Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-11 · Heft 32 (11.8.1899) · p. Seite 381

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 32 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228344--55698-3291926
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

; ^ntv Wf+*^ ^j* }li^',r» 381 ltsung nicht nur erwähnt werden, sondern sogar Diskussionen darüber sich finden, wie, behufs richtigen Gesangsvortrages, gewisse Satzkonstruktionen des Bibeltextes zu verstehen seien (Chagiga 6 b, in Bezug auf Exodus 24, 5 vergleiche auch Joma 52 a). Das jahrhundertelange Bestehen des Gebrauches, ohne Beihilfe von Accentzeichen die heilige Schrift zu recitiren, beweist klar, daß ein Bedürfniß, die Melodie durch Accente festzulegen, nicht vorhanden war, zumal ja dieses Festlegen immerhin eine sehr unsichere Sache hätte sein müssen. Denn wer hätte die Beziehungen bestimmter Accente zu bestimmten Melodien ohne Weiteres herausfinden können? Wer, außer etwa dem Erfinder selbst, hätte diese auf rein äußerlichen Zeichen beruhende Notenschrift benutzen können? Was konnte einer Erfindung für ein Werth und Sinn zugesprochen werden, die es nicht in ihrer Macht hatte, klar und ohne Zweifel durchzudringe», die vielmehr in allen ihren Theilen auf die Willkür der Menschen, auf ihre Achtsamkeit und auf ihr mehr oder minder schwaches Gedächtniß angewiesen war? Alle diese Zweifel jedoch werden gehoben durch die Annahme einer allmöligen Entwickelung, die derart vor sich ging, daß man sich nach und nach auf denr allernatürlichsten Wege — da ja auch die musikalische Recitation an sich, für das Verständniß berechnet, ans die Keuntniß der Satzabtheilungcn und Satzkonstruktionen angewiesen war — daß man sich daran gewöhnte, in den ursprünglich zu rein exegetischen Zwecken erfundenen Accenten eine Beihilfe, eine Art mnemotechnische Beihilfe zur musikalischen Recitation zu erblicken. Höher liegt der Werth der Accente als Notenschrift überhaupt nicht. Es sind rein mnemotechnische Zeichen. Zur Gewißheit wird unsere Annahme jedoch, wenn wir auch nur einen flüchtigen Blick auf die exegetische Bedeutung der Accente werfen. Es geht durchaus nicht an, eine Parallele zwischen den Recitationszeichen der Juden und denen anderer Völker im frühen Mittelalter zu ziehen, und wenn es noch so unzweifelhast feststeyt, daß die Accentzeichen dieser Völker lediglich zum Zwecke der musikalischen Recitation erfunden worden sind, was zum Beispiel bei der unter dem Namen „Neumen" bekannten mittelalterlichen Notenschrift der Fall ift1), so beweist dies trotz verschiedener äußerlicher Aehulichkeiten für das hebräische Accentsystem umsoweniger etwas, als dasselbe in seiner wahren und vollerfaßten Bedeutung in der Geschichte der menschlichen Sprache absolut kein Analogon aufzuweisen hat. Oder wo ist eine zweite Sprache, die ein derart bis in die feinsten Distinktionen eingetheiltes System von Zeichen ihr eigen nennt wie die hebräische ihr Accentsystem? Wo vermag eine Sprache gleich der hebräischen mit Hilfe solcher Zeichen nicht nur die Konstruktion und den inneren Zusammenhang ihrer Satzgebilde aufzudecken, sondern sogar exegetische Feinheiten zum Ausdruck zu bringen, für die man sonst eines vollständigen geschriebenen Kommentares bedürfte? Ja, es ist nicht zu viel gesagt, wenn man der hebräischen Accentuation die Bedeutung eines Schriftkommentars zuspricht. Ich könnte zum Beweise hierfür auf sämmtliche Bibelkommentare der alten und der neuen Zeit verweisen, die der Accente als eines Beziehungen dieser Neumen zu den hebräischen Accenten vermuthet der Verfasser des Artikels „Accent" in Meyers Konversationslexikon und der gleichnamige Artikel in Reimanns Musiklexikon. Fleischer bemüht sich im ersten Theil seiner Neumenstudien, die Bedeutung des talmudischen nel'ma als Accentzeichen zu erklären, da es doch ursprünglich „Süßigkeit" bedeute: In Wahrheit kennt der Talmud keine