Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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MMMBWMjfjBWWWWWWHimiMiWWaWIBWBBiSaiaBegWW^^ -375 - Berlin, 9. August. ir haben seinerzeit die Mittheilung süddeutscher Blätter regiftrirt, daß ein jüdischer Gerichtsassessor in Hessen, der sich des besten OtiifeS erfreut, sich um das schwere und verantwortungsvolle Amt eines — Hilssgerichtsschreibers beworben hat, aber abgelehnt wurde. Offenbar ist der hessische Staat aber im Inneren noch nicht gefestigt genug, um einen jüdischen Subalternbeamten vertragen zu können. Der Justizminister schlug darum dem Bewerber seine Bitte rundweg ab mit der Begründung, daß der antisemitische Theil der Bevölkerung an der Anstellung eines Juden Anstoß nehmen ivürde. Unglücklicher kann eine Begründung nicht gesunden werden. Wenn rothhaarige Menschen einem Theil der Bevölkerung mißfallen, müffen nach der Logik des Justizministers auch rothhaarige Beamte mißfallen. Wenn die Bauern Mißtrauen gegen Nadler habe», muß der Justizminister auch diese ablehneir rc. Kurz, es empfiehlt sich, alljährlich festzustellen, an welchen Leuten zur Zeit Anstoß genommen wird! Die Ablehnung jenes jüdischen Gerichtsassesiors, der trotz zehnjährigen Studiums sogar zum Hilfsgerichtsschreiber untauglich ist, hat in jüdischen Kreisen starke Erregung hervorgerufen. Wie der Fall besprochen wird, dafür seien drei Stimmen angeführt, die auch zeige», welche Strömungen dem Antisemitismus gegenüber herrschen. Im „Mainzer Tageblatt" schreibt ein Israelit: „Die hessischen Israeliten sind mit ihrer Regierung vollkommen zufrieden. Wir leben unter einem Fürsten, der wiederholt gegen den Antisemitismus seine starke Mißbilligung sowohl selbst ausgesprochen hat als durch den Oberstaatsanwalt hat aussprechen lassen. Titel, Orden und hohe Stellungen haben Juden im Großherzogthum übergenug; in Handel und Wandel werden wir nach jeder Seite hin geschützt und gefördert. Nach jüdischen Richtern haben wir gar keine Sehnsucht. Fragen Sie doch nur einmal in Preußen, ob die jüdischen Amtsrichter daselbst bei ihren Glaubensgenossen so beliebt sind. Um möglichst unparteiisch zu erscheinen, wird jeder Jude erbarmungslos „verdonnert". Wenn in Orten mit stark jüdischer Bevölkerung Herren extrem antisemitischer Gesinnung als Einzelrichter angestellt werden, so ist das allerdings bedauerlich, aber die Jnstallirung jüdischer Richter ist dafür kein Heilmittel, noch weniger die Ausbeulung bedauerlicher Vorkommnisse, wie sie überall Vorkommen können und Vorkommen. Eher kann dies das Gegentheil bewirken. So haben zu den antisemitischen Allüren des Centrums die jahrelangen, bis in die neueste Zeit fortgesetzten Angriffe der „Franks. Ztg." auf katholische Einrichtungen, wie mir ein befreundeter Führer der Ultramontancn jüngst versicherte, nicht wenig beigetragen." Darauf erwiederte in dem gleichen Blatt „Auch ein Jude", indem er die Auslassungen des ersten Juden als ein „trauriges Bild unmännlichen Duldens" bezeichnete: „Ich erkläre, daß hinter dem Herrn, der sich für die gnädige Strafe bedankt, die hessische Judenheit nicht steht, daß man in jüdischen Kreisen aller politischen und religiösen Richtungen mit äußerster Entrüstung und tiefer Beschämung von dieser Enunziation Kenntniß genommen hat. Unsere christlichen Freunde, die unsere Rechte in der Presse und im Parlament vertreten, haben wiederholt ihrem Erstaunen und Bedauern Ausdruck gegeben, daß sie im Kampf um die Gleichberechtigung der Juden von Denen, für die sie kämpfen, nicht oder nicht genügend unterstützt werden. Unsere christlichen Freunde mögen daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Jahrtausende lange Bedrückung hat aus dem Volke, dem die Makkabäer entsprossen, ein furchtsames Häuflein gemacht, das nur noch Kraft zum Leiden zu haben scheint. Jahrtausende lange Bedrückung hat es vermocht, daß man Erniedrigungen aller Art ohne Murren hingenommen hat. Heute erleben wir das traurige Schauspiel der Selbsterniedrigung. So weit kann der jüdische Duldersinn nicht gehen, um auch das zu ertragen. Das Judenthum muß die Rechte verlangen, die ihm gebühren; thut es das nicht, dann verdient es die Behandlung, die ihm in Hessen offiziell zu Theil