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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-11 · Heft 32 (11.8.1899) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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383 ein wenig, nur ein wenig nachgeben? Bedenke, — ich setze eben nur den Fnkl, — sollte ick vor Euch allen davon gehen, und sollten die Meinen ihr Leben dann etwas anders einrichten, was dann?" Sie war kreidebleich geworden, in ihr Gesicht trat ein strenger Zag. „Dann tvürde sich mein Haus vor ihnen ebenso schließen, wie es sich —" „Vor meiner eigenen Tochter geschlossen hat, willst Du sagen. Gut, ich hätte es wissen könne», aber, Mutter, ich rede in Deinem eigenen Interesse, Du bleibst dann fast ganz allein. Weshalb, o, weshalb?" „Laß mich meinen Weg gehen. Nur auf diesen« Wege liegt Heil." „So? — Nur ans diesem? — Dann laß inich Dich an ei» anderes Wort erinnern, das Du hier in diesem selben Zimmer gesprochen hast. Als vor drei Jahren die schlechten Berichte über Regina und ihren Mann kamen, da sagtest Du! „Das ist die Strafe." Nn», und jetzt? Weder Regina noch Emanuel haben ihre Ansichten geändert, ihre Lebenstveise un«ge«vandelt, und doch ist der jetzige Geheimrath Steinhardt völlig genesen, von der Welt geachteter denn je, steht in seiner Wisienschaft so hoch da «vie noch nie, während er gleichzeitig durch die dritte große Erbschaft, die ihm binnen drei Jahren zugefallen ist, pekuniär heute unter die Millionäre zählt. Was also nach dem landläufigen Begriff zum irdischen Glück gehört, was es an Ruhm und Ehren geben kann, ist ihm gcivorden. Und Regina, seiner treuen Gefährtin in guten und schlimmen Tagen, mit ihm. Wie stimmt das zu der sogenannten „Strafe"? Sie scheinen dem Hinnnel doch recht zu sein, wie sie sind." „Gönnst D«« es Deiner Schwester nicht?" fragte sie, nach Frauenart ausweichend und den Sinn seiner Worte absichtlich mißverstehend. Er «mißte säst lachen. „Ich sollte Regina etwas nicht gönnen! Das lveißt Du selbst besser, und Du hast auch vollkommen verstanden, was ich meine. Doch wir sind von iluserem Thema abgekoin- «nen. Ich möchte nnr, wie gesagt, Mutter, in Deinem eigenen Interesse, Du dächtest darüber nach, ob Du die uns alle einengendeu Schranken nicht etwas «veiter ziehen kannst!" „Du bedenkst nicht,, «vas D» thust, Raphael!" schrie sie plötzlich auf. „Mach' Dir klar, «vas Du verlangst!" Rascher und rascher überstürzte sich in immer gesteigerter Heftigkeit ihre Rede. „Mein Glai«be, so «vie ich ihn ariffasse und halte, war mein Alles, die Säule, die meinem Leben Schiltz und Stütze gegeben hat. Uin seinetlvillen habe ich ineinen jüngsten Sohn »in sein Herzensglück gebracht, «im seinetwillen meine Tochter von mir gestoßen. Begreifst Du denn nicht, «vas es für mich wäre, käme ich zu der Einsicht, ich habe mein ganzes Dasein ans einen Jrrthmn gebaut? Siehst Du denn nicht, wie furchtbar cs mich treffen müßte, fiele alles, tvas ich hochgehalten, in Trümmer? Und was sollte ich dann «»einen Kindern antworten, wenn sie mich fragten, weshalb ich ihnen so Schreckliches anthat?" „Das «verde«« die Kinder nie thnn!" fiel Alphons' ruhige Stimme ein. Von den beiden Tiefercegten unbeachtet, war er eingetreten und hatte die letzte«« leidenschaftlichm Worte seiner Mutter mit angehört. „Wir wissen alle Beide, Regina sowohl als ich, Du handelst nach Deiner heiligsten Ueberzeugnng. Und jetzt laßt es gut sein, Ihr quält Euch gegenseitig nur. Geh' hinauf, Mutter, leg' Dich eine Stunde zur Ruhe hin. Währenddeflen «vill ich versuchen, diesen Kampshahn hier zu beschlvichtigen. Und dabei kann man sonst eigentlich nicht behaupten, daß die Streitsucht bisher seine hervorragendste Eigenschaft getvesen ist," fügte er in seinen« getvöhnlichen Ton hinzu. „Das «veiß