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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 Gottes Jakobs, das; er uns lehre seine Wege, und daß wir wandeln ans seinen Pfaden, von Zion geht ja Lehre ans und das Wort des Herrn aus Jerusalem." Religiös sieht er die Menschheit geworden und sittlich gestärkt, und der Gedanke ist so groß, daß er über ihn hinaus nichts zu fasten vermag. Ein andermal sieht er Gott selbst, thronend auf hohen,, erhabenem Sitze, doch nur von dem Rufe will er erzählen, den er dort vernommen (Jesaia G); „Heilig, heilig, heilig ist der Ewige Zebaoth! Sein Gott ist erhaben, und schön ist seine Stätte, denn die Seraphim rufen: Heilig!" Als heilig hat sich ihm Gott offenbart, und so kündet er Reinheit und Heiligkeit seinem Volte als Ideal; doch nicht seinem Volke allein, er kündet das Ideal der Menschheit. Weit höher steht der Prophet, daß er dieses geschaut, als hätte er den Tempel ausgemalt so zaubervoll schön, wie ihn die Seele des Künstlers nicht zu erdenken vermag, und hätte er alle Farben und allen Glanz in die Worte gegasten bei der Schilderung des göttlichen Gesichtes. Seine Seele war rein, und sein Herz erzitterte unter dem Leide, das die Menschheit trägt; und so dürstet alles nach Recht und Erkenntniß in der Welt, die er schaut, die Gegensätze schwinden, und „sie machen stumpf ihre Schwerter zu Sicheln und zu Rebenmestern ihre Lanzen". Draußen herrschte Macht, und der Erfolg war das Recht, ha kündet der jüdische Prophet den ewigen Frieden. Die Kunst Griechenlands war schwach geworden, und nicht von Dauer war der Glanz. Israels Religion hat gesiegt; und seine Gedanken sind Gemeingut der Völker geworden. Der Ursprung ist vergesten, des Gebers gedenkt man nur festest, doch gerade darin zeigt sich die Größe und siegreiche Kraft der Gedanken; erweist sich ja der Lehrer gerade dadurch als Meister, daß des Schülers eigenes Denken durch das seine bestimmt wird, ohne daß er ven Einfluß merkt, den Jener noch immer auf ihn übt. J Die Bedeutung, die das Judenthuin für die gesittete Welt exrungen hat, konnte es nur erringen, indem es für seine Gedanken eintrat, für seine Gedanken allein. Und die Geschichte hat gebilligt, was Israel gelehrt. Erwirkt auch die Kunst Bedeutendes, und weckt sie Begeisterung, lebengestaltend wirkt allein die sittliche Idee. Die Kunst verschönt das Leben und veredelt den Sinn; eine Weltanschauung, der man folgen kann, entspringt nur ans dem Bereiche sittlicher Gedanken. Gefallen mag auch die schöne Form, ergriffen sind wir nur durch die innere Wahrheit; durch den Gedanken, dem sie dient, gewinnt erst die edle Form Werth. Ist die Norm gegeben zur That, dann gewinnt leitende Bedeutung der ästhetische Sinn; den Willen erregen darf allein der sittliche Gehalt; die Stunde der Betrachtung sei dem Schönen geweiht, doch was das Handeln bestimmt, sei sittlicher Natur. - Anschauungen mögen wechseln und das Denken sich ändern, ein bleibendes Ideal ist die Heiligkeit. Die Heiligkeit hat zuerst Israels Religion gekündet. Was die Mensche» gedacht und geformt, was sie ersonnen und geschaffen, nichts geht verloren im Reiche des Geistes wie im Reiche der Natur. Gedanke reiht sich an Gedanken und Werk an Werk. So bilden sich die Glieder und verwachsen zur Einheit, zum Geist der Kultur. Immer größer wird der Kreis, immer fester die Verbindung; und so entsteht der Bau, der die Menschheit umfaßt : Kultur unld Gesittung. Sie schützen uns vor der rohen Kraft, die von außen kommt, und vor dem wilden Drang in der eigenen Brust. Doch was ihr Keim ist und was sie krönt zugleich, ist das religiöse Gefühl und das sittliche Bewußtsein. <> Wenn der Schofar klingt, wir wollen