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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-08-04 · Heft 31 (4.8.1899) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 31 (4.8.1899)
Date
1899-08-04
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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371 soweit er mir bekannt war, fand sich keine Handhabe für eine derartige Annahme. Mein Name Mendoza war ein guter alter andalusischer Name, und meine Vorfahren waren Generationen hindurch treue Söhne des einzig wahren Glaubens gewesen. Die Frage hat für mich auch jetzt kein Jntereffe mehr. Denn obschon ich gleich Cäsar von mir sagen kann, daß ich kam, sah. siegte, nicht nur über Fanny, sondern auch über meinen Nebenbuhler, bin ich doch noch Junggeselle. Ich hatte Martin überflügelt mit der Leichtigkeit, mit welcher ein Dampfer einen Nachen überflügelt, aber meine eigenen Lippen verriethen mich. Der Wunsch, das Gcheimniß des Restaurants zu erforschen, stürzte mich ins Verderben, denn wenn ein Weib kein Geheimniß bei sich behalten kann, kann ein Mann keines unerforscht lassen. Die Rosengärten der Liebe lagen offen vor meinen Füßen, aber der Dämon, der Besitz davon genommen hatte, verleitete mich zu einer Rede, welche die rothen Rosen mit Rallhreif und Eis übersilberte. Eines Tages saß ich bei ihr und hielt ihre liebe Hand in der meinen. Nähere Liebkosungen duldete sie nicht, da sie noch in Trauer war. So tief war das Pflichtgefühl in diesem schönen, warmblütigen Geschöpf, daß sie so kalt gegen mich war wie ihres Vaters Grabstein und ebenso voll Lob über seine Tugenden. Sie sprach auch jetzt davon, obschon ich gern zur Abwechselung die Rede auf die ihrigen gebracht hätte. Als Nothbehelf ergriff ich die Gelegenheit, um das noch immer schwebende Räthsel zu lösen, und vergaß ganz Balthasar Gracians weisen Rath: Saberso dexar ganando con la fortuna — Während des Gewinnes gieb dein Spiel auf. „Wissen Sie," sagte ich ernsthaft, „daß ich glaube, ich habe Ihren Vater einmal gesehen?" „Wirklich?" bemerkte sie voll Jntereffe, „wo denn?" „In einem Restaurant, wenige Meilen von hier. Es war kurz vor Mittag." „In einem Restaurant?" wiederholte sie. „Sehr unwahrscheinlich. Es giebt hier kein Restaurant, daß er möglicherweise besucht hätte, und gewiß nicht zu der von Ihnen genannten Zeit, weil er dann in der City zu thun hatte. Sie müssen sich irren." Ich schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich erinnere mich seines Gesichtes zu gut. Als ich seine Photographie sah, erkannte ich ihn gleich wieder." „Wie lange ist das her?" „Das kann ich Ihnen genau sagen." erwiederte ich. „Das Datum ist in meinem Herzen eingegraben. Es war am 24. Oktober." „Dieses Jahr?" „Dieses Jahr." „Den vierundzwanzigsten Oktober," wiederholte sie nachdenklich. „Nur wenige Tage vor fernem Tode. Armer Vater, Friede sei mit ihm! Am vierundzwanzigsten Oktober, sagten Sie?" fragte sie plötzlich. „Was ist's?" fragte ich. „Sie scheinen aufgeregt?" „Nichts, es kann nicht sein," fügte sie ruhiger hinzu. „Natürlich nicht." Sie lächelte schwach. „Ich glaubte —" sie zögerte. „Was glaubten Sie?" „Ach was, ich will Ihnen zeigen, daß ich mich geirrt habe." Sie erhob sich, zog einen kleinen, in braunes Papier gebundenen Band heraus und wendete die Seiten suchend um. Plötzlich kam eine Veränderung über ihr schönes Antlitz; sie stand bewegungslos, blaß gleich einer Statue. Ein kalter Schatten fiel auf meinHerz, das zwischen heftiger Neugier und der Furcht