Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
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378 Gemeindevertretung beschließt die Versammlung einstimmig, den Gemeindetag im nächsten Jahre in Witten abzuhallen. Bei dem letzten Punkte der Tagesordnung, freie Besprechungen, nimmt die Versammlung folgenden Antrag Ostwald-Witten einstimmig an: „Der Gemeindetag wolle beschließen, den Verbandsgemeinden zu empfehlen, die Erziehungsanstalt in Ahlem zu unterstützen und den fach- und geschäftsmäßig gebildeten Schülern derselben nach Möglichkeit bei der Gründung einer Existenz behilflich zu sein." Nachdem noch dem Vorsitzenden für die vortreffliche Leitung der Verhandlungen der Dank der Versammlung durch Erheben von den Sitzen votirt worden war, schloß der erste Vorsitzende um 4l/2 Uhr Nachmittags den IX. ordentlichen Gemeindetag. An die Verhandlungen reihte sich ein gemeinschaftliches Mahl, an welchem etwa 120 Personen theilnahmen. Den Kaisertoast brachte Herr M. Kaufmann-Gelsenkirchen in schwungvollen Worten aus; noch manch treffliches Wort wurde bei Tisch gesprochen. So hat auch der diesjährige Gemeindetag einen schönen, würdigen Verlauf genommen und durch den Gang seiner Verhandlungen ein erfreuliches Zeugniß abgelegt für das rege Interesse, das die Synagogengemeinden unserer Provinz den bedeutsamen Aufgaben des Verbandes entgegenbringen. Besonderer Dank noch gebührt der Gemeinde Gelsenkirchen für die herzliche, gastfreie Aufnahme, die sie den Delegirten bereitet hat. Briefe aus Argentinien. Von I. Hurwitz. II. M^ch hätte mich mit dem bisher Gesagten begnügen und mein Ziel längst erreicht haben können, wenn ich darauf ausginge, die falschen Borstellungen, die man in Europa von der hiesigen Kolonisation sich gebildet hat, zu nähren; und ich bin der Ueberzeugung, daß fast alle Diejenigen, die von hier nach Europa Nachrichten übermitteln, die Absicht haben, die hiesige Kolonisation anzuschwärzen, denn sonst würde jeder Hiobspost eine nähere Erklärung folgen müssen, und aus der Erklärung würde man, wenn diese auch noch so einseitig wäre, ersehen können, daß Argentinien, ich will nicht behaupten: als ausschließlich und als dK beste Ort, aber mindestens als ein guter Platz geeignet ist, dem Kolonisten zwar nicht Reichthümer, aber ein redliches, sorgenfreies Durchkommen zu bieten und dem jüdischen Volke tüchtige jüdische Ackerbauer zu liefern, wiewohl es keinem Zweifel unterliegt, daß Palästina, oder besser gesagt, das des Juden Gemüth erhebende und sein Herz entflammende Wort „Erez Israel" mehr Kraft besitzt, dem russischen Juden wahre Liebe zur und innige Freude an der Erdarbeit einzuflößen. Das Bild, das ich gegeben habe, steht zwar nicht vereinzelt da, es giebt mehrere Kolonisten, denen die Ernte nicht für ein ganzes Jahr Nahrungsmittel gewährt; solcher giebt es, wenn ich hoch rechne, etwa 20 pCt., von denen die Hälfte aber ein kleines Kapital doch hat, nämlich eine ziemlich hübsche Anzahl von Vieh, so daß es ganz natürlich wäre, wenn der Kolonist in seiner Noch einen Theil von dem Sparpfennig nehmen sollte, de» er sich in der guten Zeit erworben hat. Und unter den übrigen 80 pCt. giebt es gar solche, die zwar auch keinen Pfennig im Baarem, aber auf der Weide Vieh im Werthe von 1500 und 2000 Pesos haben. Und warum leiden auch diese, im kleinen Maßstabe Gutsbesitzer zu nennenden Kolonisten? Warum sammeln die 90pCt. Pfennig zu Pfennig in den Sack hinein und fristen ihr Dasein so kümmerlich? Für welchen Tag samnieln sie, und für welchen Tag sparen sie? Ja, es giebt einen schwarzen Tag im Leben des Juden, es giebt einen Tag, der durch Roth. Elend, Hunger und Pest gekennzeichnet ist, der in der jüdischen Geschichte so viele Male wiedergekehrt ist, und von dem jeder Vater seinem Kinde seit vielen Jahrhunderten unaufhörlich gar