Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228343--55685-3291912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
63. Jahrgang. Ar. 31. Lerttn. 4. August 189Z. Weikage zur „AUgemeinen Zeitung öes Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. e/s Berlin, 30. Juli. Abermals haben wir von einem schmerzlichen Verlust zu berichten, den das Judenthum erlitten hat. In der Nacht zum 26. d. ist hier nach langen und schweren Leiden der rühmlichst bekannte Musikpädagoge Professor Emil Breslaur gestorben. Er hat sich um den Unterricht in der Musik und speziell um dieSynagogenmusik große Verdienste erworben. Seine praktische Erfahrung im Unterricht regte ihn dazu an, sich auch litterarisch in der Mufikpädagogik zu bethätigen. In der Lehrthätigkeit liegt der Schwerpunkt der Lebensarbeit Breslaurs. Doch darf darüber nicht vergessen werden, daß er auch Eigenes, werthvolle Chorsachen, Lieder, Klavierstücke u. a. aufzuweisen hat. Sein Hauptwerk ist das Buch „Die technische Grundlage des Klavierspiels", das 1874 zuerst erschien und wiederholt neu aufgelegt wurde. Es folgten: „Technische Uebungen für den Elementar-Klavierunterricht", die „Methodik des Klavierunterrichtes in Einzelaufsätzen", die „Melodiebildungslehre auf Grundlage des harmonischen und rhythmischen Elements", das „Musikalische Konversationslexikon" u. a. m. Weite Verbreitung fand Breslaurs „Klavierschule". Auf die bessere Gestaltung des allgemeinen Musikunterrichtes versuchte er durch mehrere Broschüren, wie diejenigen „Zur methodischen Uebung des Klavierspiels" und „Ueber die schädlichen Folgen des unrichtigen Uebens" einzuwirken. Auf das gleiche Ziel ist Breslaurs 1878 begründete pädagogische Zeitschrift „Der Klavierlehrer" gerichtet. Von seiner eingehenden Kenntniß der jüdischen Liturgik zeugt sein Vortrag über den Ursprung der. Synagogenmelodien, der großes Interesse erregte. Breslaur ist aus dem Lehrerstande hervorgegangen. 1836 zu Kurnik — nicht, wie die Tagesblätter melden, in Kottbus — geboren, besuchte er zuerst das Gymnasium, dann das Seminar zu Neuzelle. Nachdem er die Lehrerprüfung bestanden hattewurde er Religionslehrer und Prediger der jüdischen Gemeinde zu Kottbus. 1863 gab er diesen Posten auf, um sich ganz der Musik zu widmen. Er studirte vier Jahre am hiesigen Sternschen Konservatorium als Schüler Jean Vogts, H. Ehrlichs, Fl. Geyers, Fr. Kiels, H. Schwantzers und I. Sterns. Von 1868 bis 1879 war Breslaur Lehrer für Klavierspiel und Theorie und für Methodik des Klavierspiels an der Kullakschen Akademie. Später begründete er ein eigenes Seminar für die Ausbildung von Musiklehrern und -Lehrerinnen. Zur Förderung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der wissenschaftlichen und künstlerischen Bestrebungen des Mustklehrerstandes rief Breslaur 1879 einen Berliner Berufsverein ins Leben, den er später zu einem deutschen Verbände ausgestaltete. 1883 wurde Breslaur, als Nachfolger Sterns, Chordirektor an der Synagoge der jüdischen Reformgemeinde, und in dieser Stellung hat er bis in die letzte Zeit hervorragend gewirkt. 1874 wurde Breslaur durch den Professortitel ausgezeichnet. Emil Breslaur war seit Jahrzehnten ein treuer Mitarbeiter unseres Blattes und namentlich des „Jüdischen Bolksblattes" von Philippson. An allen Angelegenheiten des Judenthums nahm er regen Antheil, und mit besonderem Eifer wirkte er für den Reformgedanken innerhalb unserer Glaubensgemeinde. Alle, die ihn kannten, schätzten den milden, menschenfreundlichen, vortrefflichen Mann, und Tausende verloren in ihm einen treuen Berather und Freund. Sein Andenken wird daher unvergessen fortleben. Sit illi terra levis! Das Leichenbegängniß fand heute Mittag 12 Uhr unter reger Theilnahme aller betheiligten Kreise in Weißensee statt. Nachdem der von Breslaur früher geleitete Chor mit der von ihm komponirten Motette: „Du, Herr, bist unsere Zuflucht für und für" die Trauerfeier eingeleitet hatte, hielt Prediger Dr. Klemperer, anknüpfend an das Wort des großen Dulders: „Gott hat gegeben, Gott hat genommen", die Gedächtnißrede. Bon der Schwere des Verlustes sichtlich ergriffen, entwarf der Redner in großen Zügen ein treues Bild des Entschlafenen und stattete ihm, der so unendlich viel zur Hebung des