Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW^^M 876 der von den ernannten Börsenmaklern („agentsde change“) gebildet ist, find die Juden so gut wie gar nicht vertreten. Die Körperschaft bestand vor der vorjährigen Neuordnung der Börse aus sechzig Mitgliedern. Jetzt zählt fie deren achtzig. Unter diesen sind nur fünf Namen, die auf einen jüdischen Ursprung Hinweisen, obschon mindestens drei ihrer Träger — und vielleicht schon im zweiten Geschlecht — Christen sind. 75 von den 80 Börsenmaklern sind jedenfalls arische Franzosen und Elsässer, und selbst unter ihren nicht genannten Theilhabern und Einlegern, deren manches Maklerhaus sechs bis zehn zählt, sind Juden so gut wie gar nicht anzutreffen. Die Körperschaft der Börsenmakler besteht seil Ludwig XIV. Sie war immer sehr ausschließlich, wachte eifersüchtig über ihr Vorrecht und ergänzte sich durch eigene Wahl. Bor zweihundert Jahren gab es in Paris an der Börse überhaupt keine Juden. Zu einer bevorrechteten Stellung gleich der eines vom König ernannten Börsenmaklers wären sie in keinem Falle zugelassen worden. Nach der großen Umwälzung und besonders nach dem ersten Kaiserreich hätte die schroffe Ausschließung sich nicht länger durchführen lassen, die Körperschaft nahm also seit dem Beginn dieses Jahrhunderts in jedem Geschlechtsalter eine kleine Anzahl Konzesstonsjuden auf, wie streng adelige Offizierkorps den berühmten einen Konzessions- Schulze aufnehmen; aber die herrschende, bis heute unveränderte Ueberlieferung der Börsenmakler ist ein äußerlich höflicher, innerlich sehr gediegener Antisemitismus. Die Waffe, mit der das „Parket", wie man die Körperschaft der Börsenmakler nennt, im vergangenen Jahre den Krieg gegen die Kulisse führte und auch siegreich beendete, war die Judenfeindschaft; das Parket hetzte gegen die Kulisse oder gegen einen „Ring deutscher Juden", und damit gewann es die öffentliche Meinung für sich. Wenn das Parket dies nur irgend kann, giebt es jeder Börsenbewegung, die sich einigermaßen dazu eignet, eine antisemitische Spitze. Das Pyrket war es, das den Schwindelgründungen Bontoux' den Charakter eines Vernichtungskrieges gegen die jüdische Finanz andichtete. Bontoux selbst dachte Anfangs gar nicht daran, das Publikum konfessionell auszubeuten. Die Börsenmakler thaten erst den fanatischen Zug in seine Geschäfte hinein. Ebenso war es das Parket, das die Sage erfand, Panama sei von den Juden zu Grunde gerichtet worden. Die Makler unterstützten Lesseps, wie sie Bontoux unterstützt hatten, und als der Zusammenbruch eintrat, sprengten sie, um ihre eigene Unfähigkeit und Schlimmeres zu verdecken, das gern geglaubte Märchen aus, diese beiden katholischen Ehrenmänner seien der jüdischen Bosheit erlegen. Das Parket thut auch jetzt, was es irgend kann, um der klerikalen Partei gegen die heutige Regierung zu dienen. Das Wohl der kleinen Sparer und des Landes ist die geringste Sorge der Börsenmakler. Ihr Hauptbestreben ist, den „Dreyfusards" so viel Böses wie möglich zuzufügen und sich den Dank und die Anerkennung der Kreise zu verdienen, deren Zierden der Graf de Mun und der Herzog von Audiffred-Pasquier, deren leitende Geister der Provinzial Pater du Lae und der Pater Bailly, deren Organe die „Libre Parole", die „Berits" und die verschiedenen „Croix" sind. fr Eine sehr wichtige Mittheilung über die Stellung der Pforte zum Zionismus erhalten wir auf dem Umwege über Budapest. Bekanntlich werden schon seit längerer Zeit von der Wiener Leitung der zionistischen Bewegung Schritte unternommen, um die Zustimmung des Sultans zur Ansiedelung von Anhängern des Zionismus in Palästina zu erwirken. Man wandte sich zu diesem Behufe an einen türkischen Staatsmann, der Einfluß im Palais besitzt und den Plänen der Zionisten entgegenzukommen bereit ist. Die Stadt Jerusalem selbst und ihre Umgebung sollen mit Rücksicht auf die heiligen Stätten der Christenheit von der Besiedelung durch Zionisten ausgeschloffen sein. Man denkt vielmehr an die übrigen Theile Palästinas und Syriens. Dem Sultan