Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 32. Gerlm. 11. August 1899. Weikcrge zurr „Allgemeinen Zeitung öes Iuöenlhrrms". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. S£S, Berlin, 8. August. Eine ständige Rubrik in den Tagesblättern bilden in der Sommerszeit die Bergabstürze. Jeder Tag bringt da neue Hiobsposten; besonders reich ist aber dieser Sommer an solchen. Was uns dabei am meisten auffällt, das ist der überraschend hohe Prozentsatz von Juden, die sich an diesem Sport betheiligen und ihm zum Opfer fallen. Von den Unglücksfällen dieser Woche in d.n Alpen haben vier Juden getroffen. Hoffnungsvolle junge Leute, Ehemänner, die zu Hause eine unversorgte Familie haben, junge Damen, deren Eltern nun um sie trauern. An sich könnte uns ja die Thatsache mit Genugthuung erfüllen, daß unsere Jugend solche schwere Proben an Muth und Kraft ablegt und darin der deutschen Jugend nicht nur nichts nachgiebt, sondern diese sogar, wie aus den oben angeführten Zahlen hervorgeht, noch zu übertreffen sucht. Die Sache hat aber doch noch eine andere und viel ernstere Seite, die uns wichtig genug erscheint, um so scharf als möglich hervorgehoben zu werden. Es wäre ein thörichter Scherz, wenn man solchen Erscheinungen gegenüber sagen wollte, unsere Ahnen haben den Bergsport nicht gekannt, um daran die übliche und mehr als hausbackene Moral von der Verderbtheit unserer Zeit zu knüpfen. Wohl aber darf und muß Allen, die auf unsere Stimme hören, bei solchem Anlaß gesagt oder vielmehr immer wieder wiederholt werden, daß nicht in solchen tollkühnen Wagnissen, wie Berg- und Wassersport, Duell u. dgl., der wahre Ausdruck unserer Assimilirung an das deutsche Volksleben liegt, die ja uns Allen als ein wahrhaft erstrebenswerthes Ziel erscheint. Man kann ein sehr guter Deutscher sein, ohne je einen gefährlichen Piz bestiegen oder eine Säbelmensur ausgesochten zu haben. Das ist das Eine. Das Andere aber und nicht minder Wichtige möchten wir den Eltern in Erinnerung bringen, die noch an den religiösen Vorschriften festhalten. Unsere Gesetzeslehrer haben es immer ausdrücklich hervorgehoben, daß freiwillig in Lebensgefahr (Skanot Nefaschot) sich begeben eine große Sünde sei. Seltsamerweise wird dieser Punkt gerade auch selbst von streng frommen Leuten oft übersehen. Wir aber haben es nicht unterlassen wollen, angesichts der Meldungen, die die Tagesblätter in dieser Woche allein aus Krefeld und Berlin, aus Breslau, Wien, Bern und Paris über Abstürze jüdischer junger Leute gebracht haben, unsere warnende Stimme zu erheben. Den billigen Spott der Antisemiten fürchten wir auch bei diesem Anlasse nicht — wir haben übrigens thatsächlich noch nie gehört oder gelesen, daß irgendwo ein notorischer Antisemit auf einer gefährlichen Bergtour abgeftürzt sei! B. Berlin, 8. August. Man muß der Mission lassen, daß sie mit ganz modernen Mitteln zu arbeiten weiß. Geht da durch alle Zeitungen ein Nekrolog auf den Judenchristen Rabbinowitsch in Kischinew, über den wir an anderer Stelle berichten. Sein Versuch wirbelte Anfangs viel Staub auf, blieb aber im Anfänge schon stecken und scheiterte dann an der Gleichgiltigkeit der Juden gegenüber den Missionsbestrebungen. An den Nekrolog für diesen Mann also schließt sich dann der folgende Passus: „Unabhängig von Rabbinowitsch und dessen christlicher Synagoge hat sich neuerdings eine andere jüdische Gemeinschaft zu bilden begonnen, deren Mittelpunkt Odessa ist. Bei Gelegenheit einer von dortigen Juden abgehaltenen Versammlung, in welcher über das Geschick des unglücklichen Kapitän Dreyfus und dessen ungerechte Berurtheilung referirt worden, hat ein talentvoller junger Jude in längerer Rede auseinandergefetzt, daß die glücklich erstrittene Revision des Dreyfus-Prozesses dem jüdischen Volke die Pflicht auferlege, eines vor 18 Jahrhunderten von dessen eigenen Häuptern gefällten ungerechten Todesurtheils zu gedenken und eine Revision des Prozesses vorzunehmen, der seinerzeit dem Stifter der christlichen Religion gemacht worden. Trotz des heftigen und