Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 Geschick Cyranos das Leben, die Aufopferung und die Leiden des Juden zu sehen, erschien mir das Drama in einer Schönheit, welche sogar die von Lessings „Nathan der Weise" übertraf. Und wenn mein Enihusiasmus mich nicht täuscht, glaube ich fest, daß dies Drama als die Geschichte des Juden hunderttausend Anderen eine Offenbarung sein wird, wie es sich mir offenbart hat, und daß cs in Zukunft als einer der mächtigsten Verfechter und Rechtfertiger des Juden dastehen wird. Edmond Rostands „Cyrano de B e r g e r a c", hervorgebracht in dem Jahre desgroßenVerbrechens an Dreyfus, wird sich als das gleichzeitige Sühnopfer Frankreichs für seine verabschenungswürdige Beschimpfung der Juden erweisen, wenn es sich dieses Opfers auch noch nicht bewußt ist. Wenden wir uns dem Schauspiel selbst zu, und laffet uns sehen, ob es eine so hoffnungsvolle Prophezeiung rechtfertigt. Beim Aufgehen des Vorhanges sehen wir eine bunte Menge, begierig, Auge und Ohr an dem Schreien und Toben und Stolziren eines jämmerlichen Komödianten zu weiden. Wir hören, daß Furcht gehegt wird, ein gewisser Cyrano, ein kühner Soldat, werde die Fortsetzung des Spiels nicht erlauben. Mau drückt Entrüstung über diese Unverschämtheit aus; seltsame Berichte über sein unscheinbares Aeußere werden verbreitet, über die man sich sehr belustigt. Doch wird unsere Neugier nicht lange in Ungewißheit gehalten, denn bald hören wir seine Stimme das Toben des Komödianten, das entrüstete Murren und Geschrei der Zuschauer übertönen. Wir sehen seinen Mock drohend in der Luft schwingen, indem er dem Poffenmeister von der Bühne herunterzukommen befiehlt; wir hören, wie er der gereizten Menge Trotz bietet. Zuletzt sehen wir ihn (ff gMMGrößö — wHrlich ein seltener, eigenthümlicher, abstoßender Anblick, und doch Achtung gebietend. Wir gewahren bald, daß es keine gewöhnliche Persönlichkeit ist, die solche Furcht einflößt, und der man so unbedingt gehorcht, die es wagt, alleinstehend eine dichte Menge Volkes, unter ihnen die Großen und Mächtigen, herauszufordern und in einen tödtlichen Kampf mit dem Vornehmsten von ihnen sich einzulaffen und ihn und später, wiederum ganz allein, hundert Andere abzufertigen. Sobald man diese ungewöhnliche Persönlichkeit vom historischen Gesichtspunkt aus einer genauen Betrachtung unterzieht, wenden sich unsere Gedanken unwillkürlich dem Juden zu. Auf diese Weise trat der Jude zuerst in die Erscheinung, als der Vorhang der Geschichte sich erhob und eine Welt zeigte, die von falschen religiösen Vorstellungen hingerissen wurde und niederkniete vor Verfälschungen des Rechtes und der Wahrheit. So sprach Moses zu dem ägyptMen- Tyrannen rind vor seinem ganzen mächtigen Hofe. So sprach Elijah zu den Priestern des Baals und vor den unermeßlichen Schaaren seiner Anbeter. So sprach Daniel zu dem grausamen Belschazzar und vor seinem mächtigen Haufen von Anhängern. Vom ersten Anfang überlöntc die Stimme des Juden das Schreien und Toben der götzendienerischen Priester, das Wüthen und Schäumen der die Freiheit unterdrückenden Tyrannen. Wir hören ihn, wie er einer ganzen gegen ihn aufgebrachten Welt Trotz bietet. Wir sehen ihn das mächtigste der Religionsbekenntniffe zum tödtlichen Kampfe herausfordern, während er unsterbliche Werke in der Mitte der heißesten Gefechte verfaßt. Wir sehen ihn Gunstbezeigungen und Ehren verschmähen, die ihm für das Vorrecht angeboten werden, in seinen Schriften höchstens eine oder zwei Linien ändern oder nur ein Komma wegnehmen zu dürfen. Wir sehen ihn beschäftigt mit seinen Studien und Forschungen selbst während der Belagerung, völlig gleichgiltig gegen nagenden Hunger und bevorstehenden Tod. Wir sehen ihn, wie er eine ganze Welt in Waffen herausfordert und ihr allein gegenüber steht, wie er den Kampf durch Jahrhunderte > ortsetzt