Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228344--55696-3291924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
379 heit der Kolonisten sicherer gewinnen könnte als dnrch büreankratische Rücksichtslosigkeit und ökonomische' Strenge. Ferner müßte man die zwei obengenannten Herren Agenten dahin auskläre», daß die Gesellschaft I. C. A. an dem „Geschäfte" der Kolonisation nicht „reich" zu werden sucht, und daß ei» Angestellter der Gesellschaft I. C. A. sich sehr irrt, wenn er glaubt, seine Treue nicht anders beweisen zu können, als indem er bei jeder Kleinigkeit die Frage stellt: „Was wird denn die Gesellschaft davon haben?" Der Agent muß dahin aufgeklärt werden, daß, während er nur am Dienstag Dienst-Tag und Sprechstunde hat und dem Kolonisten in der Erntezeit, in der der Feldertrag des Kolonisten von der Laune nicht nur einer Woche oder eines Tages, sondern einer Stunde abhängig ist, — während er dem Kolonisten an einem anderen Tage sagt oder vielmehr ihn an schreit: heute sprech' ich nicht, so muß dieses Herrchen von einem Agenten wissen, daß der Kolonist — Sonnabends und an Feiertageir nicht dazu da ist, ihm Rede zu stehen. Der Agent hätte sich zu freuen, daß „seine" Kolonisten tolerant genug sind, ihn an ihrem Ruhetage ruhig vorbeireiten zu lassen und ihn fröhlich zu grüßen, und er müßte sich hüten, ihre religiösen Gefühle durch „geschäftliche" Fragen zu verletzen; der Agent müßte dahin aufgekärt werden, daß auch der Sklave eine Religion hat! Und endlich muß den Agenten klar gemacht werden, daß sie nicht russische Bauern vor sich haben und noch weniger solche Bauern, die vor dem Jahre 1862 die Knute, mit der ihr Leib gerissen wurde, geküßt haben, sondern daß sie Juden vor sich haben, die stolz darauf sind, Träger einer erhabenen Idee zu sein, in denen Gedanken bald eines Marx, bald eines Engels sich regen, und die jetzt schon sich dazu entschließen, ihre Söhne in Buenos Ayres lieber Hausirer und Krämer werden zu lasten, als sie von diesem oder jenem Agenten despotisch behandelt zu wissen! Wenn ich das bisher,Gesagte resümire, komme ich zu Folgendem: 1. Das Klima ist gut. 2. Der Boden ist fruchtbar. 3. Die Heuschrecke läßt noch immer für ein Jahr Lebensmittel, und einige Kolonisten können noch ihr Kapital an Vieh vergrößern. Das Schlimme dabei ist, daß die Kolonisten vor zwei Jahren Schulden gemacht haben, so daß sie mit jeder Ernte die vorjährigen Schulden decken und das laufende Jahr borgen müssen, und Borgen macht bekanntlich Sorgen. 4. Die Kolonisten arbeiten ohne entsprechende Ruheabwechselung und richten ihre Lebensweise schlecht ei», indem sie statt zu Mittag - erst Abends nahrhafte Kost einnehmen. 5. Gegen 80 pCt. der Kolonisten geht es gut. 6. Gegen 10 oder sogar 20 pCt. haben sich manches Mal über Ungerechtigkeiten zu beklagen. 7. Gegen 70 PCt. fühlen sich durch die Behandlung seitens der erwähnten Agenten tief verletzt, und ein solcher Druck auf das Gemüth trägt gerade nicht zur Zufriedenheit bei, und 8. fast Alle denken daran, über kurz oder lang Argentinien zu verlassen, und damit wird der größte Theil, nämlich 80 pCt., einen Leichtsinn knndgeben, denn sie haben hier ihr redliches Durchkommen. Ich bin folgender Meinung: Die Kolonisten werden lernen, vor der Heuschrecke keine Angst zu haben, und wenn sie sie über ihrem Felde ausgebreitet sehen, so werden sie nicht mehr gleich an Stütze denken und sich nicht mehr das Leben nehmen wollen, sondern geduldig abwarten mit dem Bewußtsein, daß bis zur Ernte alles wieder aufwachsen wird; die Kolonisten werden auch lernen, die Arbeit gut einzutheilen, und