Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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ernähren. Sie haben weder eine Synagoge noch eine Schule noch selbst einen Begräbnißplatz. Die Kinder wachsen auf, ohne das Geringste zu lernen. Schon ganz jung werden sie dazu benutzt, auf den Schiffen mit Süßigkeiten und marokkanischen Pantoffeln hausiren zu gehen, und sie erlernen dabei freilich einige Sprachen, sie reden etwas arabisch, ein schlechtes Spanisch, ein noch schlechteres Französisch und ein paar Brocken englisch und deutsch. Aber alle übrigen Kenntnisse gehen ihnen vollkommen ab. Allen diesen Uebelständen abzuhelfen, haben die Juden in Sevilla einen Verein gebildet, der einen Begräbnißplatz kaufen soll sowie jetzt eine kleine Schule und Synagoge einrichten wird. Da ihnen aber die Mittel dazu fehlen, so wenden sie sich um Unterstützung an ihre reicheren Glaubensgenossen in Europa. — Der Palestine Exploration Fund hielt am 1. d. M. seine jährliche Generalversammlung ab, bei der Bericht erstattet wurde über das Resultat der Ausgrabungen in Tell-es-Safi und in Tell-Fahariya. Bei den ersteren glaubt man eine der Festungen gefunden zu haben, die König Rehabeam hat bauen lassen. General Wilson erstattete Bericht über seine Reise nach Palästina und Moab. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er auch die außerordentlichen Leistungen der jüdischen Kolonisten, welche aus Wüsteneien blühende Gärten und Felder geschaffen hätten. Besonders in Ehron haben dieselben ganz Außerordentliches geleistet. General Wilson stellt nach dem, was er selbst gesehen, den jüdischen Kolonisten in die erste Reihe aller Kolonisationselemente, die gegenwärtig existiren. — Das Komitee des Moses Montefiore Testimonial Fund hielt am Montag, 31. Juli, eine Versammlung ab, in der Bericht erstattet wurde über die Thätigkeit dieses Fonds seit dem Jahre 1882. Damals befaß der Fonds im Ganzen ca. 177 000 M., seitdem kamen an Zinsen und Rückzahlungen hinzu ca. 153 000 M., während an Ausgaben abgingen ca. 275 000, so daß zur Zeit noch in der Kasse 55 000 M. verbleiben. In der Berichtsperiode sind die Hauptleistungen des Fonds die Vorschüsse an die Baugesellschaften in Jerusalem. 1882 erhielten die beiden Bauvereine Mischkenoth Israel und Ohel Mosche je 52 000 M., von denen die erstere ca. 45 000 M., die zweite ca. 42 000 M. bisher zurückgezahlt hat. 1892 erhielten die beiden Abtheilungen Beth Nathan und Beth Jehudith der Baugesellschaft Uemin Mosche ferner Darlehen in der Höhe von 52 000 M., deren Rückzahlung in diesem Jahre beginnen soll. Jede dieser 4 Gesellschaften hat mit den Geldern ca. 65 Steinhäuser für je eine Familie zu errichten sowie eine Synagoge, Mikweh rc. Die Häuser gehen mit der Zeit durch kleine Ratenzahlungen in den Besitz der einzelnen Familien über, die Synagogen rc. bleiben jedoch Besitz des Testimonial Fund. Ein Darlehen von 8000 M. empfing ferner das Krankenhaus Misgab Ladach, welches dasselbe schon zurückgezahlt hat. Endlich hat der Testimonial Fund den Garten bei Jaffa, den er besitzt, der Alliance Israelite Universelle pachtweise gegen eine jährlich steigende Rente überlassen und die Einkünfte daraus, in diesem Jahre 200 M., dem Hospital Schaare Zion in Jaffa überwiesen. Amerika« C. H. New-Aork, Ende Juli. Martin H. Lehmann, ein Anhänger der ethischen Kulturgeseüschaft, hat in seinem Testamente das Mt. Sinaihospital mit 2500 Dollars und verschiedene andere jüdische Institute mit je 500 Dollars bedacht. — Der Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde Sichron Epraim, Herr Dr. B. Drachmann, hat die „neunzehn Briefe des Ben Usrel" mit einer biographischen Skizze des Verfassers, S. R. Hirsch, in englischer Sprache herausgegeben. Auf die Uebersetzung gewisser Eigentümlichkeiten des Hirsch'schen Stiles, wie z. B. „Jisroel----Mensch" erklärt der Uebersetzer, von vornherein verzichten zu müssen. — Die Chautauqua Society hat ihren alljährlichen Sommerkurs am 16. d. M., also am neunten Ab, begonnen. Der unermüdliche Gründer des Unternehmens, Dr. Berkowitz in Philadelphia, hat ein sehr reichhaltiges und interessantes Programm aufgestellt. Die Theilnahme des Publikums ist jedoch trotz der vielen jüdischen Badegäste in Atlantic City eine schwache. Ein geharnischter Protest des orthodoxen „Minister" Henry S. Morais gegen die Entweihung des neunten Ab ist ungehört verhallt und hat selbst auf konservativer Seite Lächeln hervorgerufen. — Die Dreyfus-Affäre begegnet auch hier fast durchweg voller Sympathie für die Wiederherstellung des gekränkten Rechtes. Die wenigen Ausnahmen