Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228345--55709-3291938
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

387 alten Glaubens zu erleiden, aber national im enthusiastischen Sinne soll das Judenthum nicht werden, denn es ist, durch seine Geschichte und durch seinen ethischen Genius dazu berufen, ein Bindeglied der verschiedenen nationalen Kulturen und selber eine große internationale Kulturmacht zu fein. Ein Judenthum, welches sich der widerwärtigen nationalen Ueberhebung des deutschen Wesens über andere Nationen und Rassen anschließt, würde nach meiner Ansicht nur die Elemente stärken, von denen es selber in der schmählichsten Weise verkannt und bedroht wird." In diesem interessanten Schreiben liegt ohne Zweifel eine entschiedene Zurückweisung der deutsch-nationalen Dithyramben des jugendlichen Autors jener Broschüre. Darüber hinaus aber enthält es Anschauungen, die wohl beachtet zu werden verdienen, auch selbst wenn man mit den Prämissen des Briesschreibers nicht einverstanden ist. Denn es erscheint für den einfachen Menschenverstand doch gewiß unbegreiflich, wie die Juden, „ohne auch nur die leiseste Einbuße an ihrer Treue gegen das Wesen des alten Glaubens zu erleiden", die wichtigsten Gebote und Symbole eben dieses Glaubens aufgeben sollen. Wer löst dieses Räthsel? * Auch in London macht man jetzt eifrige Propaganda für den S o n n t a g s g o t t e sd i e n st. Da ist es denn von nicht geringem Interesse, zu erfahren, wie wohlwollende unb objektive Nichtjuden diese Bestrebungen auffassen. Wir verdanken der Güte eines unserer Freunde das nachfolgende Schreiben des christlichen Korrespondenten eines der hervorragendsten deutschen Blätter über diese Frage, dessen Inhalt den betheiligten Faktoren wohl zu denken geben sollte: „In einem Augenblick, wo der Zionismus seine jüdisch-reaktionären Blüthen treibt, ist es vielleicht angezeigt, auf eine englisch-jüdischliberale Bewegung hinzuweisen, die hier in Kreisen hochgestellter und gebildeter Juden lebhaft unterstützt wird. Die Bewegung ist von einem Mr. Oswald Simon, dem Sohne des verstorbenen Parlamentsmitgliedes für Dewsbury, Sir John Simon, ins Leben gerufen und hat überraschend schnell einen großen Kreis von Anhängern gesunden. An der Spitze der Bewegung steht mit Simon der Romanschriftsteller Israel Zangwill, Gollancz, der Herausgeber der „Temple Classics“, Herr Claude Montefiore und andere intelligente und wohlhabende Juden. Der Plan ist, einen öffentlichen Gottesdienst zu schaffen, der allen freisinnigen Juden, die sich von der orthodoxen Richtung getrennt haben oder die Rabbinatstraditionen und Gesetze verwerfen, genehm ist. Biele dieser Juden gehören schon der jüdischen Reformgemeinde an, aber man empfindet, daß das Ritual und das Ceremoniell dieser nicht weit genug gefaßt sind, um die sehr verschiedenen Ansichten über religiöse Dinge, wie sie unter den gebildeteren Mitgliedern der Gemeinde bestehen, zu begreifen. Der neuen Bewegung sollen sich sogar Nichtjuden anfchließen können. Bedingung ist, daß sie Monotheisten sind. Hinsichtlich des Gottesdienstes soll von gleichlautenden Gebeten abgesehen und die besonderen Formen jüdischen Ceremonials abgeschafft werden. Der Gottesdienst wird hauptsächlich in englischer Sprache abgehalten, Frauen und Männer werden wie in Kirchen anderer Konfessionen zusammensitzen, und die Herren werden den Hut nicht, wie in der Synagoge, aufbehalten. Hauptsache aber ist, daß der Gottesdienst wie jeder andere am Sonntag stattfindet. Herr Simon hat seine Dienste als Geistlicher gratis angeboten und wird von vielen seiner nicht orthodoxen Kollegen in seinen Bemühungen unterstützt werden. Die Bewegung bildet beiden orthodoxen Juden der Hauptstadt einen Gegenstand nicht geringer Sorge. Es wird zwar nirgends ausgesprochen, aber wir glauben, daß die Bewegung, indem sie erklärt, auch Nichtjuden, die Monotheisten, ihre Arme zu öffnen, eine Annäherung an die christlichen Unitarier sucht, zu denen bisher eine große Anzahl von Juden, die sich in den beengenden orthodoxen Anschauungen ihrer Glaubensgenossen nicht wohl fühlten, in