Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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380 das ist die Thoravorlesung, deren Melodien bekanntlich durch eine Art Notenschrift, die sogenannten Accente, bis auf den heutigen Tag fixirt sind. Von der modernen Notenschrift ist die der Accente insofern durchaus verschieden, als die moderne Notenschrift durch jedes einzelne ihrer Zeichen einen bestimmten Ton unfehlbar bezeichnet, während jeder der Accente nicht einen Ton, sondern stets eine ganze Reihe von Tönen, eine musikalische Phrase wiedergiebt. Ist es mit Hilfe der modernen Notenschrift durchaus möglich, Melodien ebenso genau zu überliefern wie Gedanken, so war die Notenschrift der Accente hierzu untauglich, weil sie stets auch das Gedächtniß zu Hilfe nahm, welches naturgemäß nur eine mangelhafte Garantie für gewissenhafte Ueberlieferung der Melodien bieten konnte. So ist es gekommen, daß selbst heute die Melodien, die man mit den Accenten verbindet, durchaus nicht absolut feststehen, sondern zahllose Varianten aufzuweisen haben. Man könnte zutreffend die Accentschrift als ein Art Notenstenographie bezeichnen. Es ist bekannt, daß die Accente neben ihrer Eigenschaft als Musiknoten auch eine Art hermeneutischen und grammatischen Charakters dadurch offenbaren, daß sie, in stärkere und schwächere Trenner sowie in verbindende Zeichen eingetheilt, durch ihre Stellung im Satz das syntaktische Verhältniß der einzelnen Satztheile sowie die Konstruktion des ganzen Satzgefüges deutlich machen. Es ist nun eine alte Streitfrage, deren Für und Wider in zahlreichen Schriften erörtert ist, welche der beiden Bedeutungen, die unsere Accente ausweisen, die ursprüngliche sei, ob die musikalische oder die hermeneutische. Hatten die Schöpfer und Erfinder der .Accente die Absicht, Noten aufzuschreiben, um den Gesangsvortrag der heiligen Schrift zu erleichtern und ihn für alle Zeiten festzulegen, oder wollten sie eine Beihilfe zur Erleichterung des Schriftverständnisses schaffen? In meiner obenerwähnten Schrift (Seite 492) habe ich mich der Meinung Derer angeschloffen, die in den Accenten den hermeneutischen Charakter als den ursprünglichen erkennen, während der musikalischen Seite der Accente nur eine sekundäre Bedeutung beizumessen sei. Dem Beweis dieser meiner Ansicht hatte ich bereits früher eine ganze Schrift gewidmet: „Das hermeneutische Element der biblischen Accentuation" (Berlin 1893, S. Calvary & Co.). Dort hatte ich die gesammte Entwickelung verfolgt, welche dieses hermeneutische Element der Accente innerhalb der Schrifterklärung durchgemacht hat, und war zu dem Schluß gekommen, daß gerade diese Entwickelung deutlich und unabweisbar auf die ursprünglich logische Bedeutung der Accente hinzeige. In einem Vortrag, den er im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" in Berlin gehalten, hat nun Herr Professor Dr. Oscar Fleischer meine Ansicht bestritten und ausgeführt,' daß von Anfang an mit den Accenten auch ein musikalischer Charakter verbunden gewesen sei. Fleischer stützt seinen Beweis, wie er mir selbst inzwischen auch brieflich mitgetheilt hat, auf Folgendes: a) Auf die Namen der Accente, die bei einigen (wie ols we—= jored) deutlich auf eine musikalische Bedeutung Hinweisen. b) Auf die Thatsache, daß im Alterthum das lebendige Recitiren mit bestimmten Tonfällen verbunden war. Also gaben die Accente, wenn sie das Verständniß unterstützten, zugleich eine bestimmte Melodie des Vortrags an. o) Auf die entsprechenden Erscheinungen bei anderen Mittelalter-- Völkern, wie spätere Griechen, Armenier, Inder u. a., die sich ähnlicher Accentsysteme bedienten, lediglich zum Zweck der musikalischen. Recitation. Was zunächst den ersten Punkt betrifft, so erledigt sich derselbe durchaus einfach, wenn wir annehmen, daß diese Namen den Accenten beigelegt wurden zu einer Zeit, wo bereits der — ja ohnedies mehr sinnfällige — musikalische