Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 384 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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MWMWWMMMW! 384 und gleichzeitig innerlich Raphael bewundernd, der sich an der Seite dieses hübsche», flachen Köpfchens durch elf Jahre so ans Herzensgrund hatte wohl siihlen, sich ihm so willig hatte anbequemen können. Allerdings hatte die Inhaberin dieses Köpfchens wohl auch ihrerseits sich ihm anbeqnemt, auf ihn Rücksichten genommen, mehr, als sie gesonnen schien, dies in Bezug auf ihre Schwiegermutter zu thun. Sie war der jungen Wittwe unbehaglich, die schöne alte Frau mit den dunklen Augen, deren Blick ihr bis ans den Grund der Seele zu dringe» schien, die so fest und sicher i» ihrem alte» Patrizierhanse in der allen Straße saß, ohne der Veränderungen, die ihre ganze Umgebung erlitt, und die dieselbe ihres aristokratischen Charakters völlig beraubten, viel zu achten. Sie blieb dieselbe und blieb in ihrem Hause, mochten auch dessen Nachbarn aus Einzelwohnnngen in himmelanragende Etagenhäuser umgewandelt werden oder fürderhin gar gewerblichen Zwecken dienen. Und wie die auf dem Fußsteig vor dem alten Hanse spielenden Kinder mit dem leisen Ruf „Madame da Silva!" davonstoben, wenn die gebietende Erscheinung in ihren rauschenden Seidengewändern, entweder ihre Wohnung verlassend oder in dieselbe zurückkehrend, plötzlich vor ihnen stand, so hätte es Ina da Silva für ihr Leben gern auch gethan, sowie die Falkenange» der alten Dame ans ihr oder ihren Kindern ruhten. Sie hatte ihr gegenüber kein ganz reines Gewissen. (Fortsetzung folgt.) Der Kronzeuge von Tisza-GsMr. Von Bsla Töth. d)on wieder hat Moriz Scharf das Zeitliche gesegnet. Seit zehn Jahren schon etwa das fünfte Mal. Wer so oft für di) tobt erklärt wird, erfreut sich einer guten Gesundheit selbst dann, wenn er die personifizirte Wahrheitsliebe ist. Dieses Unglückskind ist die Lüge selbst, und zwar die größte Lüge dieses Jahrhunderts. Warum schwatzte dieser Judenjunge? War es etwa die krankhafte Phantasie, die ihn zu dieser schweren Anklage veranlaßte, oder wurde sie ihm eingetrichtert? Man kann es nicht wissen. Das Eine ist gewiß, die Lüge des Dorfjungen hatte den größten Prozeß des Jahrhunderts, nein, den ungeheuerlichsten Seelenkampf zur Folge, dem nur wenige in unserer Geschichte gleichgestellt werden können. Der unglückselige Junge sprach das erste Wort, die guten Seelen sorgten schon für das Uebrige. Ihm Schrecken einjagend, erpreßten sie ihm in der Geisterstunde das Märchen. Dann flößten sie ihm Furcht ein, die Juden, seinen eigenen Vater nicht ausgenommen, stellten seinem Leben nach. In der Nacht vor dem Nyiregyhäzaer Prozeß setzte man den Jungen damit in Schrecken, daß man ihm erzählte, die Juden wollten ihn rauben. Diese Geschichte kenne ich ganz genau, denn der „Jude", der den Raub versucht haben soll, ist eigentlich meine Wenigkeit. Als umsichtiger Journalist wollte ich mit dem Lehrer des im Komitatshaus unter Schloß und Riegel gehaltenen Jungen sprechen. Ich wollte von ihm hören, ob der berühmte Moriz intelligent ist, wie er lernt u. s. w. Der Lehrer wohnte zufällig hinter dem Komitatshaus. Als ich Nachmittags mit einem Kollegen in seine Wohnung kam, war er nicht zu Hause. Da erzählte ich seiner Frau, in welcher Absicht ich gekommen war, und übergab ihr meine Visitenkarte. Als wir in der Abenddämmerung wiederkame», war er noch immer nicht zu Hause. Abends verbreitete sich in der edlen Stadt Nyiregyhdza das Gerücht, die Juden wollten Moriz entführen, und daß Gendarmerie vor seinem Fenster Wache