Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1899)
- Date
- 1899-08-04
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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■uu. lliWW|M.W'wpw»upili]iwmiljl | W} VNtMtMW^WWWWWWWWW 372 - Ich starrte sie in dumpfem Schrecken an. Ich hatte mich unlöslich verstrickt. Wie konnte ich ihr erklären, daß ihr Vater der Mtrünnige war, nicht ich. > „Leben Sie wohl!" sprach Fanny. „Werden Sie mit Gottes Hilfe ein besserer Jude!" Verzweifelt wendete ich mich ihr zu, aber sie winkte mir ab. „Berühren Sie mich nicht," rief sie, „gehen Sie fort!" „Aber ist denn keine Hoffnung für mich?" rief ich und blickte in das kalte, statuengleiche Antlitz, das mir jetzt, da ich es niemals wieder sehen sollte, schöner als je dünkte. „Keine!" erwiederte sie. Dann murmelte sie mit erstickter Stimme: „Keine für Sie und keine für mich." „Ah, Sie lieben mich also noch!" rief ich aus und suchte sie in meine Arme zu ziehen. „Fanny, mein Weib!" Sie riß sich von mir los. „Nein, nein!" sprach sie mit einer Geberde des Abscheus. „Es hieße den Namen meines tobten Vaters entweihen. Eher würde ich einen Christen heirathen, — ja sogar einen Katholiken, — als einen solch abtrünnigen Juden wie Sie. Bitte, verlassen Sie mich, oder soll ich klingeln?" Ich verließ sie, trauriger und klüger, als ich gekommen war. Aber selbst meine Klugheit nützte mir nichts, denn als ich mich nach dem Restaurant begab, um mit meiner Entdeckllng vor dem Wirth zu prunken, wurde mir auch dieser geringe Trost versagt. Er hatte sein Geschäft verkauft und war nach Italien zurückgekehrt. Me Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XVI. er Brief Reginas schloß mit folgendem merkwürdigen Bekenntniß: „Ich kann mir nicht helfen, diese Gedanken gewähren mir eine größere Erhebung, richten doch mich innerlich mehr auf, bringen mich dem Unendlichen näher, als es ein Spaziergang durch die große schöne Welt thut. Emanuel, mit dem ich bei meiner Rückkehr offen darüber sprach^ begreift mich darin, glaube ich, als der große Pantheist, der er ist. nicht so recht. Er citirte den Psalm, der mir von jeher so unbeschreiblich wohlgethan hat: „Ich hebe meine Augen zu den Bergen/ von denen mir Hilfe kommt", und fragte dann: „Kannst Du denn wirklich in dem weiten, unendlichen All nicht ebenso gut oder sogar noch besser beten?" „Beten gewiß, Emanuel. Aber sieh, ich kann es nicht so sagen, wie ich's meine. Meine ganze Jugend, die ganze Vergangenheit, nicht blos die meine allein, ersteht dort vor mir, nimmt mich in sich auf, wenn ich mich so ausdrücken darf." Er sah mich liebevoll an und küßte mich dann leise auf die Stirn. „Ich glaube, ich weiß, was Du sagen willst, kann es wenigstens zum Theil ahnend nachfühlen. Im Grunde meinen wir ja doch daffelbe. Geh niit Gott, Regina, wann immer Du willst." Ich glaube, er würde mich jetzt sogar gewähren lassen, wollte ich noch inehr zu den strengeren Satzungen zurückkehren. Davon aber ist keine Rede. Du darfst mich nicht falsch verstehen und meinen, die Abtrünnige, wie die Mutter mich nennt, kehre jetzt zurück und betrachte ihren ganzen bisherigen Lebenswandel als sündhaft. Nein, ich bi» so fest überzeugt wie nur je, dem großen, allmächtigen Schöpfer sind die Details meiner Lebensführung völlig gleichgiltig, so lange ich, so viel ich es vermag, nach immer größerer Vollkommenheit in Gedanken und Handeln strebe. Aber so innerlich ruhig wie jetzt bin ich seit Jahr und Tag