ihm lauschen. Nie Woche. Berlin, 15. August. ie Augen der ganzen gebildeten Welt sind jetzt nach Rennes gerichtet, und der Prozeß Dreyfus absorbirt alles Interesse in hohem Grade. Für uns bleiben natürlich die charakteristischen Momente dieser Affäre diejenigen, aus denen klar und unzweideutig hervorgeht, daß Dreyfus thatsächlich ein Opfer des Judenhaffes war. Nur Blinde und Narren können das auch heute noch nicht begreifen. Der Moment, in dem Dreyfus auf die Frage des Präsidenten: „Glauben Sie, daß man Sie im Generalstabe verfolgte, weil Sie Jude sind?" geantwortet hat: „Ja, mein Colonel", ist für lins von großer geschichtlicher Tragweite. Er eröffnet uns Perspektiven, von denen die landläufige Politik auch keine Ahnung hat, und führt uns bis zu jenen Männern hinauf, die die treue Anhänglichkeit an ihren Glauben mit dein Leben zu bezahlen hatten, eine historische Kontinuität, die ebenso merkwürdig wie trostvoll ist und uns für viele trübe Erscheinungen der Gegenwart zu entschädigen vermag. Es bleibe einer späteren Zeit Vorbehalten, die vielen Momente aus diesem Prozeß hervorzuheben, die für uns von Bedeutung sind. Vorläufig ist dieser der wichtigste und, wie gesagt, auch der charakteristischste. Nur mit wenigen Worten sei deshalb für heute das Treiben unserer sogenannten Konservativen und Antisemiten gestreift, die bisher ungescheut sich als Anti-Dreyfustaner aufgespielt haben, obwohl ihnen die deutschfeindliche Färbung der ganzen Sache keineswegs unbekannt war, die aber nun, wo durch den Prozeß zu Rennes die wahre Tendenz der ganzen Machinationen, die gegen Deutschland sich richteten, in erschreckender Weise zu Tage tritt, sich drehen und winden, ohne zu einem klaren und offenen Eingeständniß ihres Unrechtes zu gelangen. Ja, wenn es sich nicht um einen Juden handelte! * Zur selben Zeit, wo der Zionistenkongreß in Basel zur Förderung der politischen Ziele des Zionismus auffordert, ist bei Paul Schimmelwitz in Leipzig eine von deutsch-nationaler Gesinnung d iktirte Schrift erschienen, in der Jemand die Gebildeten unter den deutschen Juden von der Nothwendigkeit ihres vollen Aufgehens im Deutschthum, nicht aber im Christenthum, zu überzeugen sucht. Wie am Anfang des Jahrhunderts Massentaufen eine kulturgeschichtliche Erscheinung der Zeit gebildet, ebenso sicher werden nach des Verfaffers Ansicht am Ende des Jahrhunderts Maffenaustritte aus dem Judenthüm erfolgen. In der Maffe und in der „Fülle der Zeit" — „die schon einmal dagewesen", erkennt Ben Akiba der Jüngere „das ewige, eherne Entwickelungsgesetz". Wir wollen mit diesem jungen Akiba über seine Ansichten nicht streiten und halten eine Widerlegung derselben nicht für nöthig. Was uns aber im Besonderen veranlaßt, auf diese Schrift zu kommen, das ist ein Biflef, den der junge Autor, wahrscheinlich ein Student, von einem christlichen Universitätsprofeffor und Geheimen Regierungsrath, als Antwort auf seine Schrift erhalten hat. In diesem Briefe heißt es: „Darf ich noch ein Wort über den von Ihnen angedeuteten Inhalt des Schriftchens hinzufügen, so mochte ich davor warnen, dem Deutschthum allzu sehr die Ehre zu geben; denn in dem deutsch-nationalen Wesen ist jetzt vielfach ebenso große Unduldsamkeit und sittliche Entartung enthalten wie in dem orthodoxesten Christenthum. Ich bin allerdings der Ansicht, daß das Judenthum gut thut, sich den bürgerlichen Einrichtungen der Staaten, in denen es lebt, vollständig einzuordnen, also seinen besonderen Feiertag, seine besonderen Ritualia beim Schlachten der Thiere aufzugeben, ohne deshalb auch nur die leiseste Einbuße an seiner Treue gegen das Wesen des

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