tranrige, herzzerreißende und Mark und Bein erschütternde Geschichten zu erzählen weiß; für diesen — Auswanderungstag spart der Jude schmachtend und hungernd Pfennig zu Pfennig! Und das ist die Hauplquelle aller Unzufriedenheit fast aller hiesigen Kolonisten: sie fühlen sich hier unter dem kleinen Haufen Juden von kaum 800 Familien elend und verkästen, und sie denken immer und immer an das Wandern, an das Wandern! Und nicht zuletzt trägt die Administration selbst zur Verbitterung des Lebens des Kolonisten bei. Der Administrator, H. Lapine, in besten Hand das Glück und die Zufriedenheit von den 556 Familien in Clara liegt, und von dem vielleicht die Zukunst der Kolonisation abhängt, da er durch seine Bildung und Intelligenz, durch seinen Scharfsinn und seine Umsicht, durch sein festes Ziel, die Kolonisten selbständig zu machen, und nicht zuletzt durch seine musterhafte, nichts zu wünschen übrig lastende Oekonomie das ungetheilte Vertrauen der I. C. A. gewonnen hat, welches er zu gewinnen auch verdient, der gegenwärtige Administrator, sage ich, ist der beste von allen bisherigen Administratoren, den auch die Kolonisten selbst trotz seiner mitleidslosen Konsequenz und bis zur Härte steigenden Strenge als den besten Administrator anerkennen, dem sie aber — nicht trauen. Während seine Vorgänger jedem geringsten Wunsche der Kolonisten nachgekommen sind und somit Schnorrer herangezogen haben, sucht H. Lapine mit diesem Loswerden-System einfür allemal zu brechen, und daß die Kolonisten seine Konsequenz mit Härte verwechseln, ist leicht begreiflich. Und in der That weicht er von seinen Prinzipien in keinem noch so dringenden Falle ab, so daß er manches Mal in Ungerechtigkeit gegen die Kolonisten verfällt, und das kommt daher, weil er seinerseits den Kolonisten auch — nicht traut. Das ist der Fluch des gegenseitigen Mißtrauens! Die Kolonisten finden bei dem Administrator keine Anerkennung ihrer Thätigkeit; sie erfahren von den Agenten Beleidigungen und Erniedrigungen. Gegen „Lapine" — des Administrators Name ist hier populär — haben die Kolonisten nichts, mit einer kleinen Ausnahme von Streitsüchtigen und Aufwieglern; die ganze Erbitterung der Kolonisten verschulden die sogenannten Agenten, die Beamten, mit denen die Kolonisten am meisten in Berührung kommen, und die gewistermaßen Vermittler zwischen dem Kolonisten und dem Administrator sind. Während Lapine bei aller Strenge, Konsequenz und Prinzipientreue doch nicht vergißt, daß vor ihm ein sich unglücklich fühlender Kolonist steht, und er die Schranken des Anstandes, der Höflichkeit und der menschlichen Würde nicht überschreitet, erlauben sich die Agenten Grobheiten gegen die Kolonisten, ja einer von diesen Agenten läßt sich hin und wieder zu Handgreiflichkeiten hinreißen! Der Administrator traut nicht den Kolonisten, weil er weiß, daß unter den um Unterstützung Bittenden sich solche befinden, die sich selbst helfen könnten. Sache der Agenten müßte es aber sein, dem Administrator alle diejenigen Kolonisten anzuzeigen, die thatsächlich unterstützt werden müssen, oder deren Lage einer Verbesserung bedarf. Jeder Agent aber glaubt dadurch seine Tüchtigkeit zu zeigen, daß „seine" Kolonisten keiner Verbesterung bedürfen, und jeder Agent brüstet sich förmlich, wenn er „seinen" Kolonisten solche Angst eingeflößt hat, daß sie an einer Versammlung von Kolonisten nicht theilnehmen. So arbeiten die Agenten — es sind zwei an der Zahl, die übrigen drei Agenten sind gegen die Kolonisten milder — dem Ziele des Administrators gerade entgegen, da Selbständigkeit nur durch Einigkeit erreichbar ist. Und wenn das Ziel, das der Administrator vor Augen hat, über alle Kritik erhaben ist, so sind doch nicht alle seine Wege die besten. Ich bin nämlich der Meinung, daß er durch ideale Nachsicht und pädagogischen Ernst die Zufrieden-