finden sich fast ausschließlich in der katholischen Presse. So schreibt die New World, das offizielle Organ der Erzdiözese Chicago: „Die europäischen Banken stehen hinter dem Kapitän, um dafür zu sorgen, daß er einen unparteiischen Prozeß erhält. Niemals hat ein Angeklagter bessere finanzielle Deckung gehabt. Professionelle Agenten für die Bestechung von Geschworenen sind kürzlich aus Chicago entflohen. Es wäre angezeigt, nach ihnen in Rennes und Umgebung zu suchen." — Das sogenannte Ghetto in New-Aork hatte kürzlich den Plan ventilirt, Dreyfus ein goldenes Schwe^ Zola eine goldene Feder und Picquart ein anderes Ehrengeschenk zu überreichen. Zola hat auf eine Anfrage hin in seinem Namen wie im Namen der FamilieDreyfus abgelehnt. Gestatten SieJhrem Korrespondenten, auf eine bisher noch nicht eitirte Analogie zum Benehmen des Generalstabes hinzuweisen. Der französische Geschichtsschreiber Thibaudeau sagt bei Besprechung des an dem Buchhändler Palm begangenen Justizmordes, es sei Wahnstnn, an der Gerechtigkeit eines Urtheiles zu zweifeln, das von sieben französischen Obersten gefällt worden sei. Von Nah und Fern. ----- Zu Justizräthen wurden ernannt die Rechtsanwälte Max Jacobsohn, Grabower, Leopold Dorn, M. Seldis, Max Salinger, Louis Cohn hier und Sachs in Kattowitz. — Dem bekannten Naturforscher Dr. W. Sklarek hier ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden —Der Hoflieferant Gustav Kantor hier hat das Ritterkreuz der Königin Jsabella der Katholischen erhalten. — Dr. med. Jacob Rülf in Bonn, ein Sohn des Rabbiners Dr. Rülf, vormals in Memel, hat die philosophische Preisaufgabe der Universität gelöst. Ein Accessorium erhielt dessen Mitbewerber, derLehrerL. S alomo n aus Iserlohn. — Ein schwerer Verlust hat die Gemeinde Altona betroffen: R. Elias Munk, Rabbinatsassesior, ist im Alter von 82 Jahren gestorben. In Ems, woselbst der Dahingeschiedene Erholung suchte, hat ihn der Tod ereilt. Die Beerdigung fand am Dienstag Nachmittag statt. — Die Schwestern Luise und Adelheid Hauth, Nichtjüdinnen, in Wiesbaden, Erstere im Jahre 1892, Letztere vor 8 Tagen verstorben, haben in ihrem Testament den Israelitischen Unterstützungsverein mit einem Legat von 5000 Mark bedacht. — Einen jüdischen Alterspräsidenten wird die neugewählte ba i erische Abgeordnetenkammer besitzen. Es ist dies der sozialdemokratische Abgeordnete Gabriel Loewenstein. Derselbe steht im 75. Lebensjahre. — Auf Grund der von der mährischen Statthalterei genehmigten Statuten hat sich dieser Tage in Holle sch au der erste jüdische Militärveteranenverein in Oesterreich konstituirt. Der Verein bezweckt unter anderem die Wahrung der militärischen Berufstreue, die Bethätigung des Patriotismus und die Unterstützung kranker und hilfsbedürftiger Mitglieder. — Generalmajor Ottolenghi in Turin ist nunmehr zum General befördert worden, die höchste Charge, die es in der italienischen Armee giebt. — Der Disziplinarrath der Pariser Universität suspendirte den Professor am Voltaire-Lyeeum Weill auf drei Monate von seinem Amt unter Verlust eines Drittels seines Gehaltes, weil er seinen Schülern eine Arbeit über den Dreyfus-Prozeß aufgegeben hat. — Auf der Tagesordnung des im Jahre 1900 zu Paris stattfindenden antiparlamentarischen Kongresses befindet sich unter den einzelnen Gegenständen der Tagesordnung auch der Punkt: „Stellung der revolutionären Kommission gegen Antisemitismus und Zionismus". — Mr. Cabanel, Vizekonsul von Frankreich, Ehrenpräsident des Schulkomitees der Dardanellen, ist am 1. d. M. gestorben. Er war ein Freund und unermüdlicher Berather der Schulen der Alliance an den Dardanellen. — In Stockholm ist ein früher sehr bekannter jüdischer Violinist und Komponist Siegfried Salomon im Alter von 83Jahren verstorben. Er war mit der berühmten schwedischen Sängerin Henriette Nissen verheirathet und 1859—79 als Musiklehrer in Petersburg, seitdem aber in der schwedischen Hauptstadt. Seine Hauptwerke sind die beiden Opern „Das Diamantkreuz" und die „Rose der Karpathen", die häufig aufgeführt worden find. — Der rühmlichst bekannte Philanthrop Jacob H. Schiff in New -Jork hat für das Harvard-Semitie-Nuseurn eine Spende von 400 000 Dollars gegeben. —- Der ausscheidende Präsident der Handelskammer in Melbourne, Mrs. John Hymann, der in der Zeit seiner Amtsführung sehr populär geworden ist, wird demnächst in die Untersuchungskommission eintreten, die für soziale Fragen geschaffen ist. Nur die ersten dortigen Autoritäten in Arbeiterfragen find in diese Kommission berufen worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.