Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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konnten. Es hielten folgende Herren Vorträge: Kand. med. Neumann: „Die Geschichte der Juden im 19. Jahrhundert", Kand. phil. Wilde: „Gabriel Rießer und seine Zeit", Stud. jur. Lachmann: „Die zwölf Stämme", Stud. jur. Bäck: „Die Arbeiter bei den Juden, Griechen und Römern", Dr. med. Schwarz: „Pathologie und Therapie im Talmud". Den Statuten gemäß legte der Vorstand sein Amt nieder. In die Ferienkommission, die die Geschäfte bis zum Beginn des neuen Semesters zu besorgen hat, wurden gewählt: Dr. med. Biberstein, Referendar Dr. jur. Freund, Dr. med. Schwarz. Hoffentlich wird das Interesse für derartige, das jüdische Bewußtsein hebende Vereine in akademischen Kreisen immer mehr wachsen. Z. Brieg, 5. August. Am 20. d. M. feiert die hiesige Gemeinde das hundertjährige Bestehen der Synagoge. Aus diesem Anlaß ist die Synagoge vollständig neu renovirt worden und gewährt einen guten Anblick. Neben wundervoller Malerei ist dieselbe mit Gaseinrichtung versehen worden. An dieser Feier werden außer unseren Beamten die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal sowie Oberkantor Cerini aus Breslau Mitwirken. v. Görlitz, 1. August. Ueber die Feier des 70. Geburtstages unseres Rabbiners Dr. Freund, der seit mehr als 40 Jahren hier wirkt, theile ich Ihnen noch folgende Einzelheiten mit: Wie bei früheren festlichen Gelegenheiten (dem 25 jährigen und 40jährigen Amtsjubiläum, der silbernen Hochzeit des Freund'schen Ehepaares u. s. w.) sind auch heute dem verehrten Manne zahlreiche Sympathie-Kundgebungen zugegangen. Ein Ständchen (von der Stadtkapelle ausgesührt) leitete am frühen Morgen den festlichen Tag ein. Es folgten die Gratulationen, welche die engere Familie, die Freunde des Hauses u. s. w. darbrachten. Sodann erschienen die Herren Vorsteher und Repräsentanten der Synagogen- Gemeinde, welche unter entsprechenden Worten eine künstlerisch ausgeführte Adresse überreichten. Im weiteren Verlaufe des Vormittags erschien Herr Oberbürgermeister Büchtemann, begleitet von Herrn Stadtrath Wiesner, um Dr. Freund Namens der Stadt und des Magistrats die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Herr Leopold Kohn sprach im Namen des jüdischen Wohlthätigkeitsvereins, Frau Heymann für den Frauen-Wohlthätigkeitsverein. Beide Vereine errichteten mit dem 19. Juli gemeinsam eine Dr. S. Freund-Stiftung, deren Zinsen wohlthätigen Zwecken gewidmet werden sollen. Herr Heymann überbrachte die herzlichsten Glück- und Segenswünsche der hiesigen Loge und der Großloge zu Berlin. Ein herrlicher Bücherschrank wurde als Geschenk der Loge aufgestellt. Seinen besonderen Glückwunsch sprach der mehr als 80 Jahre alte Herr Basch, das älteste Gemeindemitglied, aus. Für den Volksbildungsverein waren die Herren Handelsschuldirektor Röhrich, Kaufmann Wolf und Lehrer Neumann erschienen, die außer einer Glückwunschadresse ein gediegenes Prachtwerk als Geburtstagsangebinde überbrachten. Die Beglückwünschungs-Adresse des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes überreichte Herr Arthur Alexander Katz. Auch von der „Alliance Israelite“ war eine Adresse eingetroffen. Eine besondere Freude für Herrn Dr. Freund war der hübsche, von Herrn Louis Wurm verfaßte Glückwunsch, den der kleine Erich Lichtenstein, ein Enkel des Herrn Louis Wurm, vortrug. Herrn Wurms Tochter, Frau Lichtenstein, war einst Schülerin des ehrwürdigen Geburtstagskindes gewesen. Von der hiesigen israelitischen Gemeinde endlich war Herrn Dr. Freund eine größere werthvolle Spende gewidmet worden. Der in so verdienter und herzlicher Weise Gefeierte nahm die Glückwünsche alle in sichtlicher Bewegung, mit schlichten, warmen Dankesworten entgegen. Sehr zahlreich waren die Geburtstagsspenden, Blumen-Arrangements, Glückwunsch- Telegramme rc. Sie alle legten Zeugniß ab von der großen Liebe und Verehrung, die Herrn Rabbiner Dr. Freund allseitig entgegengebracht wird, und die gerade an diesem Geburtstage so recht zum Ausdruck kam. Möge dem greisen und doch noch so rüstigen und lebensfrischen Herrn ein noch langes, freudebringendes Wirken beschieden fein. r. Augsburg, 3. August. Wegen Platzmangel in der hiesigen Synagoge wird auch in diesem Jahre wieder ein Filialgottesdienst, und zwar im Schießgrabensaale, während der hohen Feiertage abgehalten werden. Mit der Leitung desselben wurde Herr Rabbinatskandidat Dr. Schlesinger aus Breslau betraut. Ten kantoralen Dienst bei demselben haben Herr 2. Kantor Ernst Fränkel und ein früherer Kantor Herr Julius Friedmann aus Nürnberg, übernommen. Der Hauptgottesdienstinder Synagoge wird wie bisher von Herrn Distrikts-. rabbiner Dr. Groß, Herrn 1. Kantor Steinfeld und Herrn Alexander Neuburger hier abgehalten werden. