheinen. Durch Streben stütz' ich meine Seele, gleichwie mit Pfeilern, Bedeckt mit Heldenthaten, nicht mit Bänderschleifen." Für Diejenigen, die ihm wiederholt den Rath gaben, seine Unabhängigkeit aufzugeben, da sie ihn nur grausamen Angriffen bloßstelle, hatte er die nämliche Antwort wie für Diejenigen, welche von ihm wünschten, daß er seinen Glauben mit dem der Mächtigeren und Begünstigteren verschmelze, um dadurch Glück und Ruhm zu finden: „Was, ich sollte einen Gönner suchen und, gleich der gemeinen Schlingpflanze, einen Stamm umfangen und, indem ich von der Rinde das lecke, was ihn aufhält, zur Höhe gelangt» durch List, anstatt durch eigene Kraft? Nein, ich danke! Was, ich sollte den Heuchler, den Possenreißer spielen, in der knechtischen Hoffnung, endlich ein billigendes Lächeln auf den Lippen meines Gönners zu sehen? Nein, ich danke! Was, meine Vernunft sollte ich gefangen geben; Menschen die Verehrung erzeigen, die ich Gott schulde; mit meinen Lippen den Glauben bezeugen, den mein Denken verwirft; mit meinen Händen Thaten verrichten, gegen die mein Herz sich empört? Nein, ich danke! Tausendmal lieber will ich allein stehen, verachtet, gehaßt, verspottet, doch frei; frei zu sein, was ich bin und wie ich bin, und wie ich wünsche, zu sein; frei, der Wahrheit gerade in das Gesicht zu sehen; frei, für Gott und Menschheit zu wirken, ohne mich zu beunruhigen über Glück oder Ruhm. Laß die Welt mich hassen! Besser, unter dem Kreuzfeuer feindlicher Blicke zu wandeln und sich als ein ehrlicher Mensch zu fühlen, als geliebkost und geschmeichelt zu werden mit dem Bewußtsein und dem Gefühl einer feigen Memme, eines niedrigen Heuchlers. Haß mag uns packen mit eisernem Griff, doch krönt er auch mit Glorie." Man denke indeß nicht, daß er, der sich selbst für das Ertragen des Hasses stählt und so diesen furchtlos ihn über sich ergehen läßt, nicht den entzückenden Laut und die süße Freude der Liebe kenne. Nie hak ein Mensch so geliebt wie der Jude, nie so leidenschaftlich, so selbstaufopfernd, so treu. Gehaßt, verachtet, verspottet, verhöhnt, sein starkes Herz dürstete desto heißer nach Liebe, pochte für sie, wie die Brust pocht für den kühlenden Strom. Und der Abgott dieser seiner großen Anhänglichkeit war die Menschheit, und ihr hatte sich sein Herz im Geheimen mit unauflöslichen Banden angekettet. Aber der angebetete Abgott seiner heißen Neigung kannte weder, noch ahnte er die heilige, geheime Leidenschaft, die ihn verzehrte. Ein Anderer, der anmuthig gebildete Christian, hat dieser leidenschaftlich geliebten Menschheit zärtliche Blicke zugeworfen, und sein schönes Aeußere hat ihr Auge gewonnen. Für den Juden ist es eine bittere Enttäuschung und ein anhaltender, nagender Kummer, wenn er wahrnehmen muß, daß sie, die seine Seele und sein Herz einnimmt, ihm durch den Reiz der äußeren Form und des Aussehens des Christian weggezaubert worden ist; umsomehr, da er weiß, daß sie ihrem schön gestalteten Liebhaber eine innere Schönheit der Seele und des Geistes znschreibt, welche der arme Mensch nicht besitzt. Nur ein Trost ist ihm geblieben:^sein^Entschluß, ^seine^eigene Seele und^seinenMeist der schönen äußeren Form des Christian zu leihen, so daß in der Verschmelzung von Jude und Christ er einen kleinen Antheil an dem Werben und Gewinnen haben und er fühlen möge — ob es auch nur eine Krume oder zwei seien, die von der Tafel des reichen Mannes fallen —, daß in den entzückenden Küssen, die sie dem schönen Jüngling schenkt, sie