der Hinnnel! Raphael, der immer Nachgiebige, Geduldige! Aber es ist schrecklich; irgend ein hingetvorfenes Wort über irgendwelche Religionsvorschrift scheint jetzt bei uns unversöhnliche Gegensätze ans Licht zu ziehen." „Ich habe das Wort nicht hingeivorfen." „Ich glaube «virklich, Ihr beginnt von Neuem! Nein, jetzt gehl die Mutter hinauf, und Raphael kann mir seine Rede halte»." Mit sanfter Autorität geleitete er seine Mutter hinaus und kehrte dann zu seiiikin Bruder zurück, der in tiefer Verstimniung nach auf demselben Fleck stand und vor sich hiirstarrte. „Was sollte der ganze Auftritt?" fragte der Jüngere mißbilligend, „Du dürftest nachgerade doch wissen, daß nichts dabei herauskommt." Raphael seufzte schiver. „Wäre ich dreißig Jahre jünger, ich «vlirde Dir »och nachdrücklicher als soeben nach Kinderart versichern« Ich habe nicht angefangen. So aber laß Dir erzählen, «vie es kam." Er berichtete kurz den ganzen Hergang und setzte zun« Schluß hinzu: „Ausgelvichen bin ich freilich, meiner sonstigen Gepfloge««heit entgegen, der Auseinandersetzung diesmal auch nicht. Im Gegentheil, ich hielt es für richtiger, sie auf das vorznbereite», «vas kommen «vird. So lange ich lebe, «vird Inn mir zu liebe alles so halte«« wie bisher. Schließe ich aber einmal die Augen, denk' an mich, kein Jahr «vird es dauern, und das Ganze ist über Bord geworfen«." „Nun, einstweilen bist Du doch Gottlob noch da, und alles Reden ist daher überflüssig." „Wer «veiß, wie lange iioch? Gicb Acht, ich «verde nicht alt!" „Das pflegen gerade Diejenige» zu sagen, die mit der Zeit als Hundertjährige die Zeitungsspalten in der Saurengurkenzeit füllen «verde». Fang' keine Grillen, Raphael." „Nein, ich «veiß, was ich sage." Er sprach so gedrückt, daß sein Bruder ihn betroffen ansah. „Was hast Du denn?" „Ach, nichts, nicht mehr >««ie immer. Anfgearbeitet bin ich. Unser Vater hat ja auch nicht die Vierzig erreicht. Nein, laß das," als Alphons, von unruhiger Sorge erfaßt, nach seiner Hand griff, um ihn« den Puls zu fühlen, „heute und morgen ist es noch nicht mit mir zu Ende. Aber ich fühle cs tiefinnerlich, ich habe nicht lange mehr zu leben." * Raphael da Silva behielt mit seiner Vorahnung Recht. Zwei «veitere Jahre «var es ihn« noch vergönnt, unter den Seinen zu «veilen, sich seiner sehr fröhlich heranblühenden Kinder zu freuen. Dann machte, während er mit seiner Gattin auf einer Erholungsreise in der Schiveiz «veilte, in Genf ei» Herzschlag seinem Leben ein jähes, frühes Ende. Die Mutter, die zur Bestattung nach dort geeilt «var, hatte Unterwegs sich mit herzklopfender Aufregung gesagt, daß ihr leicht am Sarge des ihr entrissenen Ki««des eine Begegnung mit dein anderen, verstoßene» bevorstehen könne. In Genf angelangt, erfuhr sie aber, Regina könne nicht kommen, da Steinhardt, der sich bis vor Kurzem ungestörter Gesundheit erfreut hatte, seit einigen Woche» von seinem alten, dieses Mal von einer schiveren Lähmung begleiteten Leiden in solchem Maße heimgesucht «var, daß seine Gattin nicht daran denken durfte, ihn allein zu laste». Und in das Gefühl halber Erleichterung, das sie bei dieser Nachricht empfand, mischte sich bei ihr alsbald, «vietvohl nicht klar und deutlich eingestanden, ein sehnsüchtigschmerzliches Bedauern. Fünfzehn Jahre hatte sie nunmehr ihre Tochter nicht gesehen. Wäre diese Begegnung ihr so über dem Kopf weggenoinmen worden, hätte sie ihr nicht entgehen können. Gar manchmal hing sie diesem Gedanken nach, als sie schon längst wieder i» der Heimath «veilte und sich ihrer verivilttveten Schwiegertochter nach Kräften «vidmete, dabei stets von Neuem mit grausamer Deutlichkeit empfindend, welcher Abgrund sie und ihre Ansichten von der Jugend von heute trennte

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