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 7. August. Die große Erregung, die gegenwärtig in ganz Oesterreich herrscht, bewirkt wenigstens das Eine, daß man uns Juden in Ruhe läßt. Und auch das ist zum Guten! Hat doch sogar Dr. Lueger nach dem Referat des jüdischen Gemeinderaths Dr. Mittler seinen Protest gegen den Nothparagraph 14 abgefaßt — mehr kann man zunächst wirklich nicht verlangen! — Inzwischen versucht ein Theil der böhmischen Juden, sich immer mehr zu tfchechisiren. Aus Anlaß der jüngsten Berathungen über die Abfassung eines neuen Statuts war von der Statthalterei als Vertreter der nicht berücksichtigten böhmischen Israeliten der Prager Gemeindeverordnete Dr. Ruzicka delegirt worden. Derselbe stellte nun bei der Berathung eine Anregung auf Einführung der sprachlichen Gleichberechtigung, welche aber von der Majorität abgewiesen wurde. Nun hat die Prager Ortsgruppe der „Närodni Jednota ceskozidovska“ an die Statthalterei ein Memorandum gerichtet, in welchem um die Durchführung der sprachlichen Gleichberechtigung bei der Prager israelitischen Kultusgemeinde gebeten wird. Es wird in dem Memorandum darauf verwiesen, daß in allen Synagogen blos deutscher Gottesdienst stattfindet, und die Amtirung im jüdischen Rathhause sowie die Verwaltung der diversen Fonds mit Ausschluß jedweder sprachlichen Gleichberechtigung erfolgt. Trotzdem werden die Juden aber von den Tschechen doch weiter verfolgt. — Prager Blättern zufolge hat das dortige Oberlandesgericht das Ersuchen des Vertheidigers Hülsners, Dr. Ourednicek, um die Delezirung des Prager Schwurgerichts abschlägig beschieden. Wie die „Nar. Pol." aus gut unterrichteter Quelle erfahren haben will, soll die Verhandlung gegen Hülsner erst am 3. November d. I. vor dem Kuttenberger Schwurgericht stattfinden. In Lemberg hat vor Kurzem ein Studententag der jüdisch-nationalen Akademiker Galiziens stattgefunden. Bon den dort gefaßten Resolutionen find namentlich zwei interessant. Die eine lautet: „Der am 26. und 26. Juli in Lemberg stattfindende Studententag der zionistischen Akademiker Galiziens richtet vorliegendes Memorandum an den hohen Zionistenkongreß in Basel mit dem Ersuchen, derselbe möge die Kreirung von Agrarstipendien für solche Studenten, die sich nach Absolvirung ihrer Studien in Palästina niederlassen wollen, zum Beschluß erheben." Die andere Resolution erklärte die Erlernung des Fechtens für die jüdischnationalen Studenten als dringend nothwendig. 8. Prag, 5. August. Die Herren Antisemiten schaffen sich ihre eigene Rechtspflege. Da ihnen offenbar das Gericht zu Kuttenberg zu unparteiisch ist und die beschuldigten Juden nicht gleich wegen Ritualmordes verurtheilen will, wenn sie nicht schuldig sind, so haben die Antisemiten in Polna eine eigene Kommission gebildet, der auch ein Wiener, Redakteur des berüchtigten „Deutschen Volksblatts" Verganis, angehört. Diese Kommission hat selbständig Zeugen vernommen, Protokolle angefertigt rc. Ihr Meisterstück aber hat sie geleistet, als sie den 17jährigen Bruder des angeklagten Hülsner mit Namen Jtzig Hülsner an sich gelockt und betrunken gemacht hat, um ihn als Zeugen gegen seinen Bruder zu gebrauchen. Diesmal muß der Trie, der an den Zeugen Moritz Scharf im Prozeß Tiszla Eszlar erinnert, mißglückt sein, denn die Antisemiten machen bekannt, daß sie das Zeugniß Jtzig Hülsners nicht verwerthen wollen. Ueberhaupt scheinen diese antisemitischen Zeugenaussagen recht bedenklicher Natur zu sein, denn das „Deuische Volksblatt" schreibt am 4. d. M.: „Halten die Leute ihre Aussagen, die sie vor drei Zeugen ablegten, auch vor Gericht aufrecht, dann ist uns nicht bange, daß das Kreisgericht in Kuttenberg diese Unterstützung, die wir seinen Bemühungen angedeihen lassen, mit Dank anerkennen wird." Die Herrschaften wissen offenbar schon, daß die Leute ihre angeblichen Aussagen vor Gericht nicht bestätigen werden. Am interessantesten ist aber dieser Versuch, eine eigene antisemitische Rechtspflege zu schaffen, deshalb, weil der Richterstand in Oesterreich selbst antisemitisch ist, und Juden nur äußerst selten Richter werden. Dennoch zweifeln die Antisemiten keck die Unparteilichkeit der österreichischen Richter an! V Budapest, 6. August. Am 15. d. M. traten die Herren Zionisten in Basel zum dritten Male zusammen, um über die Zukunft des jüdischen Volkes zu berathen. Ohne uns für oder gegen den