Accentzeichen und neima bezeichnet die „Melodie", vom noam, süß, „anmuthig" sein. bedeutsamen exegetischen Hilfsmittels bis aus den heutigen Tag nicht 'entbehren können. Allein dies wäre nur ein halber Beweis; denn diejenigen Punkte, in welchen die Kommentare sich der Accente bedienen und sich von den Accenten leiten lassen, sind in den weitaus meisten Fällen die einfachsten Konstruktionsverhältnisse der Satziheile; zum Beispiel schließt Raschi in seinem Kommentar zu Deut. 29,20 rrn rrnnn “ifiDS aus dem trennenden Tipcha unter mimlbafc nn sich auf das Substantivum bezieht, und rechtfertigt dadurch die maskuline Form, indeß in Deut. 28, 61 nun minfi "1SD2 das Tipcha unter -|5jkj steht, daher das Femininuni regelrecht als zu rninn gehörig evident ist. Wären die exegetischen Hilfsmittel, welche uns die Accente bieten, nicht tiefergehend, als wir an diesem geradezu typischen Beispiel gesehen haben, so wäre unsere Ansicht von der Priorität des hernieneutischen Elements aus ihnen kaum zu beweisen; denn es könnte uns immer noch eingewendet werden, daß die Wiedergabe und Verständlichmachung solch einfacher syntaktischer Beziehungen auch im Interesse des Gesangsvortragcs gelegen habe, wie z. B. eine Klarlegung der Beziehung des nyn in dem obigen Beispiel sehr wohl durch den singenden Vortrag der Worte geschehen kann; es bliebe daher, so könnte man einwenden, immer noch die Möglichkeit offen, daß ursprünglich die Setzung der Accente lediglich diesem Gesangsvortrag zu liebe, zu seiner Unterstützung vollzogen worden ist. Wie aber nun, wenn wir exegetische und hermeneutische Beziehungen durch die Accente aufgedeckt und in den Accenten unwiderleglich ausgedrückt sehen, deren Aufhellung schon deswegen nicht einmal im Interesse des Gesangsvortrages gelegen haben kann, weil dieselbe durch die Modulation überhaupt nicht möglich ist, und weil kein Zuhörer solche hermeneutischen Beziehungen aus dem Vortrag hätte heraushören können? Dann dürfte doch wohl bewiesen sein, daß die Setzung der Accente, ohne alle Rücksicht auf den musikalischen Vortrag, lediglich zu rein exegetischen Zwecken stattgefunden hat! Einige recht eklatante Beispiele sollen dies klar machen. Die Wissenschaft von den Accenten hat sich im Laufe der Jahrhunderte aus einer rein äußerlichen Eintheilungsmethode des Accentsystems und Erörterung seiner Trennungsabstufungen zu einer tiefgehenden, auf den Grund der Sache dringenden, herausgearbeitet. Salomon Hanau (Hena), Wolfs Heidenheim,und Samuel David Luzzatto bilden das Dreigestirn am Himmel der neueren Accentwiffenschaft; ihre Forschungen, die ausschließlich dem hermeneutischen Element der Accentuation gegolten haben und gelten mußten, weil dieses Element allein sich als das lebensvolle, einer Entwickelung fähige erwiesen hat, während das musikalische Element, wie die Abzweigung verschiedener Melodiensysteme beweist, ohne Halt geblieben und zerfallen ist'), ihre Forschungen haben die Prinzipien der Accentsetzung im Dienste der Exegese wissenschaftlich dargestellt. Hanau entfaltet in dieser Beziehung in seinem Merkchen Schaare simrah eine Gründlichkeit und einen Fleiß, die Staunen erregen müssen. Keiner aber bietet ein so reiches Material wie Luzzatto. In Abhandlungen, Briefen sowie in seinen verschiedenen Kommentaren 0 Auch diese Thatfache ist ein eklatanter Beweis für die sekundäre Bedeutung des musikalischen Elements. Die spanisch-portugiesischen Juden bedienen sich bekanntlich eines durchaus anders gearteten Melodiensystems als die deutsch-polnischen, und diese wieder eines anderen als die ägyptischen Juden (vgl. die Tafeln in meinem „synagogalen Gesang" Seite 187). Was ist klarer, als daß dies bei den einzelnen Stämmen gangbare Melodien waren, die sich allmälig an ein und dasselbe Accentsystem angelehnt haben, das ihnen einheitlich in den Bibelhandschriften überliefert ward?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.