Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1899)
- Date
- 1899-08-18
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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W'*_r* -vf« 389 Einführung. Für die 2. Auflage des Tachau'schen Werkes ist die Beseitigung eines Theiles der Illustrationen wünschenswerth; auch ist die Uebersetzung an einzelnen Stellen einer Revision zu unterziehen. — Der Vorsitzende theilt noch mit, daß die Zwißler'sche Buchhandlung den Preis des Biblischen Lesebuches für die Lehrer, welche dem Verbände angehören, bedeutend herabgesetzt habe; er empfiehlt ferner das im Verlage von Lehrberger u. Co.-Rödelheim erschienene Pentateuch mit Uebersetzung derselben und der Haphtharath von Wohlgemuth und Bleichrode — die Uebersetzung sei eine gute, die Ausstattung des Buches vortrefflich —, sowie die in demselben Verlage erschienene Fibel von Hauptlehrer Bruchsaler-Sulzburg. Blach - Halberstadt empfiehlt Kroners jüdische Geschichte als ein gutes, recht brauchbares Buch, Dr. Spanier-Magdeburg weist empfehlend auf die „Biblischen Frauengestalten" von Jacobsohn- Leipzig hin. Bon der Verlagshandlung Jacobsohn u. Co.-Breslau liegen ferner zur Ansicht aus: Dr. Knoller, Leitfaden für den Unterricht in der hebräischen Grammatik, und Dr. Brann, Geschichte der Juden. Die Bücher wurden mit Interesse besichtigt und von vielen Kollegen empfohlen. Kollege Flanter-Berlin berichtet über den von ihm herausgegebenen „Jugendfreund". Derselbe solle den Unterricht ergänzen und die Leselust der jüdischen Jugend und deren Eltern erwecken. Der von demselben Kollegen in Gemeinschaft mit Dr. Spanier-Magdeburg herausgegebene „Wegweiser" solle endlich einmal die Anregung geben, daß auf dem Gebiete der Methodik des jüdischen Religionsunterrichts etwas Ersprießliches zu Tage gefördert würde. Der Vorsitzende erstattet sodann den Geschäftsbericht sowie den Bericht über den Verbandstag der jüdischen Lehrervereine; von der Erstattung des Kassenberichts wird mit Rücksicht auf den leider durch Erkrankung am Erscheinen behinderten Kassirer Meyer-Eisenach Abstand genommen. Die Pensionskasse des Verbandes giebt zu einer längeren Auseinandersetzung Veranlassung; die Versammlung spricht den Wunsch aus, daß allen Mitgliedern ein Statut dieser Kasse zugestellt werden möge. Des Weiteren verbreitet sich der Vorsitzende ausführlich über die Vorbereitung der zu begründenden Verbandsschrift; derselbe hofft bestimmt, daß bei einigermaßen genügender Unterstützung seitens der Kollegen mit der Herausgabe der Zeitschrift schon im nächsten Jahre werde begonnen werden können. Die Zeitschrift müsse ein in vornehmem Stil gehaltenes Organ werden, das sich hauptsächlich mit Fragen der Erziehung und des Unterrichts beschäftigen und das Interesse aller jüdischen Eltern erregen müsse. Die Versammlung stimmt diesen Ausführungen zu; die zu Gunsten der Verbandsschrift ausgelegte Subskriptionsliste wird von fast allen Besuchern der Konferenz unterzeichnet. Dr. Rahmer- Magdeburg stellt den Antrag, der Verein möge sich für die Herausgabe eines Kindergebetbuches aussprechen, eventuell solche beim Verbände beantragen; die Versammlung jedoch, von der Grundlage geleitet, alle Fragen zu vermeiden, die zu religiösen Differenzen führen könnten, lehnt auf Anregung des Vorsitzenden es einstimmig ab, in die Berathung über diesen Antrag einzutreten. Auch ein zweiter Antrag Dr. Rahmers, interne Vereinsangelegenheiten betreffend, wird nach kurzer Berathung abgelehnt. Damit war die reichhaltige Tagesordnung des ersten Konferenztages erledigt. Am Abend versammelten sich die Kollegen zu einem gemüthlichen Beisammensein; auch der Vorstand der Gemeinde war durch Herrn Redelmeier vertreten. Heitere Gespräche und zahlreiche Toaste hielten die Kollegen bis über die Mitternachtsstunde hinaus zusammen und zeigten, daß ein guter Geist, ein kollegialer Sinn die jüdischen Lehrer beseelt. (Schluß folgt.) Cyrano de Kergerac. Von Rev. Dr. Josef Krauskopf in Philadelphia. chwarz bin ich, doch cinmuthig, Töchter Jeruschalajims, — Schaut mich nicht so an, weil ich geschwärzt bin, denn gebräunt hat mich die Sonne. Meiner Mutter Söhne grollten mir; sie bestellten mich zur Hüterin der Weinberge" (Hoheslied 1. 