Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Zionismus auszusprechen, obgleich wir von der Undurchsührbarkeit seines Endzieles überzeugt sind, würden wir es wünschen, wenn der Kongreß für den Ankauf von Kolonien in Palästina in größerem Maßstabe als bisher eintreten würde. Die Kolonisation Palästinas ohne jeden politischen Beigeschmack ist ein Unternehmen, dem jetzt alle edeldenkenden Menschen zustimmen. Ich verweise auf das kürzlich stattgehabte Meeting in London, in welchem Herr Generalmajor Sir Wilson einen ausführlichen Bericht über die selbst besuchte Kolonie Machnajim in Palästina erstattete. Die heilsame Wirkung und der große Erfolg, welche durch die Unterstützung der Mitglieder für die Kolonie Machnajim erzielt worden sind, zeigen uns den Weg, den wir einzuschlagen haben. Die Zionisten thäten daher gut, für die gesammelten Schekelgelder Ländereien in Palästina anzukausen, die Juden dort nach Thunlichkeit zu kolonisiren, dann werden sie eine edle That vollbracht haben, die einem großen Theil der Judenschaft zu Gute kommen wird. Nmrmmerr. Bukarest, im August. Vor Kurzem fand hier wieder ein Prozeß wegen des unseligen Märchens vom „Ritualmord" statt. Der Gerichtshof von Huschi verhandelte gegen den jüdischen Schankwirth Mareu Butnariu, der angeklagt war, vor Ostern versucht zu haben, Blut von einem siebenjährigen Kinde des Einwohners Jonitza Fabaearu sich zu verschaffen, indem er es mit einem spitzen Instrumente stach. Es war von christlichen Zeugen konstatirt worden, daß Fabacaru an diesem Tage bei Butnariu bis zur Trunkenheit sich berauscht habe, daß er auch j dem Kinde zu trinken gegeben, daß alle beide mit einander hinfielen, so j trunken waren sie. Alle haben bezeugt, daß das Kind kein Zeichen von > einem Stich hatte; die Mutter des Kindes hat diese Aussagen bestätigt. Sie hat erklärt, daß ihr Kind trunken war und sich über Magenschmerzen j und nichts anderes beklagte. Herr Jonescu-Dolj, der die Stelle des Staatsanwalts vertrat, behauptete nun, daß unter den Juden eine Sekte existire, die Christenblut brauche, und stützte seinen Beweis auf das Buch des getauften Juden „Neofit" und auf die Werke Drumonts!! Er beantragte eine strenge Strafe, die als Beispiel für ferneren Fanatismus dienen sollte! Der Vertheidiger, Herr N. M. Eismann, hat die absurde Legende, daß die Juden sich des Christenblutes bedienten, aufs Heftigste bekämpft und forderte die Freisprechung des Angeklagten. Der Gerichtshof hat nach kurzer Berathung natürlich die Freilassung des Butnariu verkündigt. Nußland. a. Odessa, im August. In Kischenew im Gouvernement Beßarabien ist vor einigen Tagen Joses Rabbino witsch, der Gründer der jüdisch-christlichen Gemeinde, im Alter von 62 Jahren gestorben. Rabbinowitsch war Jude und siedelte infolge der Judenverfolgungen im Jahre 1871 aus Odessa nach Kischenew über. Von dort sandten ihn unsere Glaubensgenossen nach Palästina, um die Gründung jüdischer Kolonien vorzubereiten. Um seine Kenntniß Palästinas zu bereichern, studirte Rabbinowitsch das Neue Testament, und als er die traurigen Verhältnisse, unter denen die Juden im Gelobten Lande lebten, aus eigener Anschauung kennen lernte, gewann er die Ueberzeugung, daß ihr Elend eine Strafe sei, „die Gott ihnen für ihr Verhalten Jesu gegenüber auferlegt hatte". So kam Rabbinowitsch zum Christenthum, in das ihn Franz Delitzsch und Pastor Faber eingeführt haben. Nach seiner Rückkehr nach Rußland trat er agitatorisch an die Juden heran, und sammelte um sich die judenchristliche Gemeinde, welche die Sabbathfeier und die Beschneidung beibehielt. Rabbinowitsch wurde im Jahre 1884 in Berlin getauft. Er besuchte England und Schottland und fand dort thatkrästige Unterstützung. Auch die russische Regierung war ihm freundlich gesinnt und ließ ihm bis an sein Lebensende in Kischenew ungestört am Sabbath öffentlich predigen. Er hatte aber unter den Juden so gut wie gar keine Anhängerschaar gefunden und starb vergessen von den Seinen und — den Anderen. Seine judenchristliche Peffach-Hagada ist ein Werk unfreiwilliger Komik. — Der Prozeß gegen einige der Unruhestifter von Nicolajew hat am 24., 25., 26. v. M. stattgefunden. 