England übertraten. Die Unitarier sind bekanntlich diejenige protestantische Religionsgenossenschaft, welche die Trinität verwirft, und die das Christenthum mehr von seiner ethischen als dogmatischen Seite auffaßt. Erst im Jahre 1813 wurde in England das Gesetz abgeschafft, welches die Unitarier mit dem Tode bestrafte. Die Bewegung dürfte in jüdischen Kreisen auf den gleichen Erfolg zu rechnen haben, wie ihn die Unitarierbewegung unter protestantischen Kreisen aufzuweisen gehabt hat, für die das Dogma ein lästiger Gewissenszwang wurde. Das Prinzip in beiden Bewegungen ist dasselbe." * Wiederholt lesen wir in amerikanischen wie in deutschen Blättern Mittheilungen oder auch längere Ergüsse über das Auftauchen.des Antisemitismus in Amerika. Da dürfte wohl der folgende Auszug aus dem Schreiberl eines der angesehensten Männer Amerikas von aufklärendem Interesse sein: : „Ich lese in verschiedenen Zeitungen Langes und Breites über den Antisemitismus in Amerika, woran aber kein wahres Wort ist. Es giebt bei uns. wie überall, Gesindel aller Art; da wird es auch schlechte oder dumme Kerle genug geben, die in Antisemitismus machen — aus Sport oder aus Hunger. Daß dieser aber auf die demokratische Nation irgend einen Einfluß üben oder irgendwo Beachtung finden, irgend Jemand schaden oder beeinträchtigen könne, ist vollständig ausgeschlossen. In mehreren großen Städten giebt es ein zahlreiches Gesindel, das auch polnische Juden wie andere fremdartige Erscheinungen neckt und quält, und das man sehr schwer los.werden kann, aber auch diese sind keine Antisemiten, sondern Leute, mit denen anständige Menschen —mit Ausnahme der Polizei — selten oder gar nicht in Berührung kommen." Das oben erwähnte Schreiben enthält im weiteren Verlaufe auch sehr werthvolle Aufklärungen über die innern religiösen Zristände der Juden in Amerika, auf die wir gelegentlich zurückkommen werden. Für heute begnügen wir uns damit, eine bemerkenswerte Aeußerung des in diesen Fragen besonders kompetenten Briesschreibers über den Zionismus im freien Amerika im Wortlaut auszuziehen. „Mit Ausnahme der eingewanderten Russen, Polen, Rumänin, Galizier und dergl. giebt es im ganzen Lande überhaupt keine Zionisten, nur das genannte Element macht den Lärm. Zwei junge, selbstgemachte Rabbiner und zwei Titularprofessoren haben sich. Niemand weiß, warum, diesen angeschlossen und lassen sich den Spott des ganzen amerikanischen Judenthums gefallen. Der politische Zionismus ist ein hoffnungsloser Unsinn und wird hier so als geistesverwirrende Demagogie betrachtet, daß kein vernünftiger Bürger sich damit befassen will." Protokoll der Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands zu Halberstadt am 21. und 22. Mai 1899. I. Sitzungstag. Präsenz-Liste: Blach-Halberstadt, Block-Erfurt, Böhm-Bernburg,Ellgutter-Plauen, Emanuel-Themar, Frank-Halle, Fuchs- Braunschweig, Dr. van Geldern-Halberstadt, Heß-Weißenfels, Hofmann- Meiningen, Holländer-Berkach, Jacobsohn-Leipzig, Kahn-Gleicherwiesen, Longe-Wolfenbüttel, Moch-Mühlhausen, Mühlfelder-Hildburghausen, Nußbaum-Oschersleben, Dr. Rahmer-Magdeburg, Röthler-Gotha, Sämuel-Bleicherode, Sommerfeld-Chemnitz, Dr. Spanier-Magdeburg, Spier-Ballenstedt, Steinhardt-Magdeburg, Stern-Halberstadt, Direktor Prof. Tachau-Wolsenbüttel, Werthan-Bibra, Wertheim-Gera, Wolff- Aschersleben. Der Vorsitzende, Steinhardt-Magdeburg, eröffnet die Sitzung und beruft zu Schriftführern die Kollegen Sommerfeld-Chemnitz und Stern- Halberstadt; er begrüßt sodann die zahlreich erschienenen Kollegen, insbesondere die Ehrengäste Herrn Rabbiner Dr. Auerbach-Halberstadt, Herrn S. Redelmeier, Mitglied des Vorstandes, Herrn Eppstein- Borsitzender des Repräsentanten-Kollegiums der Gemeinde, sowie den Kollegen Flanter-Berlin und schließt mit einem Hoch auf den Kaiser. Herr Dr. Auerbach dankt dem Vorsitzenden für die freundlichen Begrüßungsworte und wünscht, daß die Verhandlungen von gutem Erfolge begleitet sein und zum Segen der jüdischen Schule beitragen mögen. Nachdem noch Herr Redelmeier die Versammlung im Namen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.