5-6). Unzweifelhaft ist es Dir schon begegnet, daß der Anblick eines Gesichtes oder der Klang einer Stimme plötzlich das Gefühl in Dir erweckte, dasselbe Gesicht früher schon gesehen oder dieselbe Stimme vormals schon gehört zu haben. Diese Erfahrung machte ich kürzlich an einem Abend, als ich der Vorstellung von Rostands „Cyrano deBergerac" beiwohnte. Während der fortschreitenden Entwickelung des Spieles und der Erscheinung der edlen Person des Helden wurde trotz der gespanntesten Aufmerksamkeit mein Geist von Erinnerungen gejagt, jenen Charakter schon früher beobachtet und jene Szenen schon vormals gesehen zu haben, obwohl ich mich vergebens bemühte, das Wann? und Wo? mir ins Gedächtniß zu rufen. Eine Vertrautheit bestand meinerseits mit dem, was ich sah und hörte, die mich in Erstaunen setzte, ebenso wie die Unfähigkeit, sie mir klar zu machen, mich quälte. Als ich jedoch spät in der Nacht, in meine Studirstube zurückgekehrt, über den gewaltigen Eindruck, den die Vorstellung auf mich gemacht hatte, nachsann, blitzte auf einmal eine äußerst lebhafte Erinnerung, wo ich Cyrano früher gesehen habe, in meinem Geiste auf. Ans meinen Wanderungen über die Heerstraßen und Seitenwege der Geschichte war ich häufig mit ihm zusammengetroffen: Cyrano de Bergeracs Person war kein Anderer als — der Jude! Nicht für einen Augenblick bin ich in dem Wahn befangen, das; Rostand den Juden im Sinne hatte, als er das Spiel ins Leben rief, welches ihm einen Platz neben den unsterblichen Dichtern des Dramas sichert. Ebenso wenig glaube ich, daß Coquelin, der König der französischen Darsteller des Dramas, dem dieses Werk seine Einführung in die Welt verdankt — wo es wahrscheinlich so lange willkommen sein wird, wie eine Bühne besteht —, im Entferntesten daran dachte, daß er die Geschichte des Edelsinnes und der Leiden der Juden darstelle. Am wenigsten denke ich, daß oas französische Volk auch nur im Geringsten sich bewußt war, daß, in seinem Entzücken über Cyrano, es die Verherrlichung jenes Juden fördere, deffen Herabwürdigung es in derselben Zeit durch seinen Wahnsinn in der Verfolgung Dreyfus' zu bewirken suchte. Doch das Drama Cyrano de Bergerac ist das Werk des Genius, und Werke des Genius, gleich der tiefen See, enthalten unverdorbene und köstliche Dinge, die auf der Oberfläche nicht sichtbar noch erreichbar sind; sie müssen aus der großen Tiefe durch Taucher heraufgebracht werden. Wie der tiefe See, so sind die Schätze, verborgen in dem Schooße des Genius, unerschöpflich. Sammle und sammle und bringe die fremdartigsten und seltensten Dinge ans Licht, und stets findest Du neue Felder zu entdecken. Welche unberechenbare Schätze haben nicht Diejenigen zur Oberfläche gebracht, die in die Tiefender Dramen Hiob, Prometheus. Hamlet, Faust niedergetaucht sind, und welche unentdeckte Edelsteine locken nicht noch immer Taucher in die Tiefen der nämlichen Werke! Welche Gedankenwelten sind nicht in diesen Schöpfungen entdeckt worden, von denen die Verfasser selbst nie die leiseste Ahnung hatten! Die Erklärung hierfür ist leicht. Der Genius beherrscht den Autor; der Autor ist nie Meister des Genius! Er ist unter dem Einflüsse dessen, was die Alten Inspiration, göttliche Eingebung nannten. Eine höhere Kraft bedient sich des menschlichen Gehirns für höheres Schaffen. Das Resultat ist oft unerklärlich; ein so großes Wunder für den Genius selbst, als es für die übrige Welt ist. Ein Werk des Genius erfordert häufig eine Welt von Erklärern, um seinem Schöpfer seine eigene Schöpfung klar zu legen. Nicht zwei von allen diesen Erklärungen mögen sich decken, und doch mag jede derselben richtig sein. Solchermaßen ist die Unerschöpflichkeit des Genius. Die Auffassung des Genius ermöglichte es mir, eine Bedeutung in Cyrano zu sehen, die der Verfasser weder je seinem Werke zu geben dachte, noch das französische Volk im Geringsten ahnte. Nachdem der Gedanke mir einmal gekommen war, in dem Leben und dem