halte. Der zweite Theil dieses Gerüchtes bewahrheitete sich, und wir Journalisten ließen spaltenlange telegraphische Berichte über den Raubversuch abgehen. Am nächsten Tage verhörte der Vorsitzende Moriz Scharf außer der Reihe. Warum? Weil des Nachts ein solcher Versuch gemacht wurde, der im Wiederholungsfälle das Verhör vereiteln könnte. Was war denn das für ein Versuch? Am dritten Tage legte der Vorsitzende ein umfangreiches Aktenbündel vor. Es waren etwa zwanzig Protokolle über Zeugenverhöre. Vor dem Stadthauptmann gaben Weiber, Dienstmädchen mit staunenswerther Einhelligkeit die Erklärung ab, daß zwei polnische Juden mit Schmachtlöckchen den Zeugen rauben wollten, und Alle wären bereit, einen Eid abzulegen. (Allgemeine Entrüstung.) Die Juden lauerten ihm hinter dem Komitatshause auf, und einer von ihnen prüfte die Stärke der Feuermauer. (Schurken!) Derselbe polnische Jude versuchte mittelst einer Leiter in den Hofraum zu gelangen, nnd dies vor den Augen Aller, doch die wackeren Hausleute verjagten ihn. (Allgemeines Eljenrufen). Dieser polnische Jude ließ übrigens seine Visitenkarte zurück. (Erwartungsvolle Bewegung.) Der Vorsitzende: Auf der den Akten beigeschlossenen Karte steht: „Bsla Tüth." Da erhob sich im Saale ein Gelächter, daß die Bodendecke einzustürzen drohte. In mein Herz schlich sich Abscheu und Haß vor jenen Leuten, die die Lüge derart fabriziren. Von diesem Augenblick an hatte ich einen klaren Einblick in die verborgensten Theile dieses ungeheuerlichen Prozesses. Ich lobpreise Gott, daß ich ein ehrlicher Mann geblieben bin. Fitterarische Mittheilungen. In England findet jetzt eine lebhafte Polemik statt, die G. Margoliouth (Professor des Arabischen in Oxford) gegen die Echtheit der hebräischen Fragmente des Jesus Sirach (Kap. 39, 15-49, 12) eröffnet hat, die im Jahre 1897 durch Mrs. Lewis und Mrs. Gibson in Palästina erworben worden find. Es dürfte vielleicht interessiren, über den Fortgang dieser Angelegenheit etwas Genaueres zu erfahren, zumal ein deutscher Gelehrter in die vorderste Reihe der Kämpfenden getreten ist. Denn eine der am weitesten verbreiteten gelehrten Zeitschriften Englands, „The Expofitory Times", die bei Clark in Edinburgh erscheint, hat Professor Dr. Ed. König von der Universität Rostock, den Verfasser der ersten „Historisch-komparativen Syntax des Hebräischen" (1897), aufgefordert, ein Gutachten über Margoliouths Schrift abzugeben. Prof. König hat nun die Streitfrage mit methodischer Kritik und in aller objektiven Ruhe untersucht und meint nachgewiesen zu haben, daß die Sprache jener hebräischen Fragmente nicht die Elemente des Arabischen besitzt, die Margoliouth in ihr entdeckt zu haben meinte. Ebenso wenig kann Professor König in dem Text der Fragmente Spuren des Persischen entdecken. Nur in den Randbemerkungen, die zu der Handschrift hinzugefügt sind, findet sich sowohl arabisches wie auch persisches Sprachgut. Danach ist nur dies wahrscheinlich, daß eine Handschrift des hebräischen Textes der Sirachsprüche von einem Juden, der Arabisch und Persisch verstand, mit einer anderen Handschrift dieser Sprüche und mit deren syrischer Uebersetzung verglichen wurde, und daß daher die zahlreichen Randbemerkungen stammen. Der erste Theil des von Professor König abgegebenen Urtheils ist soeben in dem Augustheft der „Expository Times" erschienen. Im Uebrigen ist soeben noch eine große Zahl neuer Blätter ebenderselben Handschrift der hebräischen Sirachsprüche veröffentlicht worden, die nächstens von fachmännischer Seite besprochen werden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.