sie werden sich nicht mehr so abhetzen; sie werden auch ihre Lebensweise ändern und nicht mehr den ganzen Tag über Hunger klagen; sie werden auch wissen lernen, daß der Administrator Jeden schätzt, der auf Selbsthilfe sinnt, und Jeden schützt, der sich bei gutem Willen selbst nicht helfen kann. So werden iz sie sich allmälig hier eiubürgern, dann werden sie die kleine» Kosten nicht | scheuen, die man zum Schutze eines Gartens vor der Heuschrecke?! und der Ameise machen muß; dann werden sie nicht mehr j auf das einzige Fleisch und Brod angewiesen sein; dann werden sie \ sich nicht so viel ärgern, denn sie werden ja alles haben; dann werden sie nicht mehr Klagebriefe schreibe», und Juden, denen es in Rußland schlecht geht, werden einsehen, daß Argentinien gar nicht; so schlecht ist. Dann wird neues Leben unter die Kolonisten kommen, und Argentinien bleibt ihre neue Heimath; und fragt man mich: | auf wie lange? so muß ich antworten: bis die jüdischen Hausirer und Krämer in Buenos Ayres dem „liizo del preis" zur Last fallen werden! Soll die obengenannte Berbesterung zu Stande kommen, -j so muß das Verhältniß des Kolonisten zum Agenten geändert werden; lind ich sehe wirklich nicht ein, warum zweier junger Leute wegen, von denen der Eine närrisch dumm und der Andere herrisch schlecht ist, die Kolonisten leiden sollen, und somit auch der Ruf der I Kolonisation! Wenn die Knöpfe eines Rockes für die Knopflöcher j. zu groß oder zu klein sind, braucht man doch den Rock deswegen | nicht zu verbrennen; man reißt diese Knöpfe los, näht andere an, ) und der Rock bleibt ein guter Rock! L Und wenn der ehrwürdige Herr Rarciffe Leven, mit deni ich in Paris zu redeil die Ehre hatte, der Meinung war, daß die ganze ' Unzufriedenheit von den „Unterbeamten" herrühre, so hat er den? Nagel auf den Kopf getroffen. Warum man aber diese Unter-? beamten heute noch Oberherrscher über die Kolonisten sein läßt, das ist mir unbegreiflich. ' Zur Geschichte des fynagsgalen Gesanges. Bon Dr. A. Ackermann in Brandenburg a. H. s giebt kein Gebiet auf dem weiten Felde der jüdischen Geistesgeschichte, welches einen solchen Mangel an positiven Feststellungeii aufweist und mehr die Sucht nach Hypothesen wachruft als das Gebiet der jüdischen Musik, soweit man überhaupt von einer solchen zl> reden berechtigt ist. Ich verstehe hier j unter jüdischer Musik nicht etwa jene von Komponisten jüdischen Stammes geschaffene Musik, an der wir ja auch heute keinen Mangel haben, sondern jene Musik, die sich, vornehmlich als Gesang, in der historischen Zufluchtsstätte, welche dem Inden in der Diaspora geblieben, in der Synagoge entwickelt hat. j In meiner Schrift: „Der synagogale Gesang in seiner historischen Entwickelung" (bei Winter und Wünsche: Die jüdische Litteratnr, Band III, S. 475—529) habe ich es versucht, eine zusammenhängende f Darstellung der Art zu geben, wie diese jüdische Musik allmälig sich des Gottesdienstes bemächtigte und in demselben zu einem bedeutungsvollen lutegrirenden Bestandtheil sich gestaltete. ,* Gegen zwei Behauptungen, die ich im Verlaufe dieser Darstellung ausgestellt habe, und die man kaum mit dem Namen Hypothesen zu | belegen berechtigt ist, weil ich sie so gut wie bewiesen habe, gegen | zwei meiner Behauptungen sind nun gewichtige Stimmen laut geworden, welche dieselben bestreiten. I. | Das größte Hinderniß, welches einem zutreffenden Urtheil über j die Art des mittelalterlichen Synagogengesanges im Wege steht, ist der völlige Mangel an direkten Aufzeichnungen dieses Gesanges. t Nur ein Theil der synagogale» Musik macht hiervon eine Ausnahme, |