sind bereits drei Berichte in dieser Angelegenheit unterbreitet worden, worin die volkswirthschaftlichen und politischen Vortheile auseinandergesetzt werden, die der Türkei aus der Verwirklichung der Absichten der Zionisten erwachsen würden. In der Umgebung des Sultans hat sich jedoch eine starke Gegenströmung geltend gemacht; man wies darauf hin, daß die Israeliten in Erinnerung an ihr altes Königreich Juda im Laufe der Zelt an dessen Wiedererrichtung denken können, und daß es demnach klüger sei, ihre Masseneinwanderung von vornherein nicht zu gestatten. Die Gegengründe, die angeführt wurden, blieben ohne Wirkung. Die dem Sultan zu Gunsten der Zionisten unterbreiteten Berichte sind vielmehr unbeantwortet geblieben, so daß vorläufig wenigstens die Aktion ergebnißlos verlaufen ist. fr In der Transvaalsache ist leider ein Beschluß der Volksvertretung in Pretoria zu verzeichnen, der erkennen läßt, daß diese dem Bestreben der Republik, unzeitgemäße hemmende Schranken des politischen Lebens innerhalb der Republik zu beseitigen, nicht in jeder Beziehung zu folgen geneigt ist. Wie aus Johannesburg gemeldet wird, hat der Volksraad am Montag in geheimer Sitzung beit Antrag des Präsidenten Krüger auf Beseitigung der mit dem Glaubensbekenntniß zusammenhängenden Beschränkungen der politischen Rechtsfähigkeit für Katholiken und Juden mit 16 gegen 12 Stimmen abgelehnt, so daß diese nicht in gleicher Weise wie die anderen Bekenntnisse ihr Wahlrecht ausüben, Wahlbezirke' im Volksraad vertreten und Staatsbeamte werden können. Protokoll drs neunten ordentlichen Cenreindetages des Verbundes der Kynagogen-Eemeinden Westfalens. Gelsenkirchen, den 9. Juli. ^N^uf dem heute hier abgehaltenen neunten ordentlichen Gemeinde- Jjüfe tage des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens, zu welchem die Einladungen ordnungsmäßig erlassen waren, sind folgende 20 Berbandsgemeinden mit 47 Stimmen vertreten: Bielefeld, Bochum, Borgholzhausen, Castrop, Dortmund, Dülmen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herford, Hörde, Lippstadt (neue isr. Gemeinde), Minden, Münster, Neuenkirchen, Soest, Rheine, Unna, Wattenscheid, Witten. Außerdem wohnten Vertreter der beiden rheinischen Gemeinden Essen und Steele den Berathungen über die Asylangelegenheit bei. Die Präsenzliste ergab die Anwesenheit von 71 Delegirten. Eröffnung der Sitzung: 91/2 Uhr. Vor Beginn der Verhandlungen begrüßte der erste Vorsitzende des Verbandes, Herr Moritz Katzenstein-Bielefeld, die Anwesenden; in herzlichen Worten gedachte er sodann des verstorbenen Herrn Wolff Schönbeck-Nieheim, der seit Begründung des Verbandes dem Ausschüsse desselben angehört und stets ein warmes Interesse für unsere Bestrebungen bekundet hatte. Die Versammlung ehrt sein Andenken durch Erheben von den Sitzen. Nunmehr wurde zur Bildung des Büreaus geschritten. Die Wahl des Herrn M. Katzenstein-Bielefeld zum ersten und des Herrn I. Steinberg-Münster zum zweiten Vorsitzenden erfolgte einstimmig durch Zuruf. Zu Beisitzern berief sodann der Vorsitzende die Herren Daniel Klestadt-Gelsenkirchen und Adolf Elias-Dortmund, zu Protokollführern die Herren L. Cohen - Dortmund und M. Kaufmann - Gelsenkirchen. Nunmehr begrüßte der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogen- Gemeinde Gelsenkirchen, Herr Daniel Klestadt, die Erschienenen auf das Herzlichste, den Berbandsbestrebungen und den heutigen Verhandlungen den besten Erfolg wünschend. Ihm dankte Herr Katzenstein Namens der Versammlung. Zum ersten Punkt der Tagesordnung, Bericht über die Thätigkeit im achten Geschäftsjahre, liegt der Jahresbericht gedruckt vor. Derselbe ist bereits vor drei Wochen gleichzeitig mit der Tagesordnung den Berbandsgemeinden in einer größeren Anzahl von Exemplaren zugesandt worden. Auf seine Verlesung wird deshalb verzichtet. Die Mittheilung des Berichtes über den Stand der Lesebuchfrage ergänzt Herr Seminardirektor Dr. Gutmann-Münster Namens des Ausschusses dahin, daß der Herr Kultusminister unterm 6. Juni er. dem ihm seinerzeit einge-