Charakter die Oberhand gewonnen hatte; das hindert nichts an der Möglichkeit, daß, wie meine Ansicht es darstellt, die Accente ursprünglich lediglich zu einem rein logischen und, wenn man will, grammatikalischen Zweck erfunden wurden, ja sogar, wie wir später sehen werden, offenbar mit der Absicht, eine Art Kommentar zur Heiligen Schrift zu geben. Als man nun späterhin die ursprünglich jeder Notenschrift entbehrenden. mündlich überlieferten Melodien*) zur Thoravorlesung an die Accente anlehnte, was um so leichter möglich war, als im Grunde der Gesangsvortrag demselben Zweck diente wie die Accentuation, nämlich der Förderung des Verständnisses, da wird man, zumal naturgemäß mit der Vorstellung des Accentzeichens auch die von ihm dargestellte Melodie im Bewußtsein des Menschen auftauchte, da wird man, sage ich, auf dem natürlichsten Wege dem Zeichen einen Namen gegeben haben, der in der äußerlichen Beschaffenheit der zugehörigen Melodie seinen Grund hatte, wie z. B. ole we-jored, das ein Heben und Senken der Stimme bedeuten mochte. Dieser Name beweist für die Ursprünglichkeit, oder sagen wir besser für die Priorität, der musikalischen Bedeutung der Accente gar nichts, so lange nicht nachgewiesen ist, daß der Schöpfer der Accente zugleich ihre Namen aufgestellt hat. Diese Annahme widerspricht aber aller Wahrscheinlichkeit. Denn dann würde er wohl alle anderen Zeichen gleichfalls ihrer musikalischen Bedeutung entsprechend benannt haben, was aber, wie wir wissen, nicht, der Fall ist. Es ist vielmehr ein weit natürlicherer Weg der Entwickelung, daß diese Namen allmälig in Anlehnung an die von ben Accentzeichen involvirten Melodien sich herausgebildet haben. Ebenso hinfällig ist der Hinweis darauf, daß man selbst dann, wenn man das hermeneutische Prinzip als das grundlegende annimmt, auf ein musikalisches Element hinauskommt, deshalb, weil im Mittelalter noch, ebenso wie im Alterthum s), die Interpunktion beim lebendigen Recitiren mit bestimmten Tonfällen verbunden zu sein pflegte. Denn auch dies beweist noch lange nicht, daß die Interpunktionszeichen der Bibel, welches doch die Accente sind, den Melodien zu Liebe, zu ihrer Förderung und Unterstützung erfunden worden sind. Steht es doch fest, daß es eine Zeit gegeben hat, in der man mit Melodien recitirte, ohne durch Accentzeichen irgend welchen Anhaltspunkt für diese Melodien zu haben. Ganz bestimmt war dies der Fall in jener Zeit während des zweiten Tempels, wo man nach den Anordnungen der „Männer der großen Synagoge" in den Gebetsversammlungen Thoraabschnitte nebst Uebersetzung in die aramäische Landessprache recitirte. Es war aber auch der Fall noch im talmudischen Zeitalter, für welches man keine Spur von Accentzeichen hat auffinden können, während die Melodien zur Thoravorh Diese „Melodien" werden, ohne jede Rücksicht auf Accentzeichen, im babylonischen Talmud Berachoth 62a erwähnt: „Man gab bei der Thoravorlesung mit der rechten Hand die Hebungen und Senkungen der Melodien an." Vergl. Raschi zu St., der dem Talmud noch die Kenntniß der Accente vindizirt und daher erklärt: „Man führte die Hand nach der Melodie der Accente." Heute, wo die Ansicht von einem vortalmudischen Ursprung der Accente als abgethan gelten kann (vergl. 8. O. Luzzatto, Dialogue sur la kabbale S. 79 ff.), erkennen wir in jenem Gebrauch eine von dem Reisenden Petachja noch im zwölften Jahrhundert beobachtete Sitte, die mit Accentzeichen durchaus nichts zu thun hat. Die aus obiger Talmudstelle sich evident als einzig richtig erweisende Erklärung des talmudischen T'amim mit „Melodien" habe ich in meiner Schrift: Das hermeneutische Element S. 20 ff. aus alle anderen talmudischen Stellen angewendet, an denen dieser Ausdruck vorkommt. Das öfter erwähnte Pisuk T'amim (Nedarim 37a und b. Chagiga 6b) bedeutet danach nichts anderes als die durch den Gesangsvortrag im Text markirten Abtheilungen._ 2) Vergl. Cicero: De^oratore III, 43 ff.