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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-18 · Heft 33 (18.8.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 33 (18.8.1899)
Date
1899-08-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 33. Kerlin, 18. August 1899. Mn unparteiisches Organ Kr alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 21*- Ludwig Philippson-Ronn. Vertags-Crpedition: Äerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements -Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Schofarklänge. - Die Woche. — Protokoll der Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer Mitteldeutschlands. — Eyrano de Bergerac. Von Rev. Dr. Joses Krauskopf. — Zur Geschichte des synagogalen Gesanges. II. Von Dr. A. Ackermann. — Feuilleton: Die Abtrünnige. XVIII. Eine Erzählung von Paula Fab er. — Reisemomente. Von G. K. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin Aus Westpreußen, Pr. Friedland, Hamburg, Köln, Bonn, Karlsruhe, Stuttgart, Wien, Basel, Paris, Odessa. — Bon Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Schofarklänge. . . Berlin, 15. August. enn der Schofar durch die Lüfte klang, daun lauschte Alles auf diese Töne. Das Auge schaute auf wie erwartend, bangend; dort innen pochte es merklicher, rascher; bedeutsam waren die Klänge dem Horchenden. Weithin tönte das Horn, Vielen erklang es; im Klange fanden sie sich zur Einheit. So war's im alten Israel. Und durch die Jahrhunderte ging der Ton, er begleitete den Jubel und das Wehe; er verknüpfte sich langsam mit den Regungen des Herzens. Nicht schmeichelnd senkt er sich leise ins Herz; er ist nicht schön, er schont nicht, doch mit ihrem seinen Gewebe gewinnt dauernde Macht die Erinnerung. Zur Herbsteszeit klingt es uns heute allenthalben aus den Bethäusern entgegen'; es klingt hart und scharf; der Ton ist schrill, er ist kühl, und greise Männer weinen, wenn sie ihm lauschen. Nicht bittend naht sich des Schofars Ton, und so ist seine Sprache nicht sanft; er weckt auf zum Leben, und so darf er stören den Schlummer. Wer Schönheit im Leben sucht und Kunstgenuß, wem das Schöne der Mittelpunkt ist, um den seine Gedanken kreisen, der versteht nicht, was sich in diesen Klängen offenbart, doch er versteht auch das Judenthum nicht und was darin lebt und wirkt an geistigem Gehalt. Denn nicht in der schönen Form ruht seine gestaltende Kraft, es fordert und sucht den Werth im Inhalt. Wie der Schofar religiös stärken und sittlich erheben soll, so ist die Religion Israels erfüllt und durchweht vom Geiste des Sittlichen, von der inoralischen Idee. Sie offenbart sich in ihren Lehren und Weisungen, in ihren Lcbensrichtungen und Gesetzen. So trat Israel auf in der Geschichte, so lebte es, litt es, und so lebt es weiter. Rohe Kraft und natürlicher Trieb herrschten unumschränkt in den Anfängen der Menschheit. Unmerkliche Regungen höherer Art erschienen und schwanden wieder, Gedanken und Empfindungen ohne Dauer und Nachklang stiegen auf in der Seele des Menschen. Da drang endlich Licht ein in die Welt voll Dunkel, und immer weiter drang der Strahl, immer weiter wichen die Schatten, immer mehr kam zur Entwickelung, was in der Menschheit gekeimt. Gewaltig tönte es aus Judäas Gefilden, der Schofar war erklungen, und die ihn vernommen, künden's weiter unter Leid und Aufopferung der widerstrebenden Menschheit. Einer ist Gott, und heilig ist er selbst, drum sei heilig, wer sich zu ihm bekennt! Es ward gekündet, daß es die Gedankenwelt beherrsche nach dem langen Schlummer der menschlichen Seele. Israel kündete, doch die Menschheit hörte noch nicht. Da entwickelte sich näher dem Abendlande eine Kultur der Kunst und Poesie, uud das Hellenenthum lehrte das Schöne bewundern und genießen; seine Dichter und Sänger priesen die Harmonie und Beschaulichkeit als die Bestimmung der seelischen Kräfte. Zwei geistige Mächte standen so in der Welt; immer weiter wurde ihr Kreis, immer'größer, bis der Umfang beider groß genug geworden, um auf einander zu stoßen; lind zwischen Kampf und Versöhnung, Anziehung und Abstoßung spielen sie wechselseitig ein ewiges Spiel, ringen sie um Einfluß auf die Ideale des Menschen. Judenthum und Hellenenthum waren Gegensätze geivorden: Das Judenthum forderte eine sittliche Welt, das Hellenenthum schuf die Kunst uud forderte Hingabe an das Schöne. War das Judenthum engherzig, weil es keinen Raum übrig hatte für Kunst und Formschönheit? Nein! Es durfte ihnen keinen gönnen, es bedurfte seiner ganzen Kraft für das, was es kündete, uud dies war größer denn sie. Sein Inhalt mußte allein herrschen, denn sein Inhalt war Sittlichkeit, und alles, >vas da ist, cs sollte dienen dem sittlichen Gesetz. Der Prophet schaut die Zukunft iin Geiste, und wie es einst sein wird, schildert sein Wort, Jesaia 22: „Und es geschieht in späten Zeiten, da wird aufgerichtet sein der Berg des Gotteshauses über den Bergen und erhaben über den Hügeln, und zu ihm strömen hin alle Nationen." Wie hätte der hellenische Säuger in der Ausmalung geschwelgt! Er hätte geschildert, wie die Säulen nach oben streben, wie die Giebel sich wölben, und die Hallen sich weiten. Er hätte ans die Linien geachtet und die Flächen verfolgt, hätte Uebergänge gesiecht und Ebenmaß geschaut. Der jüdische Prophet sieht nichts von alledem, denn er sieht Höheres als dies. Nicht Schönheit und Kunst stillt seine Sehnsucht, nach dem sittlichen Ideal schaut er aus, und Trost der Religion will er finden. Der Bau steht oben und krönt den Berg, doch der Prophet blickt auf die Menge, hinab, die dort wallet im Thal; nicht der Musik lauscht er in den Hallen des Tempels, erhorcht auf die Worte der Pilger, Md mehr als alle Harmonie sind labend die Worte Jesaia 2, 3: ^Kommt, laßt uns hinaufgehen zum Berge Gottes, zum Hause des

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