wird." Die Meinung des letzten Korrespondenten ist auch die unsere. In der ersten Einsendung liegt, unzweifelhaft eine häßliche Verun' glimpfung der jüdischen Richter, die nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann. Der jüdische Richter ist ja nicht in sein Amt eingesetzt, um sich beliebt zu machen, sei es bei Juden oder Nichljudm, sondern um objektiv und gewissenhaft Recht zu sprechen. Das fehlte aber gerade noch, daß wir Inden selbst die Antisemiten in ihren verlogenen Anschuldigungen zu unterstützen versuchen. Zu den statistischen Erhebungen, die wir in der letzten Nummer gebracht, erhalten wir von geschätzter Seite folgende werthvolle Miltheilungen: In der von Ihrem Blatte S. 362 gebrachten statistischen Darstellung, welche nach Ihrer Mittheilung einem andern jüdischen Blatte entnommen ist, findet sich folgende Betrachtung: Für das Jahr 1853 wurde die Bevölkerung Deutschlands, d. h. der Länder des Deutschen Bundes, zu welchem damals auch Oesterreich gehörte, auf 42 Millionen und die Zahl der daselbst ansässigen Inden mit rund 400000 angegeben. Seither sind die österreichischen Länder von Deutschland getrennt worden, wogegen nur kleine Gebiete (Schleswig- Holstein, Lauenburg und Elfaß-Lothringen) dem Reiche hinzugesügt wurden, und dennoch find die obigen für das Deutsche Reich beigefügten Ziffern so bedeutend höher. Diese Bemerkung ist historisch ebenso unrichtig, wie sie für statistische Zwecke unbrauchbar ist. Historisch unrichtig, denn zum Deutschen Bund gehörten Posen, Weftpreußen und Ostpreußen nicht. Ebenso bildeten von Oesterreich nur die deutschen Provinzen — also namentlich nicht das an Juden zahlreiche Galizien — einen Theil des Deutschen Bundes. Um die Thatsachen richtig zu würdigen, darf man nicht an die jetzige Einwohnerzahl von Berlin und Wien und anderen westlichen Landestheilen denken, sondern muß sich vergegenwärtigen, daß damals der größere Theil dieser Bevölkerung noch in den zum gleichen Staatsverbande, aber nicht zum Bunde gehörenden östlichen Landestheilen lebte. In Preußen, wo zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Deutschlands leben, ist die Zahl der Juden von 13,40 pro 1000 im Jahre 1852 auf 13,21 im Jahre 1871, 12,42 im Jahre 1890 und 11,90 im Jahre 1895 zurückgegangen. Wesentlichen Werth lege ich dabei nur auf die letzten drei Ziffern, bei welchen der Begriff Preußen dieselben Landestheile bedeutet, und die Ziffer aus dem Jahre 1852 führe ich nur an, weil in Ihrer Statistik die Ziffer aus dem Jahre 1853 angegeben wird. Eine vernünftige Statistik kann immer nur Gleiches mit Gleichem in Parallele stellen, nicht die Ziffern des Deutschen Reichs und des Deutschen Bundes, zweier gänzlich verschiedener geographischer Einheiten. — Was übrigens das Deutsche Reich betrifft, so ist hier die Zahl der Juden in ähnlicher Weise prozentual zurückgegangen wie in Preußen, nämlich von 1,25 pCt. im Jahre 1871 auf 1.15 pCt. im Jahre 1890. Die Ziffer sür 1895 habe ich nicht bei der Hand, soweit ich wiche erinnere. ergiebt sie einen weiteren prozentualen Rückgang. Das sind übrigens längst bekannte Thatsachen. Der Statistiker, der gebührenderweise die Ergebnisse von 1895 als der letzten Volkszählung hätte angeben müffen, bringt angeblich die Ziffern sür 1890. In Wirklichkeit betrifft nur die Gesammtziffer von ca. 49 Millionen das Jahr 1690, die Einzelziffern, nämlich ca. 29 Millionen Protestanten (20 bei Ihnen ist ein Druckfehler), 16 Millionen Katholiken rc.. sind die Ziffern aus dem Jahre 1885. In der That geben denn auch die Einzelziffern addirt nur die geringere 1885er Zahl von ca. 45^ Millionen statt der 49 Millionen Einwohner von 1890. 6. Gemeinhin wird von den französischen Antisemiten die Pariser- Börse als die Domäne der Judenheit ausgegeben. Da ist es denn sehr interessant, zu lesen, wie der „Figaro" die Unsinnigkeit dieses Märchens nachweist: In der „Kulisse", das heißt auf dem nicht bevorrechteten, gesetzlich nicht anerkannten, nur geduldeten Nebenmarkte, der allerdings für einige Werthe der Hauptmarkt ist, sind die Juden thatsächlich in der Mehrheit, und die jüdischen Häuser sind nicht nur zahlreicher, sonder» auch bcdeutender als die nichtjüdischen. Auf dem amtlichen Markte dagegen,