zugleich die brennenden Worte küsse, die ihr sein liebeschlagendes Herz zuweht. Die Verschmelzung des jüdischen Geistes und der christlichen Form gewinnt das Herz der Menschheit. Doch des Juden Herz und Seele und Geist sind es, die gewinnen, obgleich der schöne Christian den Preis davonträgt. Jene wenigen Augenblicke, in denen Christian das Herz der Menschheit allein durch sich selbst, ohne die Hilfe der jüdischen Seele zu gewinnen versucht, zeigen entschieden genug die Rolle, welche der Jude in der Geschichte der Menschheit für das Christenthum gespielt hat. Ist jemals die Geschichte des Juden und dessen Antheil am Werben und Gewinnen der Menschheit lebendiger und treuer gezeichnet worden als in diesem leidenschaftlichenHerzenserguffe Cyranos für Roxane, durch Christians Person als Vermittler? Die Menschheit ist durch des Christians schöne, arisch-heidnische Form bezaubert worden, aber gewonnen wurde sie durch des Juden Seele und seinen Geist. Alles, was die Menschheit je als erhaben, glorreich und göttlich geliebt hat, war jüdisch! Westliche Civilisation nennt sich christlich, und doch ist sie jüdisch bis ins Mark. Der Gott, den sie verehrt, der Christus, dem sie nachzuahmen versucht, dir Bibel, die sie als ihren heiligsten Schatz hegt, die Psalmen, die sie singt, die Propheten, die sie liest, die Lobpreisungen, die sie ausspricht, der Sabbath, den sie beachtet, die zehn Gebote, die sie befolgt, die Moralgesetze, die sie zur Grundlage des sozialen und politischen Lebens macht, sie alle sind die Ergüsse des Herzens, der Seele und des Geistes von Juda. Doch kehren wir zu dem Schauspiel zurück. Der Schluß ist begannt. Er ist traurig, säst ohne Gleichen traurig, und ebenso heroisch wie traurig. Christian wird erschlagen, und Roxane betrauert vierzehn Jahre lang das Herz, das sie todt wähnte, indeß es so leidenschaftlich wie je, einmal in der Woche, jeden Samstag, an ihrer Seite schlägt, und stets noch so heilig wie heimlich. War je das Geschick grausamer gegen Liebende als gegen diese Beiden? Roxane einen Geliebten als todt betrauernd, der lebend an ihrer Seite sitzt; Cyrano, mit dem Bewußtsein, daß er es war, der in Christian geliebt wurde, doch fürchtend, das Wort auszusprcchen, das Beide unendlich glücklich machen könnte. Doch Seele findet zuletzt Seele, u»d Herz antwortet schließlich dem Herzen. Roxane erkennt ihren alten und feurigen Geliebten, aber ach! da cs zu spät ist. Zu spät fallen jene so lang ersehnten Worte: „Ich liebe Dich" von ihren Lippen. Das Schicksal ist grausam gegen ihn bis zum Ende. Er, der tapfere Soldat der Gascogne, muß eines elenden Todes sterben. Bis zuletzt sollte er nichts von dem haben, was er stets verlangte. Er half einem Anderen, das Weib, das er liebte, zu ehelichen. Die Lorbeeren, die seine Thaten gewonnen, krönten das Haupt eines Anderen. Nur Andere sollte er zu Siegen führen — um selbst zurück und vergessen zu bleiben. Sein Loos war es, „immer im Schatten zu sein, an dem Fuße der Leiter, während Andere behende zu Liebe und Ruhm aufstiegen." Trotz alledem stirbt er muthig, wie er gelebt; das Schwert in der Hand, kämpfend bis zum Ende, ganz allein dem Anprall Tausender gegenüberstehend, den Angriffen der Falschheit, des Vorurtheils, der Heuchelei und Verrätherei. Obwohl er weiß, daß sein Kampf nutzlos ist, daß der, den er nie fürchtete, ihn schließlich stürzen wird, übergiebt er sein Schwert nicht. Sein letzter Trost ist, obgleich

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