tumultuarischen Widerspruches, der seitens der streng orthodoxen Zuhörer dieses Vortrages erhoben worden, fand derselbe unter der jüngeren Generation so lebhaften Anklang, daß eine Anzahl jüngerer jüdischer Männer zusammentrat, die den angeregten Gedanken weiter verfolgen wollen und sich die „Revisionisten" nennen." Wie unschuldig dies klingt, diese angeblich so spontane Bewegung der „Revisionisten"! Wer aber hinter die Kulissen sieht, findet als Faiseur der neuen Agitation denselben Pastor Faltin in Kischinew, der auch die christliche Synagoge von Rabbinowitsch in Szene gesetzt hat. Damit weiß man genug, aber die russischen Juden werden sich so wenig von den Revisionisten Faltins wie von seiner christlichen Synagoge einfangen lassen. Vielleicht ist diese gleichlautende Notiz in allen Zeitungen doch in etwas den Missionsbestrebungen nützlich. Am 6 d. M. fand nämlich in den meisten evangelischen Kirchen Deutschlands eine Kollekte für die Judenmission statt, und Mancher hat sich vielleicht durch die „schöne Bewegung der Revisionisten" anspornen lassen, mehr zu geben, als er sonst gethan hätte. Dann hätten die Notizen ja doch ihren Zweck erreicht, nur schade um das schöne Geld! Lx. Aus der Provinz Posen, im August. Zu Vorstandsmitgliedern der jüdischen Gemeinde in Rogasen sind die Herren Kaufmann Louis Wacht, Bäckermeister Samuel Ruschin und Kaufmann H. Kuttner, Letzterer zum ersten Vorsteher gewählt, und als solche vom Regierungspräsidenten zu Posen bestätigt worden. Kaufmann Philipp Seemann in Exin ist zum Magistratsmitglied daselbst und Rechtsanwalt Aronsohn in Thorn zum Stadtverordneten jener Stadtgemeinde gewählt worden. — Kantor Cassel in Tirschtiegel ist in gleicher Eigenschaft an die Gemeinde in Filehne berufen worden. — Kaufmann Salomon Goldschmidt in Kosten ist zum Vorsteher der Synagogengemeinde daselbst gewählt worden. — Anläßlich eines Besuches des Kaufmanns Schmul aus Amerika in seiner Heimathsgemeinde Janowitz hat derselbe letzterer ein namhaftes Geschenk gespendet. — In Wongrowitz wird noch in diesem Jahre ein neues jüdisches Schulhaus erbaut. — Der Dampfmühlenbesitzer Simon Blum in Samter ist gestorben. Derselbe war längere Zeit Repräsentantenvorsteher und Stadtverordneter daselbst. — Das I. Schoeps'sche Ehepaar in Koschmin feierte neulich das Fest der goldenen Hochzeit. e Breslau, 28. Juli. Dr. phil. Max Doctor ist zum Stellvertreter des Rabbiners und Dirigenten der Religionsschule an der alten Synagoge berufen worden. — Dr. phil. Jsmar Elbogen hat vom Kuratorium des Collegio Rabbinico Italiano in Florenz einen Ruf als Dozent an diese Anstalt erhalten und angenommen. — Dr. phil. Karl Thieberger ist als Rabbiner nach Komotau (Böhmen) berufen worden. Alle drei Herren haben das hiesige jüdisch-theologische Seminar besucht und sind im Januar dieses Jahres mit dem Rabbiner-Zeugniß entlassen worden. — Dr. Norden, Rabbiner in Neu-Stettin, ein Schüler des Berliner Seminars, ist nach Myslowitz berufen worden. — Am 19. d. M. starb in Krummhübel der Kaufmann David Kanter. Das Personal der Firma David Kanter, die Zweite Brüder-Gesellschaft, die Gesellschaft Eintracht, deren erster Vorsitzender er früher war, der Vorstand der Israelitischen Armen-Bekleidungs-Gefellschaft, dem er angehörte, und der Kaufmännische Wohlthätigkeits-Verein widmeten ihm längere, seine Verdienste würdigende Nachrufe. — Die landesherrliche Genehmigung ist ertheilt zur Annahme der Zuwendung, die der Privatgelehrte B. Munck in Freiburg in B. der Synagogengemeinde zu Breslau mit 9000 M. letztwillig gemacht hat. — Dem Komitee, das fich hier zur Unterstützung der brodlos gewordenen jüdischen Bergarbeiter von Boryslaw (Galizien) gebildet hat, sind bis jetzt 1152 M. eingegangen. — Am 18. d. M. fand die Semesterschlußsitzung der Akademischen Gesellschaft für jüdische Geschichte und Litteratur statt. Der Vorsitzende konnte zu seiner Freude feststellen, daß trotz der Ungunst, die ein Sommersemester einem wissenschaftlichen Studentenverein bringt, die Sitzungen regelmäßig abgehalten werden