nicht gewesen. Stets tönen in mir die Worte: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und feine Güte währet ewiglich!" Ewiglich! Es liegt doch etwas Wunderbares, über die Grenzen kleinlichen Menschenthums Hinaushebendes in jenem einen Wort! Und von diesem Gesichtspunkt aus kommt einem doch gar vieles in unserer im Vergleich zum grenzenlosen Ganzen so atomhaft winzigen Welt recht nichtig vor! Freilich muß ich persönlich zugeben, in allem, was Emanuel angeht, huldige ich solchen großen Anschauungen nicht. Oder vielmehr, um es etwas besser auszudrücken, meiner frauenhaften Einseitigkeit ist natürlich alles ihn Betreffende von Wichtigkeit, alles ist für mich eine Welt, meine Welt. Und dann möchte ich jetzt auch erst einmal über unsere nächste Zukunft ein wenig mehr im Klaren fein. Daß wir von nun ab durch zwei unerwartete Legate von zwei ledigen alten Tanten Emanuels materiell wieder viel sorgloser gestellt sein werden, wirst Du erfahren haben! Uebrigens weiß er jetzt, daß jene fünf Monate in Ermatingen einigermaßen knapp für uns waren. Dem Sehenden ließ sich natürlich) so manches nicht mehr verbergen. Fehlende Einrichtungsstücke und dergleichen gaben den ersten Anlaß; dann jedoch ruhte er nicht, bis er zum Schluß aller aus mir herausgefragt hatte. Als er nach einigen Schwierigkeiten, denn ich sträubte mich nach Kräften, wußte, was er wissen wollte, schaute er mich lange schweigend an. Hierauf aber ließ er meine Hand, die er während der ganzen Verhandlung fest in der seinen gehalten hatte, fahren lind zog mich, immer noch, ohne ein Wort zu äußern, voll mächtiger Ergriffenheit in seine Arme. Alphons, jener Moment wog fürwahr die ganze Periode des Mühens auf. Wäre ich nur sicher, daß Emanuel sich in rastlosem Arbeiten nicht gleich wieder zu Grunde richtet, dann hätte ich vorläufig feine weiteren Wünsche! Gar keine? Ach, keine, die erfüllbar sind, über die es gut thut, zu reden. Jst's auch am vorigen Freitag keine Heimkehr gewesen, das Heimweh ist doch in mir mit doppelter und dreifacher Stärke erwacht. Was gäbe ich darum, könnte ich einmal, in meinem alten Zimmer stehend, wieder das goldfunkelnde Zifferblatt der Uhr des Michaeliskirchthurms erblicken, könnte ich, wie ehemals Abends an meinem alten Platz am halbgeöffneten Fenster sitzend, das behagliche Schwatzen von Judith und Minna vor der Hausthür wieder vernehmen. Denkt Judith noch an mich? Oder hat auch sie mich unter die Heiden geworfen und erwähnt mich nicht mehr? Führt sie noch solche erbittert« Kämpfe mit der jeweiligen Köchin um vorhanden sein sollende, räthselhaft verschwundene Reste, bis die Mutter dazwischenfährt und mit einigen kurzen Worten Frieden aubefiehlt? Ja, die Mutter! O, was seid Ihr, die Ihr sie täglich seht, zu beneiden! Ich wünschte, — aber man soll nichts Unmögliches wünschen! Grüß die Heimath! Deine Regina. Als Alphons seiner Mutter diesen Brief von Anfang bis zu Ende vorgelesen hatte, herrschte, nachdem er verstummt war, vollkommene Lautlosigkeit im Zimmer. Endlich, als sie noch immer kein Lebenszeichen von sich gab, sagte er bittend, fragend: „Nun, Mutter?" Kaum verständlich kamen nach einiger Zeit aus der Ecke, in der sie halb zusammengesunken saß, die Worte: „Ich kann Dir nur mit dem Satz, den ich eben gehört habe, antworten: „Man soll nichts Unmögliches wünschen!"" .... (Forts, folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für dre Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.