vor einer tragischen Lösung zwiespältig getheilt war. „Liebste Fanny, um des Himmels willen, was geht vor?" stieß ich heraus. ' „Reden Sie nicht vom Himmel," sagte Fanny in seltsam harten Tönen, „wenn Sie die Todten in solcher Weise beschimpfen!" „Die Todten beschimpfen? Wieso?" „Wieso? Am vierundzwanzigsten Oktober, war Jomkippur!" „Nun," sagte ich ganz verständnißlos, „und was dann?" Sie starrte mich an, wankte und hielt sich klammernd an dem Büchergestell fest. „Was dann?" rief sie in leidenschaftlicher Erregung. „Wagen Sie es, zu sagen, Sie hätten meinen Vater, der die Rechtlichkeit selber war, am Versöhnungstag in einem Restaurant essen gesehen? Vielleicht werden Sie nächstens die Vermuthung aussprechen, sein rascher Tod sei die gerechte Strafe des Himmels für seine Gottesleugnung gewesen?" In diesem Moment dämmerte in mir die Wahrheit auf und gleichzeitig das Bewußtsein, einen furchtbaren Mißgriff gemacht zu haben. Dieser Fasttag muß ungeheuer streng sein, und Fannys Vater war wahrscheinlich systematisch in jenes wunderliche, entlegene Restaurant gegangen, um da ungesehen sein Frühstück einzunehmen. Seine Nervosität, sein Unbehagen, sein Schrecken, als er mich erblickte, den er für einen Juden hielt, alles war nun erklärlich. Einmal des Jahres — das verschiedene Datum erklärt sich ans dem Unterschied in der jüdischen und christlichen Zeitrechnung — lenkte er seine Schritte verstohlen zu jener unheiligen Mahlzeit und genoß sie, ohne seinen Rnf als frommer Jude einzubüßen. Aber indem ich dem unschuldigen Mädchen die Heuchelei ihres Vaters aufdeckte, brachte ich mich wahrlich nicht vorwärts in ihrer Gunst. Es würde schon schwer genug halten, das Unheil, das ich bis jetzt angerichtet hatte, wieder gut zu machen. „Ich bitte um Verzeihung," sagte ich. „Sie haben Recht. Ich bin jedenfalls durch eine zufällige Aehnlichkeit irregeführt. Wenn Ihr Vater der fronime Jude war, wie Sie ihn schildern, kann er unmöglich der Mann gelvesen sein, den ich sah. Ja, und wenn ich mir's jetzt überleg», die Augenbrauen waren buschiger und das Kinn voller als das auf der Photographie." Ein Seufzer der Befriedigung entschlüpfte ihren Lippen. Dann aber wurde ihr Gesicht wieder finster, als sie es mir zuweildete und in duuipfem Ton, der mir eisig durch die Seele schnitt, fragte: „Ja, aber was thaten Sie denn im Restaurant am Versöhnungstage?" „Ich? — Ich? stammelte ich. Sie warf mir einen furchtbaren Blick zu. „Ich — ich — trank nur eine Tasse Chokolade," erwiederte ich mit schneller Geistesgegenwart. Wie Jederitiann weiß, ist es durch Erlaß des Papstes Paul V. allen guten Katholiken erlaubt, an Fasttagen Chokolade zu sich zu nehmen. Aber es scheint leider, daß diese fanatischen orientalischen Geißelbrüder nicht einmal einen Trunk Wasser während der vierundzwanzig Stunden erlaliben. „Ich freue mich über Ihr. Geständniß!" sagte Fanny mit vernichtender Schärfe. „Es beweist wenigstens einen Zug von Reue. Und ich freue mich, daß Sie Böses von meinem armen Vater redeten, denn dies hat mir Ihren wahren Charakter entlarvt, ehe es zu spät war. Sie begreifen natürlich, Herr Mendoza, daß unsere Bekanntschaft hiermit ein Ende erreicht hat." „Fanny!" rief ich bestürzt. „Erlassen Sie nur, bitte, jegliche Szene," sagte sie kalt. „Sie — Sie, der Mann, welcher so glühende Frömmigkeit, solchen Enthusiasmns für unsere heilige Religion heuchelte, sind ein Abtrünniger unseres Glaubens, ein Gottesleugner und Atheist."

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