Gottesdienstes der Reformgemeinde beigetragen hat, den Dank der Mitglieder dieser Gemeinde ab. Alsdann sang der Chor : „Es ist bestimmt in Gottes Rath", worauf die irdischen Ueberreste des uns so jäh entrissenen Emil Breslaur der kühlen Gruft übergeben wurden. Er ruhe in Frieden. Berlin, 31. Juli. Eine wohlverdiente Auszeichnung ist dem bekannten Kliniker Geheimen Medizinalrath Professor Dr. Hermann Senator durch seine Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor in der medizinischen Fakultät dcr Berliner Universität zu Theil geworden. Senator gehört der Fakultät seit 1868 an, in welchem Jahre er hier als Privatdozent für innere Medizin zugelassen wurde. 1875 wurde er außerordentlicher Professor, und 1888 erhielt er den Geheimrathstitel. Früher Chefarzt der inneren Abtheilung des Augusta-Hospitals, ist er seit 1881 dirigirender Arzt der dritten medizinischen Klinik der Charite und gleichzeitig der medizinischen Universitätspoliklinik. Die Zahl der Honorarprofessoren, früher sehr gering, ist in den letzten Jahren gewachsen, sie betrug bisher sechs. Senator ist 1834 in Gnesen geboren und hat, wie seine akademische Laufbahn, auch seine Studien ausschließlich in Berlin gemacht. Er war von Hause aus gänzlich unbemittelt und wirkte als bescheidener praktischer Arzt in Berlin im Rosenthaler Viertel, ehe er auf Grund seiner in der Mußezeit, die ihm die ärztliche Praxis ließ, ausgeführten wissenschaftlichen Arbeiten die Berechtigung der venia legendi der medizinischen Fakultät erhielt. Seit langen Jahren gehört er schon zu den gesuchtesten und beliebtesten Lehrern für die Jünger des Aesculap in Berlin. Unter seinen Fachgenossen ist er als einer der führenden Kliniker Deutschlands anerkannt. Auch sein Ruf als konsultirender Arzt geht weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus. Senator ist glaubenstreuer Jude, und als Repräsentant der Jüdischen Gemeinde in Berlin nimmt er seit vielen Jahren stets den lebhaftesten aktiven Antheil an der Regelung ihrer mannigfachen Interessen. 22 Berlin, 30. Juli. Die Rednerliste des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur in Deutschland weist auch diesmal eine stattliche Zahl klangvoller Namen auf. Rabbiner und Lehrer, Professoren, Rechtsanwälte, Aerzte, Kaufleute haben sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Auch die Themata der Borträge bieten ein reiches und zum großen Theil neues Programm aus allen Gebieten der Lehre und Geschichte des Judenthums dar. Augenblicklich ruht ja die Arbeit der einzelnen Vereine, aber es wäre doch dringend zu wünschen, daß die Vorstände bald nach der Rückkehr von den Sommerreisen an die Arbeit gingen, das Programm für die Wintersaison, sofern dies noch nicht geschehen, aufzustellen. Verbinden sich dann mehrere Vereine in einer Gegend rechtzeitig mit einander, so wird die Berufung auswärtiger Redner dadurch wesentlich erleichtert. Das Sekretariat des Verbandes in Berlin ist selbstverständlich gern bereit, in jedem einzelnen Falle die Vermittelung zwischen den Vereinen und den Rednern zu übernehmen sowie auch die Rednerliste allen, auch solchen Vereinen, die nicht zum Verbände gehören, zugänglich zu machen. Ganz besonders dringend empfehlen wir auch für den nächsten Winter den einzelnen Litteraturvereinen Vdrtrags-Cyklen über ein Gebiet der Geschichte oder der Wissenschaft des Judenthums, da sich solche, wo sie eingeführt wurden, außerordentlich bewährt haben. Auch hier ist die Berbandsleitung gern bereit, mit Rath und That beizustehen. B. Berlin, 29. Juli. Am Donnerstag fand hier eine Konferenz einiger angesehener Persönlichkeiten statt, zu dem Zweck, über ein Projekt, russische Juden in Cypern zu kolonisiren, zu berathen. Unter den Anwesenden waren Prof. Marburg, Dr. Nathan, Dr. Heinrich Meyer Cohn, Prof. Landau re. Einberufen war die Konferenz von einem Herrn Triesch, einem amerikanischen Israeliten, der besondere Propaganda für diese Idee macht. Er trug der Versammlung nach einem Bortrage über die BerhAtnifse Cyperns im Allgemeinen seine speziellen Ideen über die Kolonisation der russischen Juden auf dieser Insel vor. Er fand aber wenig Anklang mit seinen Vorschlägen, obwohl man allgemein der Meinung war, daß der Gedanke an sich nicht von der Hand zu