32 Angeklagte waren unter der Anklage des Diebstahls erschienen. Verschiedene waren mit geraubten Kleidern bekleidet. Andere hatten die Taschen voll von verschiedenen Gegenständen. Kuriose Zwischenfälle spielten sich während des Verhörs ab. Ein Angeklagter schrie: „Jeder nahm, da nahm ich auch. Aber Gott hüte mich vor Raub." Darauf der Präsident: „Aber Sachen fortnehmen, die einem nicht gehören, heißt das nicht rauben?" „Jeder nahm," wiederholte der Angeklagte. Ein junger Mann von 25 Jahren sagte: „Ich habe nicht gestohlen. Wenn ich die Waare in der Bude fortgenommen hätte, so hätte ich gestohlen, aber ich habe sie auf der Straße fortgenommen. Die Waare lag in der Straßenrinne, ich habe sie aufgehoben, infolgedessen gefunden." Alle Angeklagten wurden zu 3 Monaten Gefängniß, eine Frau zu 4 Monaten Gefängniß verurtheilt und ein Kind von 16 Jahren den Händen der Eltern wieder übergeben. — Ein Anfang zu Unruhen ereignete sich in Uman im Bezirk von Kiew: Am Sonnabend den 15. v. M. spielte eine Gruppe jüdischer Kinder auf einem öffentlichen Platze der Stadt. Eines unter ihnen schleuderte aus Versehen einen Stein in die Fenster einer Kirche. Die Kinder entflohen erschrocken; die Polizei ergriff eines und führte es wie seinen Vater auf das Kommissariat. Nachdem man die Sache zu Protokoll genommen, wurden Vater und Kind wieder freigelassen. Bei ihrem Austritt aus dem Kommissariat stießen sie auf eine brüllende und drohende Menge. Am folgenden Sonntag verbreitete man in der Stadt falsche Gerüchte über beabsichtigte Angriffe von Seiten der Juden gegen den Tempel und den orthodoxen Priester. Diese lächerlichen Berichte fanden indeß bei einer guten Anzahl leichtgläubiger Menschen Gehör. Eine Menge sammelte sich an, eine alte Jüdin, die dem Haufen begegnete, wurde mißhandelt, die Juden schlossen ihre Buden und setzten sich in Vertheidigungszustand. Allein das Eingreifen der Polizei machte dem Treiben ein Ende. Seitdem ist wieder Ruhe eingetreten. Großbritannien. & Slonbon, im Juli. Die jüdischen Schulen in England erhalten von der Regierung in anerkennenswerther Weise freigebige Unterstützung, nachdem dieselben sich zu einer Vereinigung zusammengeschlossen haben. In diesem Jahre erhielt die Vereinigung jüdischer Schulen die namhafte Summe von 57 550 Mark, welche in einer Versammlung der betheiligten Schulen nach folgendem Modus vertheilt wurde: Liverpool 3800 Mark, Manchester 12 260 Mark, Borough 2700 Mark, Bayswater 1200 Mark, Westminster 3100 Mark, Free School 14 700 Mark, Jnfants, Commereial Street 4000 Mark, Stepney 3000 Mark, Jnfants, Bühle Street 4000 Mark, Spanish and Portuguese 1200 Mark, Birmingham 4250 Mark, Hüll 2750 Mark, im Ganzen 57 550 Mark. Obwohl die Summe, die von jüdischer Seite für diese Schulen aufgewendet wird, naturgemäß ein Vielfaches dieser Summe vorstellt, so ist die namhafte Erleichterung, die die Etats der jüdischen Schulen durch diese Subventionen erfahren, besonders deswegen erfreulich, weil sie gleichzeitig ein Zeichen des Entgegenkommens der englischen Negierung ist. — Der BoardofDeputies eröffnet seinen Jahresbericht, an dem von besonderem Interesse ein Passus ist, in dem der Board von seinen Verhandlungen mit der englischen Regierung spricht. Es heißt an dieser Stelle: „Der Board verzeichnet mit besonderer Befriedigung das fortgesetzte Entgegenkommen der verschiedenen Behörden und des Staatsminrsteriums seinen Wünschen gegenüber und die schnelle und sympathische Erledigung, welche seine Angaben jederzeit gefunden haben. — Die neue Oper Messalina des bekannten jüdischen Komponisten Isidor de Lara ist mit großem Beifall in der Londoner Oper gegeben worden. — Dr. Carl Peters, der gegenwärtig im Aufträge einer englischen Gesellschaft in der Gegend des St. Best reist, veröffentlicht in den englischen Zeitungen Berichte über von ihm neu entdeckte Ruinen in dieser Gegend, die er nach dem Vorgänge anderer Forscher für das biblische Ophir hält. Er glaubt deutliche Spuren der jüdischen und phönizischen Ansiedelung aus grauestem Alterthum gefunden zu haben. In späterer Zeit seien die Araber an Stelle der Phönizier getreten, und erst im Jahre 1693 habe ein Kaffernkönig Camira diese Ansiedelungen zerstört. Peters schreibt, daß er für die Jdentifizirung seiner Entdeckung mit Ophir die unwiderleglichsten Beweise erbringen könne. Man wird gespannt darauf sein dürfen, in welcher Weise Peters diesen Beweis führen kann, denn damit würde eine der umstrittensten Fragen der Geographie des Alten Testaments ihre Erledigung finden. — Die jüdischen Zeitungen bringen einen Aufruf für die jüdische Gemeinde in Sevilla. Es haben sich dort eine Anzahl von Juden aus Tanger und anderen marokkanischen Städten niedergelassen. Es sind ca. 30 Familien mit 220 Seelen, welche sich vom Handwerk und Kleinhandel mühsam