und hervorgeht aus dem tödtlichen Streit, mit einst mächtigen Religionen und Reichen todt zu seinen Füßen, indeß kaum eine Schramme an ihm zu bemerken ist. Jeder erschlagene Feind, jedes in die Flucht getriebene Heer hat ihn 'lebenskräftiger und rüstiger gemacht. Freilich, dem äußeren Blick erschien er unansehnlich. Er gehörte der semitischen Rasse an, deren Schönheit seelisch und geistig ist, ganz innerlich und nur dem geübten Auge bemerkbar. Er besitzt nicht das schöne Gesicht oder die symmetrische Form des arischen Griechen. Sein Gesicht hat den orientalischen Guß; es ist kraftvoll und ernst, tiefe Gedanken und ernste Ziele nebst eisernem Willen andeuteud. Es ist nicht die Schönheit, deren Typus Frauen bezaubert oder die wollüstigen Götter und Göttinnen des heidnischen Pantheons entzückt. Keine Schöne verschwendet ihre Liebkosungen an ihn, für ihn tönt nicht die Leier Apollos. Seine Schönheit ist von der derben, männlichen Art, welche Sinais Donner und Blitz, die sengenden Winde der Wüste, die Gluthhitze der Verfolgung, die kalten Luftströme der Verbannung und Ausstoßung ertragen konnte. Jene Schönheit war ihm zu eigen, welche das Bild des allmächtigen Jehova widerspiegelt, nicht in sinnlichem Ausdruck, aber in Gedanken und Thaten des Geistes. Sein ist jene höhere Schönheit, von der er in den Worten und dem Geiste der Sulamith des „Hohenliedes" wohl sagen darf: „Schwarz bin ich, doch anmuthig. Schaut mich nicht so an, weil ich geschwärzt bin, denn gebräunt hat mich die Sonne, während ich ihre sehr vernachlässigten Weinberge bearbeitete." (1. 5—6.) Für die Pflege bloßer körperlicher Schönheit blieb ihm keine Zeit. Er legte auf sie keinen Werth. „Anmuth ist trügerisch," sagte er, „und Schönheit ist vergänglich, nur sie, die Gott kennen und ihn lieben und sein Werk thun, sollen schön erachtet werden!" Stein, er konnte seine Zeit nicht vor dem Spiegel oder dem Putztisch vergeuden. Er hatte ernstere Arbeit zu vollbringen. Er mußte der Menschheit Gott lehren. Er mußte eine Bibel schreiben, die Zehn Gebote verkünden, einen Sabbath einsetzen, gerechte Obrigkeit begründen, Religionsfreiheit verbreiten. Er hatte Unwissenheit, Tyrannei, Jrrthum und Aberglauben zu bekämpfen und auszurotten, und alles dies durch zwanzig Jahrhunderte. Und er, der für eine so lange Zeit auf diese Weise beschäftigt ist, besitzt die wahre Schönheit, die Schönheit, die das geistige Auge allein erkennen und schätzen kann. Es ist das Auge, aus dem das Licht der Seele aufblitzt; es ist die Zunge, welche die Harmonie des Herzens zum wohltönenden Ausdruck bringt. Das Gesicht kann nie unscheinbar sein, wenn so das Auge scheint, und so die Zunge spricht. Er, in dessen Herzen Wahrheit die goldene Zunge der Glocke ist, die stets süße Melodien forttönt, da sie immer in Sympathie mit der Menschennatur schwingt, er ist von den Schöllen der Allerschönste. Doch, ob die Welt die geistige Schönheit des Juden erkennt oder nicht, es ist außer Frage, daß sie genügende Kenntniß, und zwar von Anfang an, von dem Stolze, der Unabhängigkeit und dein Muthe des Juden hatte. Wahrscheinlich lebte nie ein stolzeres Wesen als der Jude. Er glaubte der Auserwählte Gottes zu sein. Den Stoff, aus dem sein Volksgewebe bestand, betrachtete er als ein vorzüglicheres Fabrikat. Er verglich sein Leben und Denken und seine Errungenschaften mit denen der heidnischen Völker um ihn her, und was er sah, befestigte ihn in seinem Glauben. Kein anderes Volk und kein anderer Glaube konnte ihm das bieten, was er in dem seinigen fand. Obwohl verachtet und verspottet, gehaßt und verleumdet, wollte er sein Loos nicht für das des am meisten Beneideten unter ihnen vertauschen. Andere mögen immerhin auf ihre Abstammung stolziren, auf ihren Rang, ihre Ehrenzeichen, ihre Bänder. I Keiner konnte sich einer Aristokratie rühmen^gleich der, seinigen, und